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Was der Hamburger Profifußball für die Inklusion tut

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Iris Mydlach
Einlaufkinder im Rollstuhl sind beim HSV Normalität.

Einlaufkinder im Rollstuhl sind beim HSV Normalität.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Der HSV will Rollstuhlfahrern schon zur EM 2024 Plätze auf der Nordtribüne anbieten. Doch viel muss noch passieren – auch bei St. Pauli.

Hamburg. Es ist eine zugegeben seltsame Vorstellung: ins Stadion zu gehen, ohne sich aussuchen zu dürfen, wo man sitzt oder steht. Für Menschen mit Behinderung ist das allerdings Realität: Für sie gibt es in jedem Stadion abgetrennte Bereiche. Ansonsten gilt: Zutritt nicht möglich.

Es waren deshalb drastische Worte, die David Lebuser und Lisa Schmidt am vergangenen Wochenende im Abendblatt-Podcast „Von Mensch zu Mensch“ wählten. Von einer offiziell geduldeten „Gettoisierung von Fans mit Behinderung“ sprachen die beiden Inklusionsaktivisten und St.-Pauli-Fans und erzählten, dass sie im Millerntor-Stadion viel lieber auf der Gegengeraden oder der Südtribüne wären als in dem für sie vorgesehen Bereich.

„Natürlich würden wir lieber bei den Fans sein, die mehr singen und supporten, aber wir haben keine Wahl“, sagte David Lebuser. „Kinder im Rollstuhl können nicht bei den anderen Kindern sein“, ergänzte Lisa Schmidt, „sie müssen bei den erwachsenen Rollifahrern sitzen, wo sie im Zweifelsfall auch noch zugequalmt werden.“

In Hamburgs Stadien ist für die Inklusion noch viel zu tun

Was die beiden Hamburger beschreiben, ist Spieltag für Spieltag Normalzustand für viele Fußballfans. Weil das Thema Inklusion beim Bau der meisten Stadien im Profifußball noch überhaupt keine Rolle spielte, wurden Zugänge nur für Menschen ohne Einschränkungen geplant. Es fehlt an Fahrstühlen, Rampen, Treppenliften und natürlich: Toiletten. Nur bestimmte Bereiche im Stadion sind deshalb barrierefrei für Fußballfans im Rollstuhl zugänglich. Eine Trennung zwischen Heim- und Gästefans findet nicht statt.

Lisa Schmidt und David Lebuser leben beide mit einer Behinderung. Schmidt ist mit Spina bifida auf die Welt gekommen, einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Lebuser stürzte mit 21 Jahren in einen Schacht und ist seitdem querschnittgelähmt. Den FC St. Pauli schätzen beide für seine klare politische Positionierung und seine Offenheit gegenüber Minderheiten.

Und trotzdem: Auch beim FC St. Pauli bleibt in Sachen Inklusion im Stadion noch eine Menge zu tun. David Lebuser sagt: „Natürlich kann nicht auf jeden x-beliebigen Steh- oder Sitzplatz. Aber man könnte doch in jedem Bereich verschiedene Angebote schaffen.“

HSV will Rollstuhlfahrern Plätze auf Nordtribüne anbieten

Genau an diesem Thema arbeitet derzeit der Hamburger SV. „Unser Ziel ist es, bis zur EM 2024 andere Bereiche im Stadion zu schaffen, damit Rollstuhlfahrer zum Beispiel auch auf der Nordtribüne ein Spiel verfolgen können“, sagt die Fanbeauftragte Fanny Boyn. Seit 2015 kümmert sich die 44-Jährige beim HSV um das Thema Inklusion.

Aus einem Minijob ist inzwischen eine feste Stelle mit 30 Stunden pro Woche geworden. „Das Volksparkstadion ist 2000 gebaut worden, wir können es ja nicht einfach abreißen und neu bauen. Aber wir versuchen, so viel wie möglich aus den Möglichkeiten zu machen, die wir haben.“ Dazu gehöre zum Beispiel auch, Ordner zu schulen, um ihnen die Perspektive eines Fans im Rollstuhl nahezubringen. Und: Bei jedem Heimspiel sind bei den Einlaufkindern zwei mit Behinderung dabei, erzählt Boyn. „Und natürlich sitzen die beiden dann nach dem Anpfiff bei den anderen Kindern und werden nicht separiert.“

FC St. Pauli will leichtere Zugänge schaffen

Den Vorwurf der Gettoisierung habe auch sie schon häufig gehört. „Dazu muss man aber auch bedenken, dass es in manchen Fällen durchaus sinnvoll ist, bestimmte Gruppen im Stadion beieinanderzulassen“, sagt Boyn und nennt das Beispiel gehörloser Menschen, die im Volksparkstadion Ansagen und Fangesänge von einem Gebärdensprachdolmetscher übersetzt bekommen. „Wir haben festgestellt, dass die Bedürfnisse da sehr verschieden sind. Deshalb sprechen wir am liebsten direkt mit den Betroffenen und versuchen, auf die Wünsche einzugehen.“ Aber klar: Nicht immer lasse sich das realisieren.

Auch St. Pauli arbeitet am Thema Inklusion. „Es ist in der Tat so, dass es aktuell keinen variablen Bereich für Menschen mit Behinderung im Stadion gibt“, heißt es vonseiten des Clubs. „Der FC St. Pauli hat sich der Thematik einer besseren ,Barrierefreiheit beim FCSP‘ bereits vor geraumer Zeit angenommen und arbeitet an einem leichteren Zugang in verschiedenen Stadionbereichen für Menschen mit Behinderung.“

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