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Wie HSV-Profi Muheim durch die harte Chelsea-Schule ging

| Lesedauer: 7 Minuten
HSV-Linksverteidiger Miro Muheim (23) ist für diese Spielzeit (mit Kaufoption) vom FC St. Gallen aus der Schweiz ausgeliehen.

HSV-Linksverteidiger Miro Muheim (23) ist für diese Spielzeit (mit Kaufoption) vom FC St. Gallen aus der Schweiz ausgeliehen.

Foto: Witters

Nicht nur gegen Jahn Regensburg (Sa., 13.30 Uhr) soll Muheim die Lücke schließen, die der verletzte Tim Leibold hinterlässt. Ein Porträt

Hamburg. Miro Muheim wusste schnell, dass es etwas Schlimmes sein musste. „Ich habe die Situation genau gesehen, weil es ja direkt vor der Bank passiert ist“, erinnert sich der Schweizer an die schicksalhafte 18. Minute beim Pokalspiel des HSV in Nürnberg vor dreieinhalb Wochen.

Tom Krauß hatte Tim Leibold an der Außenlinie unglücklich gefoult. „Tims Knie knickte nach innen. Das ist nicht schön, so etwas zu sehen. Ich hatte auch gleich das Gefühl, dass es was Ernstes sein müsste“, sagt Muheim im Gespräch mit dem Abendblatt – und sollte recht behalten. Kurz darauf stand fest: Leibolds vorderes Kreuzband im rechten Knie war gerissen.

HSV: Auch Muheim riss sich das Kreuzband

23 Tage später sitzt ausgerechnet Hauptkonkurrent Muheim, der in Nürnberg für Leibold als Linksverteidiger eingewechselt wurde, auf der Geschäftsstelle des HSV und spricht über Kreuzbandrisse. „Tim wird das gut überstehen“, sagt Muheim – und meint das auch so. Der 23-Jährige weiß, wovon er spricht. „Ich habe ja auch schon selbst einen Kreuzbandriss erlebt.“

Passiert ist es 2018. Ein Heimspiel der U21 vom FC St. Gallen gegen den FC Mendrisio. „Das Spiel war fast vorbei. In einem der letzten Zweikämpfe habe ich abgebremst, der Gegenspieler ist auf mein Knie gefallen und dann war es passiert“, sagt Muheim – und schluckt auch drei Jahre später noch. „Es war sehr schmerzhaft.“

Zwei Wochen hatte es gedauert, bis die Schwellung abgeklungen war und ein MRT die schlimmsten Befürchtungen bestätigte. Es folgte, was folgen musste: Eine OP, sechs Monate Pause, Rehatraining. Doch nicht nur das Knie musste neu trainiert werden, sondern auch der Kopf. Dabei ist dem Schweizer Patienten zugute gekommen, dass er bereits mit 14 Jahren mit Life Kinetik Gehirntraining absolviert hatte. „Mir hat das auch mental geholfen, so etwas zu verarbeiten“, sagt Muheim, dessen Statistiken nach seinem Comeback besser als vorher waren. „Deswegen habe ich auch mit Tim gesprochen und ihm Mut gemacht. Ich wünsche ihm umso mehr, dass er wieder gesund und gestärkt zurückkommt.“

Muheim überlegte, Chelsea abzusagen

Doch Fußball ist ein knallhartes Geschäft. Leibold raus, Muheim rein. So ist das Business. „Ich habe auf meine Chance gewartet. Jetzt ist sie gekommen – und jetzt will ich sie auch nutzen“, sagt Muheim, der bis zu Leibolds Ausfall nur 81 Minuten spielen durfte. „Einfach war es nicht für mich“, gibt der Neuzugang vom FC St. Gallen zu, der zunächst nur für eine Saison ausgeliehen ist.

Doch den einfachen Weg hat Miro Max Maria Muheim noch nie gewählt. Aufgewachsen im Zürcher Kreis 5, unweit der Ausgehmeile Langstraße. Nach der Schule setzt er nicht ausschließlich auf die Karte Profifußball, sondern fängt parallel auch noch eine Ausbildung zum Hochbauzeichner an, will Architekt werden. Doch bereits mit 16 Jahren wird der Lehrling bei einem internationalen Turnier in Ruggell (Liechtenstein) von ein paar Chelsea-Scouts entdeckt.

