HSV enttäuscht im Derby

Simon Makienok wird zum König von St. Pauli

| Lesedauer: 7 Minuten
Henrik Jacobs, Kai Schiller und Carsten Harms

Der Kiezclub besiegt im 106. Hamburger Stadtderby den Lokalrivalen verdient mit 3:2. Der HSV enttäuscht – und ärgert sich über den VAR.

Hamburg.  Es lief erst die 65. Minute, als sich fast alle Zuschauer am Millerntor erhoben. Es gab Standing Ovations für den neuen Derbyhelden Simon Makienok. Auf ihren Plätzen hatte es die Fans des FC St. Pauli zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr gehalten. Mit einem Doppelpack innerhalb von zwei Minuten entschied der Däne das 106. Stadtderby zwischen St. Pauli und dem HSV und sorgte dafür, dass der Kiezclub gegen den Rivalen aus dem Volkspark zum fünften Mal in Folge ungeschlagen blieb und am Ende mit dem 3:2 zum vierten Mal gewann.

"Ein Traum. Ein Derbysieg vor diesen Zuschauern ist das beste Gefühl", sagte Makienok später bei Sky. Eine Woche lang hatten Fans beider Lager um die Fußball-Vorherrschaft der Stadt gestritten, auch mit einem farblichen Treppenwitz an der Hafenstraße. Die Antwort gaben dann die sportlichen Protagonisten: Hamburg bleibt braun-weiß. Zumindest bis zum Rückspiel Ende Januar.

Tabellenspitze 2. Bundesliga:

1. SV Darmstadt 20 Sp. / 45:22 / 39 Pkt.
2. FC St. Pauli 20 / 40:27 Tore / 37
3. Werder Bremen 20 / 39:28 / 35
4. FC Schalke 20 / 40:24 / 34
5. HSV 20 / 34:20 / 34
6. 1. FC Heidenheim 20 / 25:25 / 34
7. 1. FC Nürnberg 20 / 29:23 / 33
8. Jahn Regensburg 20 / 39:30 / 31
9. SC Paderborn 20 / 36:26 / 30

"Ein toller Tag für uns! Einfach geil", sagte St.-Pauli-Trainer Timo Schultz. "Wir sind reingegangen mit dem Gedanken: Was gibt’s Schöneres, als vor so einer Kulisse zu spielen?" 10.003 Zuschauer durften dem Spektakel neben dem Hamburger Dom beiwohnen.

St.-Pauli-Neuzugang Hartel steht gegen den HSV in der Startelf

Für zwei Überraschungen sorgten die beiden Trainer vor dem Spiel. HSV-Coach Tim Walter hatte unter der Woche mit Jeremy Dudziak gepokert. Es wurde gerätselt, ob Walter den früheren St. Paulianer wie im Training für Ludovit Reis spielen lässt oder für David Kinsombi? Die Antwort: Dudziak war gar nicht dabei. Der Mittelfeldspieler ist freigestellt, um mit einem neuen Verein zu verhandeln. Nach zwei Jahren steht der 25-Jährige vor dem Abschied.

Beim FC St. Pauli überraschte Trainer Schultz nicht mit einem Ab-, sondern einem Neuzugang. Nur zwei Tage nach seinem ersten Training stand Marcel Hartel in der Startelf. Der aus Bielefeld gekommene Mittelfeldmann spielte für Rico Benatelli. „Er ist ein Spieler, der optimal in unser Rauten-Spielsystem reinpasst“, sagte Schultz über Hartel, der von Beginn an groß aufspielte.

Der HSV hatte Probleme mit dem Pressing der St. Paulianer. Erst nach zehn Minuten gelang es dem HSV, ein wenig Ruhe in den Spielaufbau zu bekommen. Es dauerte bis zur 14. Minute, ehe Bakery Jatta nach einem langen Sonny-Kittel-Ball die erste Chance des Spiels kreierte, als er an Leart Paqarada vorbeizog und David Kinsombi mit seinem Pass verpasste.

Becker trifft gegen St. Pauli zur verdienten Führung

Zur Ruhe kam der HSV dadurch aber nicht. Im Gegenteil. St. Pauli antwortete mit einer Sturm- und Drangphase. Fünf Chancen in sechs Minuten erspielte sich der Kiezclub. Guido Burgstaller scheiterte am Pfosten (21.), Makienok am grätschenden Tim Leibold (22.), Jakov Medic (23.) und Hartel (26.) zielten knapp daneben, ehe Becker das Millerntor erbeben ließ. Eine Kombination über Burgstaller, Daniel-Kofi Kyereh und wieder Burgstaller vollendete St. Paulis Eigengewächs mit dem Oberschenkel zur mehr als verdienten Führung (27.). Während im Hintergrund das Riesenrad und das Kettenkarussell des Doms sich drehten, wurde der HSV in dieser Phase schwindelig gespielt. 11:1 Torschüsse waren Ausdruck dieser Überlegenheit.

Und der HSV? Wenn beim Walter-Team mal etwas ging, dann über Jatta. Und im vierten Anlauf auch mit Erfolg. Wie aus dem Nichts tauchte der Gambier nach einem Kinsombi-Pass im Strafraum auf und diesmal kam auch sein letzter Ball an. Kittel musste aus fünf Metern nur noch den Fuß hinhalten – 1:1 (43.). Ein schmeichelhafter Halbzeitstand für den HSV.

Die 10.003 Zuschauer, darunter 700 HSV-Anhänger, sorgten am Millerntor für eine prickelnde Atmosphäre und machten einmal mehr klar, dass Fans zum Fußball gehören wie St. Pauli und der HSV zu Hamburg. „Das ist das größte Event für Hamburg seit Corona, dafür möchte ich mich bei den Behörden und allen, die es möglich gemacht haben, bedanken“, sagte St. Paulis Präsident Oke Göttlich. „Ich hoffe, dass alle damit respektvoll umgehen.“

Makienok wird mit Doppelpack zum Hamburger Derbyhelden

Während es auf den Rängen friedlich blieb, ging es auf dem Rasen auch im zweiten Durchgang ohne Respekt zur Sache. Der HSV erwischte diesmal den besseren Start und hätte nach einem Solo von Jatta und einem Foul von Medic eigentlich einen Elfmeter bekommen müssen (53.). Warum auch Videoschiedsrichter Günter Perl auf Abstoß entschied, sorgte für Diskussionen.

Vor allem weil St. Pauli mit einem Doppelschlag antwortete und Simon Makienok sich in die Geschichtsbücher des Hamburger Stadtderbys eintrug. Der dänische Sturmhüne verzückte das Millerntor mit seinem Doppelpack innerhalb von zwei Minuten. Zunächst ließ er den jungen Jonas David im Eins-gegen-eins ganz alt aussehen und traf mit links aus spitzem Winkel (56.) zum 2:1. Keine zwei Minuten später war es wieder Makienok. Wieder traf der 2,01 Meter lange Rechtsfuß mit links (58.).

HSV-Trainer Walter hadert mit VAR

Geschlagen gab sich der HSV aber noch nicht. Robert Glatzel ließ die Gäste-Fans mit seinem Treffer noch einmal hoffen (77.). Sein Team warf jetzt alles nach vorne. Aber es reichte nicht mehr. Der Rest war Party auf St. Pauli.

HSV-Trainer Walter haderte derweil mit dem VAR ("Wozu haben wir ihn?"), aber auch mit der Leistung seiner Mannschaft: "In der ersten Halbzeit waren wir nach guten 20 Minuten nicht präsent genug, haben den Gegner durch Ballverluste ins Spiel gebracht, waren zu wenig bereit, nach hinten zu arbeiten."

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Ganz anders war die Gemütslage bei seinem Amtskollegen vom FC St. Pauli. "Dass wir spielerisch etwas auf dem Kasten haben, haben wir schon in der Rückrunde gezeigt", sagte Schultz. "In der zweiten Halbzeit hatten wir ein bisschen Glück und haben zum richtigen Zeitpunkt die Tore gemacht. Am Ende war es, glaube ich, ein verdienter Sieg."

FC St. Pauli: Vasilj – Zander (82. Dzwigala), Ziereis, Medic, Paqarada – Smith (64. Aremu) – Becker (90.+1 Benatelli), Hartel – Kyereh (90. Viet) – Burgstaller, Makienok (65. Buchtmann).
HSV: Heuer Fernandes – Gyamerah (76. Vagnoman), David, Schonlau, Leibold – Kinsombi (70. Rohr), Meffert, Reis (60. Suhonen) – Jatta, Glatzel, Kittel (60. Kaufmann).
Tore: 1:0 Becker (27.), 1:1 Kittel (43.), 2:1 Makienok (56.), 3:1 Makienok (58.), 3:2 Glatzel (77.)
Schiedsrichter: Osmers (Hannover).
Zuschauer: 10.003.
Gelbe Karten: Paqarada, Dzwigala – Kinsombi, Schonlau, Kaufmann.

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