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Wie sich der HSV verändert, um nachhaltiger zu werden

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Gute HSV-News für viele Fans: Der Club will nachhaltiger werden.

Gute HSV-News für viele Fans: Der Club will nachhaltiger werden.

Foto: Witters

Der HSV soll zukünftig einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen. Doch was wird da drinstehen? Die Antworten.

Hamburg. Es ist erst wenige Tage her, da stand HSV-Fan Julius Bartel vor einem kleinen Dilemma. Der Berg rief, Bartel wollte in den Urlaub, und dann streikte mal wieder die Bahn. Was also tun? Kurzfristig einen Flug buchen – und den eigenen grünen Fußabdruck ignorieren? Auf das Auto umschwenken – und das schlechte Gewissen auf dem Beifahrersitz dabeihaben? Oder doch auf die Bahn und die Hoffnung setzen, dass dieser Streik sehr bald sehr nachhaltig vorbei ist?

Mit der Nachhaltigkeit ist das so eine Sache. Sie ist wichtig, keine Frage. Doch mit der Umsetzung hakt es bisweilen noch. Im Privaten. Manchmal. In der Gesellschaft. Viel zu oft. Und speziell beim Fußball. Ganz sicher.

HSV führt Bericht über Nachhaltigkeit ein

Das hat auch Julius Bartel schon vor einer ganzen Weile beobachtet. Sein großer Wunsch: Ausgerechnet die turbokapitalistische und verschwenderische Branche Profifußball muss nachhaltiger werden. Ganz allgemein. Und speziell sein HSV soll bei dieser Entwicklung doch bitte schön mit gutem Beispiel vorangehen.

Was also tun? Bartel und ein paar Mitstreiter der Bewegung „Unser HSV“ hatten sich entschieden, auf der vergangenen Mitgliederversammlung einen Antrag auf Einführung eines jährlichen Nachhaltigkeitsberichts zu stellen.

„Der Bericht soll sich an den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen orientieren“, schrieb Bartels in der Begründung. Und weiter: „Das Bekenntnis unseres Vereins zu konkreten Zielen beim Thema Nachhaltigkeit ist wichtig und überfällig.“

So nachhaltig ist der HSV

Bleibt zunächst also die Frage: Wie grün ist eigentlich blau-weiß-schwarz? Viel grüner, als einem eingefleischten HSV-Fan das in den Wochen nach dem Nordderby gegen Werder möglicherweise lieb sein kann, glaubt Marieke Patyna. Die Buchholzerin hat auf ihrer Visitenkarte den etwas sperrigen Titel „Leiterin Unternehmensstrategie und Corporate Responsibility bei der HSV Fußball AG“ stehen. Man könnte aber auch sagen: Patyna ist das grüne Gewissen des HSV – und sie sagt schlaue Sätze wie: „Nachhaltigkeit wird nie ein Zustand sein, sondern immer ein Prozess der nachhaltigen Entwicklung.“

Ein Mehrwegbechersystem ist eingeführt, genauso wie ein Umweltmanagementsystem. Es wird ausschließlich Ökostrom bestellt, auf dem Dach des Campus sorgt eine Fotovoltaikanlage für ökologische Stromgewinnung.

Wie der HSV nachhaltiger werden will

Gemeinsam mit Philipp Mokrohs, dem neuen Marketingdirektor des HSV, ist Patyna an diesem Morgen über Zoom mit dem Abendblatt verbunden. Patyna spricht über „vier Handlungsfelder“, die dem HSV sehr wichtig seien: soziale Verantwortung, Umwelt, die Arbeitswelt und das Schlagwort „Spielregeln“, wo es um Grundsätze gehen soll, zu denen sich der HSV bekennt. Aber: „Für uns steht das Handlungsfeld Umwelt aktuell im Fokus.“

Die 24-Jährige, die mit 16 ein 1,1-Abitur abgelegt hat, spricht über Umweltmanagementsysteme, über Überprüfungen und darüber, welche Prozesse es auch intern gebe. Zum Antrag von Julius Bartel, den sie persönlich noch nicht kennengelernt hat, sagt sie: „Wir freuen uns grundsätzlich über jedes Interesse am Thema Nachhaltigkeit. Wir stehen im engen Austausch mit dem HSV e.V.“