Das Angebot ehrt ihn, doch er ist nicht direkt Feuer und Flamme. „Ich musste schon eine ganze Weile überlegen, ob ich diesen Schritt wage“, sagt Muheim. „Viele andere, die ich kenne, hatten einen ähnlichen Schritt gemacht und haben den Durchbruch bei so einem großen Verein dann nicht geschafft“, sagt er, gibt sich selbst dann aber doch einen Ruck: „Nach etwas überlegen habe ich mich dann doch entschieden, nach London zu gehen. Ich wollte mir später nicht nachsagen lassen, dass ich es nicht versucht habe.“

Muheim erlebte Chelseas Leih-Armee

In London wohnt Muheim bei einer Gastfamilie, die neben ihm noch drei weitere Chelsea-Talente aufgenommen hat. Die Wohngemeinschaft ist sinnbildlich für die Politik Chelseas. Der Club von der Stamford Bridge holt eine ganze Armada von Talenten nach England, bildet sie aus, verleiht sie quer durch Europa und hofft, dass man am Ende mit einem Toptalent vielleicht den ganz großen Wurf landet.

Nun, Muheims Mitbewohner Kevin Wright wechselte nach seiner Chelsea-Zeit sechsmal den Verein, hat heute einen Marktwert von 350.000 Euro und spielt in Schweden für Örebro SK. Ähnlich erging es Mitbewohner Nummer zwei: Joseph Colley. Der gebürtige Schwede wurde mehrfach innerhalb Europas verliehen, ist nun bei Chievo Verona in Italien unter Vertrag.

Doch mit Mitbewohner Nummer drei schaffte Chelsea tatsächlich den großen Wurf: Der Däne Andreas Christensen, der zwei Jahre in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach war und seit vier Jahren wieder bei Chelsea ist. Sein Marktwert heute: 35 Millionen Euro.

HSV-Profi Muheim wohnt in Eimsbüttel

„Mit den Jungs habe ich heute noch ein wenig Kontakt. Ab und an auch zu meinen Gasteltern“, sagt Muheim, der in Chelseas U19 auch mit einem gewissen Mason Mount zusammenspielte. Heute ist Englands Nationalspieler mit einem Marktwert von 75 Millionen Euro einer der teuersten Fußballer Europas. „Das ist schon krass. Ich freue mich für Mason. Ich gönne ihm das sehr“, sagt Muheim, der nach mehreren Leihgeschäften selbst noch hofft, richtig heimisch zu werden. Irgendwann, irgendwo.

Vielleicht ja sogar in Hamburg. Muheim wohnt mit Freundin Maria in Eimsbüttel. Die Stadt und das Lebensgefühl gefallen dem früheren Fast-Architekten sehr. „Besonders die Elbphilharmonie finde ich schön. Sie ist ja auch von Schweizer Architekten“, sagt Muheim und lacht. „Das Gebäude gefällt mir extrem. Ich war auch schon zweimal oben.“

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HSV: Muheims Mutter ist berühmt

Ähnliches würde er sich sportlich auch mit dem HSV wünschen. Dafür sollte an diesem Sonnabend (13.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) im Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten Jahn Regensburg aber möglichst ein Sieg herausspringen. Besonders werden dafür die Daumen aus der Heimat gedrückt. Mama Andrea ist Miros größter Fan.

Dabei ist die Malerin in der Schweiz selbst eine kleine Berühmtheit. Ihre Ölbilder und Aquarelle im figurativen Stil erzielen einen guten Preis. Das eine oder andere Bild hängt auch bei Sohnemann Miro in dessen Wohnung in Eimsbüttel. Ob er von dem Talent seiner Mutter auch etwas geerbet hat, muss Muheim noch zum Ende des Gesprächs beantworten.

„Ich denke schon, dass ich von ihr ein bisschen was Künstlerisches abgeguckt habe“, sagt er. „Ich bin mit viel Kunst aufgewachsen. Da ist schon was haften geblieben.“ Man könnte auch sagen: eben ein echter Miro.

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