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Warum Jonas Boldt das Risiko mit Tim Walter eingeht

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Daumen hoch für Hamburg: Tim Walter soll für die nächsten zwei Jahre als HSV-Trainer arbeiten.

Daumen hoch für Hamburg: Tim Walter soll für die nächsten zwei Jahre als HSV-Trainer arbeiten.

Foto: Imago/Contrast

Der neue HSV-Trainer wird Tim Walter heißen. Welche Vorzüge der 45-Jährige mitbringt – und worin Gefahren liegen könnten.

Hamburg. Am Dienstagnachmittag ist es mal wieder so weit. Ein neuer HSV-Trainer betritt die Bühne des Presseraums im Volksparkstadion. Aller Voraussicht nach wird man dann wieder etwas hören von der Strahlkraft, die der HSV habe. Vom großen Potenzial, das der Club besitze. Oder auch vom großen Reiz, den der HSV noch immer ausübe. Vor allem aber wird man auf dem Podium einen sehr selbstbewussten Trainer erleben: Tim Walter, 45 Jahre alt, geboren im badischen Bruchsal, wird sich in Hamburg als Nachfolger von Horst Hrubesch vorstellen.

Am Montag hatte Sportvorstand Jonas Boldt mit Walter eine Einigung erzielt. Der neue Chefcoach bekommt einen Zweijahresvertrag. Ob die bisherigen Co-Trainer Merlin Polzin und Hannes Drews dabeibleiben, ist noch offen. Walter ist nach Christian Titz, Hannes Wolf, Dieter Hecking, Daniel Thioune und Hrubesch der sechste Trainer, der versuchen wird, die Hamburger wieder in die Bundesliga zu führen.

HSV erhofft sich durch Walter mehr Reibung

Primär verfolgt Boldt mit Walter aber ein anderes Ziel: Der Fußballlehrer, der zuletzt bis Dezember 2019 beim VfB Stuttgart arbeitete, soll beim HSV einen Energiewechsel innerhalb des Clubs erzeugen und nach dem dritten verpassten Aufstieg in Folge für Reibung sorgen. Dafür hat Boldt in Walter den prädestinierten Kandidaten gefunden. „Er ist ein spannender Trainer“, sagte Boldt bereits am Sonntag bei Sky nach dem 4:0-Sieg beim bedeutungslosen Saisonabschluss gegen Eintracht Braunschweig.

Den Aufstieg hatte der HSV bereits in den Wochen zuvor auf eine abermals kaum zu erklärende Art und Weise verspielt. Zwei Wochen lang hatte sich die sportliche Führung um Boldt, Sportdirektor Michael Mutzel, Chefscout Claus Costa und Nachwuchsdirektor Hrubesch Zeit gelassen, die Ursachen für das Unerklärliche zu erforschen und die Schlüsse daraus zu ziehen. Das Ergebnis dieser Analyse heißt: Tim Walter.

HSV liebäugelte schon einmal mit Tim Walter

Bereits vor einem Jahr hatte sich Boldt nach dem Aus von Dieter Hecking mit Walter beschäftigt. Am Ende waren die Bedenken aber offenbar zu groß. Denn Walter ist im Gegensatz zu Daniel Thioune, der stattdessen vom VfL Osnabrück kam, ein Mann, der polarisiert.

Boldt kennt Walter seit dessen Zeit im Nachwuchs beim FC Bayern München und weiß auch um das Risiko, das mit ihm verbunden ist. Intern geht man beim HSV aber davon aus, dass das Jahr Pause dem Trainer gutgetan hat und er seine Fehler, die er beim VfB Stuttgart machte, reflektiert hat. Dort war Walter schon nach einem halben Jahr freigestellt worden, nachdem er sich mit Sportdirektor Sven Mislintat überworfen hatte.

Endet Walters Spielidee in einer Sackgasse?

Aber auch mit seiner Spielidee geriet Walter beim VfB schnell in die Sackgasse. „Der VfB hat unter Walter stark angefangen und stark nachgelassen“, sagte Gregor Preiß von der Stuttgarter Zeitung am Montag im Abendblatt-Podcast „HSV – wir müssen reden“.

