HSV News

Fall Alidou: „Es muss das Ziel sein, die Talente zu binden“

| Lesedauer: 6 Minuten
Talent Faride Alidou (20) wird den HSV wohl ablösefrei verlassen.

Talent Faride Alidou (20) wird den HSV wohl ablösefrei verlassen.

Foto: Imago / Michael Schwarz

Der frühere HSV-Profi und heutige Schalker Nachwuchschef Schober über den Kampf um die Talente und den Fall Alidou.

Hamburg. Es ist schon sehr spät, als die Zoom-Leitung steht und Mathias Schobers Bild am Laptop erscheint. „Moin, moin“, sagt der frühere HSV- und Schalke-Torhüter, obwohl es bereits nach 19 Uhr ist. Am Nachmittag war der 45-Jährige, der seit Mai als Nachfolger von Peter Knäbel neuer Leiter von Schalkes Knappenschmiede ist, noch in Köln.

Im Franz-Kremer-Stadion in Köln-Sülz hatte sich der Nachwuchschef den Auftritt von Schalkes U23 gegen Kölns U23 angeschaut. „Es war ein sehr, sehr intensives Spiel mit hochinteressanten Nachwuchsspielern“, sagt Schober, der die 1:2-Niederlage von Schalkes Talenten verschmerzen kann. „Die 90 Minuten haben die Jungs weitergebracht. Es geht ja weniger um das Ergebnis, als viel mehr um die Aus- und Weiterbildung.“

HSV: Als Schober Bayern zum Meister machte

Kaum einer hat einen besseren Überblick über den Nachwuchs als Mathias Schober, der vor 20 Jahren eine denkwürdige Spielzeit lang mal das Tor des HSV hütete. Wer an Schober denkt, der denkt sofort an die vierte Minute der Nachspielzeit am letzten Spieltag der Saison 2000/2001, als der damals von Schalke ausgeliehene Keeper einen Rückpass von Tomas Uijfalusi mit der Hand aufnimmt. Den anschließenden Freistoß verwandelt Bayerns Patrik Andersson – und der Rest ist Geschichte. Der FCB ist Meister – und Schalke bleibt nur der Titel Meister der Herzen.

Das alles: lange her. Wer heute an Schober denkt, der müsste eigentlich zwangsläufig an Toptalente und Topausbildung denken. Seit rund zehn Jahren ist der frühere Torhüter nun schon bei Schalkes Knappenschmiede tätig, seit einem guten halben Jahr ist er ihr Chef.

„Es muss das Ziel sein, die Talente zu binden“

„Wir haben aus der Knappenschmiede Werte für den Verein geschaffen, die sehr wichtig für uns waren“, sagt Schober, als er im Podcast „HSV – wir müssen reden“ nach den herausragenden Schalke-Talenten gefragt wird, die mittlerweile in ganz Europa für Furore sorgen: Manuel Neuer, Mesut Özil, Leroy Sané, Julian Draxler, Joel Matip und Thilo Kehrer sind nur einige von zahlreichen Beispielen. Zuletzt kamen auch noch Juventus Turins Weston McKennie und Matthew Hoppe, der für 3,5 Millionen Euro zum RCD Mallorca wechselte, dazu. „Wir liefern immer nach“, sagt Schober.

Tatsächlich gilt Schalkes Nachwuchsarbeit seit mehr als einer Dekade als beste Talenteschmiede in Fußball-Deutschland – oder zumindest als eine der besten. Und auch in der aktuellen Schalker Mannschaft tummeln sich wieder jede Menge Rohdiamanten. Im erweiterten Kader sind gleich zehn Eigengewächse dabei, von denen besonders dem Innenverteidiger Malick Thiaw (Marktwert: 4,5 Millionen Euro) eine große Karriere vorausgesagt wird.

Dass auch der 20-Jährige irgendwann Karriere bei einem anderen Club machen wird, sei nun mal der Lauf der Dinge, sagt Schober. „Wenn das Angebot kommt, dann muss man sagen: so ist das Geschäft.“ Wichtig sei nur, dass man durch die Ausbildung und die Vertragsgestaltung einen Mehrwert für den Club kreiert: „Es muss das Ziel des Vereins sein, die Talente zu binden. Wenn die Spieler den nächsten Schritt machen, dann muss auch der Club davon profitieren.“

Schober: HSV-Talent Alidou hat speziellen Charakter

Dass seinem früheren Club HSV bei der Talenteentwicklung aktuell eine Art Worst-Case-Szenario droht, hat auch Schober in Gelsenkirchen mitbekommen. Denn Top-Talent Faride Alidou (20), den der HSV seit knapp zehn Jahren ausbildet, droht den Club am Saisonende nach seiner ersten Profisaison ablösefrei zu verlassen. Es wäre für den HSV ein echter Albtraum, da zehn Jahre mühsame Talenteentwicklung dem HSV keinen einzigen Cent einbringen würden.

„Ich kenne Faride Alidou schon aus der Jugend. Er ist ein spezieller Charakter, hab ich mir sagen lassen“, sagt Schober. „Aber gerade diese Jungs zünden irgendwann, wenn man sie denn lässt.“

Schober: Wie man mit Talenten wie Alidou umgehen muss

Tatsächlich gibt es im Nachwuchs des HSV mehr als nur eine Geschichte über Alidou, dem ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein nachgesagt wird. Sein Motto: No risk, no fun. Auch disziplinarisch hat es schon mehrere Fälle gegeben, die aber nie öffentlich wurden.

Für Schober, der ganz genau weiß, wie man mit schwierigen Charakteren umgeht, ist das der richtige Weg. „Manchmal brauchen die Jungs auch mal die zweite, dritte oder vierte Chance.“ Gleichzeitig sei es bei schwierigen Fällen nicht einfach, den Weg einer langfristigen Planung zu gehen. „Man kann auch nicht immer einen langfristigen Vertrag geben, wenn sich die Jungs mal etwas zuschulden haben kommen lassen.“

Aus Sicht von Schober ist für die Entwicklung eines Talents nicht zwangsläufig der Nachwuchsbereich maßgeblich, sondern oft sind es auch die entscheidenden Personen in einem Proficlub. „Es liegt ja nicht nur an der Jugendarbeit. Die Frage ist ja auch: Welcher Trainer traut sich, den Spieler reinzuschmeißen, und welcher Sportdirektor unterstützt den Trainer dabei?“

Schober hätte HSV-Talent gerne nach Schalke gelotst

Der HSV darf sich da auf einem guten Weg wähnen. So waren beim Spiel zwischen Schobers beiden Ex-Clubs Hamburg und Rostock gleich sieben Eigengewächse in Tim Walters 18er-Kader – wobei die Top-Eigengewächse Josha Vagnoman (21), Jonas David (21) und Stephan Ambrosius (22) sogar verletzt fehlten.

Das jüngste Talent vom Sonntag, den 18 Jahre alten Außenverteidiger Bent Andresen, hätte Schober vor ein paar Jahren am liebsten selbst nach Schalke geholt. „Der ist uns aufgefallen. Aber der ist dann logischerweise zum HSV und nicht zu Schalke gewechselt. Wir haben uns schlaugemacht, aber er hat sich für den HSV entschieden“, sagt Schober über den früheren Niendorfer.

Mal gewinnt man, mal verliert man. Das gilt natürlich auch für das Topduell am kommenden Sonnabend, auf das sich Schober schon jetzt freut. „Ich werde dieses Topspiel in aller Ruhe vom Sofa aus genießen“, sagt er. „Man darf sich auf einen tollen Fußballabend freuen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV