HSV heute

Schlechtestes Spiel: HSV kämpft gegen neue Wirklichkeit

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Die Rudelbildung in Aue gehörte noch zu einer der auffälligsten Szenen beim HSV.

Die Rudelbildung in Aue gehörte noch zu einer der auffälligsten Szenen beim HSV.

Foto: Imago / Jan Huebner

Nach dem schlechtesten Saisonspiel spricht Walter Klartext. Doch wie wirklich ist die HSV-Wirklichkeit nach dem 1:1 in Aue?

Hamburg.  Wenn HSV-Trainer Tim Walter nach dem trainingsfreien Sonntag und den Leistungstests am Montag an diesem Dienstagnachmittag mit seiner Mannschaft wieder auf dem Trainingsplatz steht, dann ist hochwertiger Fußball garantiert. Man darf sich an dieser Stelle mal aus dem Fenster lehnen und orakeln, dass Passspiel, Torschüsse und sogar das Aufwärmprogramm erstklassig sein werden. Das einzige Problem an der wahrscheinlich besten Einheit, die Trainingskiebitze in den vergangenen Jahren geboten wird: Gemeint ist leider nicht der HSV.

Denn gleichzeitig zu Walters Team wird an diesem Dienstag noch eine zweite Mannschaft auf den Trainingsplätzen im Volkspark stehen: die Nationalmannschaft. Das Team von Hansi Flick wird sich die Woche auf Trainingsplatz 6 auf das Spiel gegen Rumänien im nebenan liegenden Volksparkstadion vorbereiten – und dem HSV möglicherweise als Anschauungsunterricht dienen, wie gut man doch Fußball spielen kann.

HSV kämpft gegen neue Wirklichkeit

Wie schlecht man Fußball spielen kann und trotzdem nicht verlieren muss, hat der HSV selbst am vergangenen Freitag unter Beweis gestellt. Der glückliche Punktgewinn bei Erzgebirge Aue (1:1) war ohne Zweifel der schwächste Auftritt in dieser Saison, die am Tag danach bei abendblatt.de zur Frage in der Überschrift führte, ob das die neue HSV-Realität sei: „Ist der HSV möglicherweise bereits in der grauen Tabellenzone der Zweiten Liga angekommen? Ist es die neue Realität, sich über einen glück­lichen Punkt beim Tabellenletzten zu freuen“, fragte der Autor am Sonnabend. Oder frei nach Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die HSV-Wirklichkeit?

Wenn es stimmt, wie es der österreichische Philosoph zeitlebens behauptete, dass es zahlreiche Wirklichkeiten gibt, die sehr widersprüchlich sein können, dass aber die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist, dann lässt sich die Wirklichkeit des vergangenen HSV-Freitags in einem Wort sehr derbe kommunizieren: scheiße. So hat zumindest HSV-Trainer Walter den Auftritt seiner Mannschaft in Aue benannt. „Heute haben wir scheiße gespielt, das muss man so sagen“, gab Walter nach den 94 Minuten zu Protokoll, sagte aber auch: „Trotzdem haben wir uns diesen Punkt verdient, weil wir nie aufgehört haben. Unsere Entwicklung dauert an. Wenn wir am neunten Spieltag schon am Ende unserer Entwicklung wären, dann könnten wir jetzt das Buch zumachen.“

Einziger HSV-Lichtblick in Aue:

HSV fehlt Konstanz und Dominanz

Tatsächlich lassen sich Watzlawicks zahlreiche Wirklichkeiten, die widersprüchlicher nicht sein könnten, Woche für Woche beim HSV beobachten. Dem glücklichen, aber verdienten 2:1-Sieg gegen Sandhausen folgte ein emotionales 2:0 in Bremen, ein ambivalentes 2:2-Remis gegen Nürnberg und nun eben der ganz schwache Auftritt in Aue. „Wir haben viele Dinge nicht so gut gemacht wie in den vergangenen Wochen“, haderte Walter. „Wir waren nicht zielstrebig, sehr pomadig, haben mit wenig Tempo agiert und nicht ins Spiel gefunden.“

Augen zu und durch. „Solche Tage hat man einfach, dass gar nichts zusammenläuft“, sagte Walter, der weiter um Geduld wirbt und Woche für Woche daran erinnert, wie knapp es in dieser 2. Liga zugeht. Mit Ausnahme der letzten vier Teams hat kein Zweitligist so selten gewonnen wie der HSV. Einerseits. Andererseits hat mit Ausnahme der ungeschlagenen Nürnberger keine Mannschaft in der oberen Tabellenhälfte so selten verloren wie der HSV. Das Walter-Team liegt nur drei Punkte hinter einem Aufstiegsrang. Einerseits. Und andererseits auch nur vier Punkte vor dem Tabellen-14. aus Rostock. Wie wirklich ist also die HSV-Wirklichkeit?

Eine Annäherung an eine Antwort auf diese philosophische Frage darf man von den kommenden Wochen erhoffen. Mit Düsseldorf, Paderborn, Nürnberg (im Pokal), Kiel, Karlsruhe und Regensburg hat der HSV sechs anspruchsvolle Aufgaben vor sich, die aufzeigen dürften, wie wackelig und zutiefst subjektiv das Konstrukt der sogenannten HSV-Wirklichkeit in Wirklichkeit ist.

HSV zofft sich mit Aue – Walter mittendrin

Ziemlich subjektiv und widersprüchlich waren auch die Sichtweisen über einen Streit am Freitag zwischen Trainer Walter und mehrerer Aue-Protagonisten. „Wenn ich den gegnerischen Trainer sehe, dann muss ich sagen: Da fehlen mir die Worte. Wie er sich im Disput mit mir als gegnerischer Spieler verhält – ich sage nicht, was gefallen ist, aber er weiß es ganz genau. In meinen Augen ist das höchst respektlos“, schimpfte beispielsweise Aues Sören Gonther bei Sky.

Kurz vor dem Start der Pressekonferenz pöbelte ein weiterer Mann aus dem Auer Lager energisch auf Walter ein. Wieder fielen weitere Nettigkeiten sowie das Wort „respektlos“. Walter selbst nahm die Schimpftirade sichtbar verwundert zur Kenntnis, wollte sich aber öffentlich nicht weiter äußern.

Watzlawick hätte wahrscheinlich an dieser Stelle noch einmal an die Wirklichkeit als Ergebnis von Kommunikation erinnert. Ein Thema, das Walter und Bundestrainer Hansi Flick am Dienstag möglicherweise am Rande des Trainings einmal vertiefen können.

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