„Das lag daran, dass der VfB unter ihm einen relativ eindimensionalen Fußball hat spielen lassen, der extrem auf Ballbesitz ausgerichtet war. Die Mannschaften in der Zweiten Liga hatten sich da schnell drauf eingestellt, Beton angerührt und den VfB ausgekontert. Dann war es schnell um ihn geschehen. Ich bin gespannt, ob er in Hamburg einen variableren Fußball spielen lassen wird“, sagt Preiß.

Walter passt besser zum HSV als Baumgart

Grundsätzlich passt der Kader des HSV zur Spielidee von Walter besser, als es etwa die Philosophie von Paderborns Steffen Baumgart getan hätte, mit dem der HSV sich auch beschäftigt hatte. Während Baumgart, der nun zum 1. FC Köln geht, auf bedingungslosen Tempofußball setzt, will Walter fußballerische Lösungen von hinten heraus entwickeln. So hatte er es beim FC Bayern in der U 19 und U 23 erfolgreich gemacht.

Auch bei Holstein Kiel ließ er in der Zweitligasaison 2018/19 attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen, der mitunter auch unorthodox anzusehen ist. Vor allem in der Spieleröffnung fiel Walter mit einem ungewöhnlichen Positionsspiel auf.

In seinem ersten Spiel mit Kiel beim HSV im Juli 2018 hätte Holstein schon nach 20 Minuten mit 0:2 zurückliegen können, weil seine Mannschaft im riskanten Spielaufbau eklatante Fehler machte. Am Ende gewann Kiel im Volkspark 3:0. Es war der Anfang vom Ende für Christian Titz, der eine ähnlich mutige Spielidee verfolgte und damit letztlich scheiterte.

Tim Walter sieht sich selbst als Typen

An seiner Philosophie wird Walter aber auch in Hamburg festhalten. „Ich liebe den offensiven Ansatz, mein Fußball soll Spieler besser machen“, sagte Walter vor einem halben Jahr im Interview mit der „Welt“. Sein Selbstbewusstsein drückt Walter nicht nur in seiner Taktik, sondern auch in seiner Wortwahl aus.

„Ich gehe nun mal offensiv an die Dinge ran, ich bin mutig und meinungsstark. Jeder schreit nach Typen, ich bin nicht 0-8-15. Ich habe einen anderen Ansatz“, sagte Walter. Das gelte auch für seine Spieler. „Wir brauchen Typen. Auf dem Platz und im Leben. Durch Systeme, in die sie gezwängt werden, wird das verhindert.“

Hrubesch fordert umfangreiche Veränderungen

Mit diesen Ansichten erfüllt Walter das, was Horst Hrubesch am Sonntag gefordert hatte, als er über die Saisonerkenntnisse des HSV sprach. „Bei uns gibt es viele Dinge, die sich eingeschlichen haben“, sagte Hrubesch, der im Volkspark nun wieder als Nachwuchschef Veränderungen vorantreiben will.

Jeder im HSV müsse sich hinterfragen, meinte Hrubesch, den vor allem die 2:3-Niederlage eine Woche zuvor beim VfL Osnabrück nachhaltig schockiert hatte. An die Adresse seiner Spieler sagte er: „Sie werden sich Gedanken machen. Wenn man sieht, was wir geleistet haben, sind wir zu Recht nicht aufgestiegen. Am Ende kriegst du immer das, was du verdienst.“

HSV wird Walter nicht viele Neuzugänge bieten

Der HSV müsse den Weg mit Talenten aus dem eigenen Nachwuchs fortsetzen, sagt Hrubesch. So wie er es in den letzten drei Saisonspielen mit Robin Meißner, Ogechika Heil oder Jonas David gemacht hatte. Doch Hrubesch schlägt auch Alarm: „Im Moment habe ich in der U 19 und der U 21 keine Spieler mehr, die ich direkt nach oben nehmen kann. Da fehlt es zum einen an der Qualität, zum anderen an der Physis.“

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Tim Walter wird daher versuchen müssen, aus dem bestehenden Kader eine bessere Mannschaft zu formen. Einen großen Umbruch kann es alleine schon aus finanziellen Gründen nicht geben. „Es werden viele Spieler noch da sein im nächsten Jahr. Es müssen sich viele Dinge verändern, sonst wird es im nächsten Jahr auch nicht klappen“, sagte Hrubesch, als er am Sonntagnachmittag die Bühne des Medienraums verließ.

Den ersten Schritt der Veränderung wagt der HSV nun mit Tim Walter.

HSV siegt zum Abschluss gegen Braunschweig:

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