HSV-Fans wollen nachhaltigen Club

Wie wichtig den Fans das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile ist, wissen Patyna und Mokrohs natürlich. Aus vielen Gesprächen. Aber auch, weil sie es seit ein paar Wochen schwarz auf weiß haben. Erst kürzlich veröffentlichte HSV-Vermarkter Sportfive ein sogenanntes Whitepaper mit den Ergebnissen einer eigenen Nachhaltigkeitsstudie. 27 pickepackevolle Seiten zum Thema Nachhaltigkeit im Profifußball – und einige sehr interessante Umfrageergebnisse.

Zum Beispiel: 79 Prozent der Fußballinteressierten gaben an, großes Interesse am Thema Nachhaltigkeit zu haben. Zudem ist das Interesse unter den 995 Befragten in den letzten fünf Jahren um 69 Prozent gestiegen. Auch sehr aussagekräftig: Die Haltung des eigenen Lieblingsvereins zum Thema Nachhaltigkeit ist für 70 Prozent der Fans wichtig. Und so ist es auch wenig überraschend, dass es 84 Prozent der Befragten ein Anliegen ist, dass die Auswahl der Sponsoren und Partner im Einklang mit deren eventuellen Engagements steht.

Mit anderen Worten: Fußballfans reicht schon lange kein 2:0-Sieg mehr. Nachhaltiges Wirtschaften im eigenen Club und bei den jeweiligen Partnern ist für ein Großteil der Anhänger ein nicht verhandelbares Muss. Und mindestens genauso wichtig: Auch bei Sponsoren wird das Thema Nachhaltigkeit zunehmend von einer Neben- zu einer Hauptsache: „In Gesprächen mit unseren Partnern merken wir, dass Nachhaltigkeit für Sponsoren immer relevanter wird“, sagt auch HSV-Marketingdirektor Mokrohs in dem Zoom-Gespräch.

Der frühere Marketingleiter von Bayern München ist erst seit Kurzem in Hamburg – aber lange genug, um zu wissen, wie sehr auch hier grüne Themen in den Fokus rücken. „Nachhaltigkeit ist eines der derzeit wichtigsten Themen“, sagt er, gibt aber zu bedenken: „Man muss ganz genau schauen, in welche Nische man mit seinem Unternehmen reingehen will. Wir wollen und werden nicht plakativ auf alles aufspringen. Es muss schon Sinn und Verstand haben, es muss authentisch sein.“

HSV hat Hoffenheim als Vorbild

Genau das will natürlich auch Julius Bartel, der sich bei allen guten Ansätzen allerdings fragt, warum der HSV nicht einfach einen bereits vor vielen Jahren eingeschlagenen Weg weitergegangen ist. Bartel erinnert daran, dass es vor rund zehn Jahren einen von Ex-Sponsor Entega initiierten Klimagipfel gegeben habe, nach dem der komplette Club auf Ökostrom umstellen wollte. „Warum ist der HSV diese guten Schritte nicht weitergegangen?“, fragt der Barmbeker, für den es auch deshalb so wichtig ist, dass alle Nachhaltigkeitsthemen ab sofort in einem eigenen Nachhaltigkeitsbericht offen abgearbeitet werden. „Das größte Manko war bislang die Transparenz“, sagt der 30-Jährige.

Patyna und Mokrohs haben verstanden. „Es wird ein langer Prozess sein“, sagt Mokrohs, der sich auch nicht scheut, über den Hamburger Tellerrand hinauszuschauen. „Es ist kein Geheimnis, dass unter anderem Hoffenheim in Sachen ökologische Nachhaltigkeit auf einem sehr guten Weg ist“, sagt Mokrohs, der aber auch weiter den eigenen Hamburger Weg forcieren will: „Jeder Club sollte seinen eigenen Weg finden.“

Julius Bartel wird diesen HSV-Weg weiter beobachten. Und seinen eigenen Weg in die Berge hat der Dauerkartenbesitzer im Übrigen auch gefunden. Nur diesmal leider nicht mit der Bahn.

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