Spiel in Aue

HSV hat 19 Stunden und ein Ziel: drei Punkte

| Lesedauer: 6 Minuten
Der HSV-Mannschaftsbus muss rund um das Auswärtsspiel im Erzgebirge innerhalb weniger Stunden mehr als 1000 Kilometer abreißen.

Der HSV-Mannschaftsbus muss rund um das Auswärtsspiel im Erzgebirge innerhalb weniger Stunden mehr als 1000 Kilometer abreißen.

Foto: Witters

Weil sich der HSV oft mit den Underdogs schwertut, hat man sich für den Trip zum Schlusslicht Aue etwas Besonderes überlegt.

Hamburg. Das vielleicht ungewöhnlichste Auswärtsspiel der HSV-Zweitligageschichte beginnt an diesem Freitag in aller Herrgottsfrühe ganz gemütlich – mit einem gemeinsamen Frühstück im Volkspark. Auf leeren Magen sollte man schließlich nicht reisen – schon gar nicht bei einem noch nie so durchgeführten 19-Stunden-Trip. Kein Wunder also, dass erst, wenn auch das letzte Bäuchlein der HSV-Fußballer ausreichend gefüllt ist, das Projekt „Ratzfatz-Auswärtssieg in Aue“ starten kann.

Nach einer kurzen Fahrt zum Geschäftsflieger-Terminal am Hamburger Flughafen geht es mit einer Chartermaschine nach Leipzig, wo bereits der Mannschaftsbus wartet. Es folgen die letzten 110 Kilometer quer durch Sachsen, ehe man planmäßig mittags im Tageshotel in Aue ankommen will und muss, bevor um 18.30 Uhr (Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) die Partie gegen den FC Erzgebirge ansteht.

HSV erstmals auswärts ohne Übernachtung

Wenn alles gut geht, dann wird der HSV tatsächlich insgesamt nur knapp 19 Stunden unterwegs gewesen sein, ehe die Mannschaft am frühen Sonnabend mit zwei Bussen wieder zurück im Volkspark erwartet wird – und im Idealfall drei Punkte mit im Gepäck dabei hat. Einmal Aue und zurück ganz ohne Übernachtung – das hat es so noch nie gegeben.

Tatsächlich ist es allgemein üblich, dass Erst- oder Zweitligaclubs bei Auswärtsspielen schon am Vortag anreisen, um am Spieltag keinen Stress mehr zu haben. Abweichen von der Regel gilt nur, wenn man bei Abendspielen in unmittelbarer Nachbarschaft antritt. Im Fall vom HSV also bei St. Pauli, in Kiel oder auch bei Werder.

HSV bricht keine Regeln von DFB und DFL

Doch keine Regel ohne Ausnahme. Und diese Ausnahme heißt an diesem Wochenende Aue. Denn obwohl zwischen Hamburg und Aue-Bad Schlema mitten im sächsischen Erzgebirge 520 Kilometer liegen, hat HSV-Trainer Tim Walter entschieden, erst am Spieltag anzureisen.

In den Durchführungsbestimmungen von DFB und DFL gibt es keinen Paragrafen, der die rechtzeitige Anreise explizit regelt, wobei pi mal Daumen die Sechs-Stunden-Regel gilt. Das heißt: Sechs Stunden vor dem Spiel sollte auch die Gastmannschaft in der Gegend sein.

HSV weiß um Aues Gefährlichkeit

Beim HSV hofft man auf eine Punktlandung – zunächst im Erzgebirge und später dann auch auf dem Platz. „Wir wissen um unsere Stärken und wollen mit Selbstbewusstsein auftreten“, sagt Trainer Tim Walter, der allerdings trotz Aues bisher schwachen Saisonstarts großen Respekt vorm Schlusslicht der Liga hat: „Die Tabelle ist nie aussagekräftig. Jede Mannschaft, die in der 2. Liga agiert, hat gewisse Qualitäten. Wir wissen um die Stärken des Gegners, der viel mit langen Bällen operiert und extrem tief steht und verteidigt und aus diesen Situationen heraus versucht, in Umschaltaktionen zu kommen. Das macht Aue gefährlich. Daher werden wir den Gegner auf keinen Fall unterschätzen.“

Aue-Trainer Marc Hensel über das Spiel gegen den HSV

HSV mit schlechten Kellerkind-Efahrungen

Einen Grund, die Auer zu unterschätzen, gibt es auch gar nicht. Die beiden letzten HSV-Auftritte im Erzgebirge endeten im Desaster – und galten jeweils als mitentscheidend für die verpatzten Aufstiege. Unter Daniel Thioune spielte der HSV Aue zunächst an die Wand und ging mit einer Führung von 3:1 in die Pause, ehe die Sachsen im zweiten Durchgang zurückschlugen und sich schließlich doch noch ein 3:3 erkämpften. Und unter Thioune-Vorgänger Dieter Hecking ging der HSV sogar mit 0:3 in Aue unter.

Neue Saison, neuer Trainer, neues Glück. Dabei wird auch Walter nicht verborgen geblieben sein, dass sich der HSV vor seiner Zeit besonders mit den Mannschaften schwertat, bei denen mindestens 1,8 Millionen Hamburger einen eindeutigen Kantersieg erwarteten. In der vergangenen Saison waren das Schlusslicht Würzburg und die jeweiligen Tabellenvorletzten Sandhausen und Osnabrück. Von den mutmaßlichen Pflichtsiegen hat sich der HSV dann allerdings keinen geholt. Dafür aber gleich dreimal eine blutige Nase. In Würzburg verlor man 2:3, in Sandhausen 1:2 und in Osnabrück schließlich auch noch 2:3.

„Als Kellerkind hat man nichts zu verlieren“, erklärt Walter, der bei seinem Blitzbesuch in Aue trotzdem den Bann brechen und einfach mal gewinnen will. Dafür hat der Trainer personell keine großen Überraschungen geplant. Kapitän Sebastian Schonlau kommt nach abgesessener Gelb-Rot-Sperre wieder in die Mannschaft, dafür muss Youngster Mario Vuskovic Platz machen. Ansonsten dürfte Walter der gleichen Startelf wie bei den beiden Spielen gegen Nürnberg (2:2) und in Bremen (2:0) vertrauen.

Aue-Torhüter Männel will HSV wieder wehtun

Dass der HSV beim geplanten Rein-raus-Sieg durchaus auf Widerstand stoßen wird, machte am Tag vor der Abreise Aues Torhüter Martin Männel noch einmal sehr deutlich. „Wir wollen sicher, mutig und griffig in den Zweikämpfen sein. Wir wollen dem HSV zeigen, was es heißt, gegen Erzgebirge Aue zu spielen“, sagte der Keeper. „Das kann auch mal wehtun.“ Also wieder mal Aua in Aue?

Bloß nicht. Auf so einem Kurztrip ins Erzgebirge würde eine Niederlage doppelt schmerzen. Da kann einem eine Sieben-Stunden-Rückreise im Bus auch schon mal wie 70 Stunden vorkommen. Bei einem Erfolg dürften sich die HSV-Profis dagegen ähnlich wie zuletzt nach dem 2:0-Auswärtssieg bei Werder Bremen auf ein paar gekühlte Bier im Bus, einen echten Partyexpress durch die Nacht und möglicherweise sogar zwei freie Tage in Folge aufgrund der Länderspielpause freuen. Also: gute Reise!

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV