Fan-Rückkehr

2G-Änderung bringt den HSV und den DFB ins Rotieren

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2G in Hamburg: Maskenpflicht und Zuschauergrenze fallen weg

2G in Hamburg: Maskenpflicht und Zuschauergrenze fallen weg

Der Hamburger Senat hat die Corona-Verordnung der Stadt gelockert.

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Beim HSV kam die Entscheidung des Senats nicht nur gut an. Welche Probleme die Aussicht auf ein ausverkauftes Stadion mit sich bringt.

Hamburg.  Die Sätze, die Julia Offen pünktlich zur Mittagszeit in der wöchentlichen Senatspressekonferenz von einem vor ihr liegenden Blatt Papier ablas, klangen im ersten Moment zu schön, um wahr zu sein. Der Senat habe sich darauf verständigt, so die stellvertretende Pressesprecherin, Veränderungen beim 2G-Modell für Genesene und Geimpfte vorzunehmen.

Diese würden neben einem Wegfall der Maskenpflicht auch die Aufhebung der Kapazitätspflicht umfassen. Das gelte auch für Sportgroßveranstaltungen und Sportstadien. Ein Journalist fragte ungläubig nach: Ob er das richtig verstanden habe, dass ab dem Wochenende die Fußballstadien unter 2G-Bedingungen wieder bis auf den letzten Platz besetzt sein dürften. Offens klare Antwort um Punkt 13 Uhr: „Ja, das haben Sie richtig verstanden.“

HSV und FC St. Pauli dürfen Stadion voll besetzen

Im Klartext: Sowohl das Volksparkstadion als auch das Millerntor-Stadion dürfen also ab diesem Wochenende wieder voll ausgelastet werden – sofern die 2G-Regel angewandt wird. Weiterhin ausgenommen sollen Kinder und Jugendliche sein. Doch auch so schlug die Nachricht auf den Geschäftsstellen des HSV und vom FC St. Pauli ein wie eine Bombe.

Anders als sonst, wenn große Nachrichten anliegen, hatte die Stadt beide Proficlubs nicht vorab informiert, was vor allem beim HSV nur bedingt gut ankam. Der Hintergrund: Die 2G-Rahmenbedingungen schon für das Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg am kommenden Sonntag umzusetzen, ist aus organisatorischen Gründen utopisch. Auch, weil der HSV allen bereits verkauften Tickets ein Rückgaberecht einräumen müsste, sollte jemand unter den neuen Voraussetzungen nicht kommen wollen.

HSV-Trainer Tim Walter: „Das ist ein geiles Gefühl“

Auch HSV-Trainer Tim Walter wurde um kurz vor 16 Uhr, als er vom Trainingsplatz kam, von den Neuigkeiten kalt erwischt. „Wenn das Stadion voll ist, ist das immer gut“, sagte Walter. „Das ist ein geiles Gefühl.“

Ein Gefühl, auf das sich der Coach aber frühestens beim Heimspiel am 16. Oktober gegen Fortuna Düsseldorf freuen darf. Bis dahin gilt es für die Verantwortlichen des HSV, noch jede Menge offener Fragen zu beantworten. Denn: Unklar ist noch immer, wie mit Mitarbeitern umgegangen werden soll, die noch nicht geimpft sind. Aus arbeitsrechtlichen Gründen darf der Arbeitgeber zwar nachfragen, der Angestellte muss aber keine wahrheitsgemäße Auskunft erteilen.

Nicht genug Sicherheitsmitarbeiter für volle Besetzung

Noch schwieriger dürfte im Fall des HSV der Umgang mit den Partnerfirmen sein – besonders im Bereich Sicherheit und Caterer. So braucht der Club bei einem normalen Heimspiel knapp 500 Ordner der Sicherheitsfirma Power. Auf Nachfrage des Abendblatts hieß es vonseiten des Sicherheitsdiensts, auf den auch der FC St. Pauli zurückgreift, dass man in dieser Größenordnung keinesfalls Mitarbeiter mit einem 2G-Nachweis garantieren könne.

So sei es beim Heimspiel St. Paulis gegen Ingolstadt am vergangenen Wochenende bereits zu langen Warteschlangen gekommen, weil der Sicherheitsdienst nur ein begrenztes Kontingent an Mitarbeitern – deutlich weniger als bei HSV-Heimspielen üblich – anbieten konnte. Mehrere Fans verpassten den Anpfiff, was St. Pauli beim nächsten Heimspiel gegen Dynamo Dresden am 3. Oktober unbedingt vermeiden will.

St. Pauli will Auslastung bei Spiel gegen Dresden abwägen

Auch deswegen will der Kiezclub noch genau abwägen, ob der schon gegen Dresden auf eine volle Auslastung setzt. „Wir wollen bei der Öffnung mit Augenmaß handeln, denn wir wollen uns nicht nur die organisatorischen, sondern auch die psychologischen und auch gesundheitlichen Themen für die Gesellschaft genau anschauen“, sagte St. Paulis Präsident Oke Göttlich, der sich ansonsten über die Entscheidung freute: „Ein tolles Zeichen.“

Bevor auch die HSV-Chefs über eine große 2G-Stadion-Party nachdenken, gilt es zunächst noch, die kleine 3G-Heimspielfeier am Sonntag gegen Nürnberg über die Bühne zu bekommen. Stand jetzt darf der HSV nur mit 19.950 Zuschauern kalkulieren. Diese Größenordnung hatte die Innenbehörde dem Club am 9. September zugesagt, nachdem die Verantwortlichen am 6. September Widerspruch gegen die bisherige Genehmigung von „nur“ 17.950 Zuschauern eingelegt hatten.

Alkoholausschank beim HSV nicht genehmigt

Zwei Forderungen hatten Daniel Nolte, Leiter Organisation und Infrastruktur beim HSV, und Prokurist Philipp Winter den Behörden zuvor schriftlich mitgeteilt. Erstens: die Zulassung von 25.000 Fans oder alternativ den gleichen Prozentsatz wie der FC St. Pauli vor seiner Umstellung auf das 2G-Modell. Und zweitens: Alkoholausschank im gesamten Stadion, alternativ ein limitierter Ausschank zumindest in den VIP-Bereichen.

Die Antwort kam prompt. In dem Änderungsbescheid hieß es, dass man nur der Forderung nach dem gleichen Prozentsatz wie St. Pauli, nämlich einer Auslastung von bis zu 35 Prozent, stattgeben würde. Nicht genehmigt wurde das kühle Blonde, weil das Einhalten der Abstandsregel durch den Ausschank von Alkohol gefährdet sei. Nun muss noch die ausführlichere Begründung nachgereicht werden. Gegen diese könnte der HSV dann erneut Widerruf einlegen.

DFB wollte Gesundheitskonzept vom HSV übernehmen

Auf diese Begründung hatte bis zur Senatsentscheidung vom Dienstag neben dem HSV auch der DFB ungeduldig gewartet. Denn für das bevorstehende Länderspiel gegen Rumänien in Hamburg am 8. Oktober hatte der DFB in dieser Woche der Innenbehörde ebenfalls einen Antrag auf die Zulassung von 25.000 Fans geschickt und darauf verwiesen, dass man das Gesundheitskonzept (also 3G) vom Stadionvermieter HSV übernehmen würde. Und da der DFB bislang noch keine Antwort erhielt, hatte man den Beginn des Vorverkaufs in die kommende Woche verlegt.

Die überraschende Senatsentscheidung brachte am Dienstagmittag nun auch den DFB ins Rotieren. So konnte die Frage, ob der Verband gemeinsam mit dem HSV bis zum Länderspiel gegen Rumänien schon ein 2G-Konzept umsetzen kann, nicht beantwortet werden. Die Wahrheit liegt ausnahmsweise mal nicht auf dem Platz – sondern auf der Tribüne.

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