Nach verpasstem Aufstieg

Ex-HSVer über Hrubesch: "Das hat mir gar nicht gefallen"

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Jakob Drechsler
In die Knie gegangen: Der HSV hat auch mit Horst Hrubesch (l.) keine Wende im Aufstiegskampf herbeiführen können.

In die Knie gegangen: Der HSV hat auch mit Horst Hrubesch (l.) keine Wende im Aufstiegskampf herbeiführen können.

Foto: Imago/Revierfoto

Alter Gefährte erschrocken nach Horst Hrubeschs Spieler-Schelte. Auch Erik Meijer knöpft sich die "Tattoo"-Profis des HSV vor.

Hamburg. Egal, in welche Kamera Horst Hrubesch nach der ernüchternden 2:3-Niederlage beim VfL Osnabrück und dem damit verbundenen Nicht-Aufstieg auch blickte, und egal, in welches Mikrofon er sprach, die Botschaft des 70-Jährigen war am Sonntagnachmittag ab 17.30 Uhr auf jedem Kanal stets dieselbe: Der HSV hat den Aufstieg in dieser Form nicht verdient, die Spieler müssen sich und ihre Einstellung hinterfragen.

Auch einem NDR-Reporter gegenüber wurde Hrubesch noch im Stadion an der Bremer Brücke mehr als deutlich. "Die Frage, die ich mir immer stelle, ist ja einfach: 'Habe ich alles gemacht und getan?'", legte der Drei-Spiele-Trainer los. "Und diese Frage gebe ich an die Mannschaft zurück." Dass Hrubesch selbst auf der Suche nach einer Antwort bereits eine Tendenz ausgemacht hat, verdeutlichten seine weiteren Ausführungen.

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"Ich glaube ganz einfach, das waren nicht die 100 Prozent, die du brauchst, um Spiele zu gewinnen. Und jeder hat gewusst, um was es gehen muss. Da braucht sich jetzt keiner rauszureden aus der Nummer." Und weiter: "Ich bin eigentlich jemand, der immer zu seinen Spielern steht und alles für seine Spieler macht und erwarte einfach, dass man auch zurückzahlt. Dass man sich einfach mal hinterfragt: Ist das wirklich alles?"

HSV: Ex-Profi erschrickt über Hrubesch-Schelte

Rumms. Das waren keine Worte eines vermeintlichen Gute-Laune-Onkels mehr. Und auch bei Stefan Böger hatte Hrubeschs Polter-Auftritt seine Wirkung nicht verfehlt. "So resignativ habe ich ihn überhaupt noch nicht erlebt, so kenne ich ihn auch gar nicht", sagte der ehemalige HSV-Spieler (1997 bis 2001) über Hrubesch, den er aus gemeinsamen Zeiten beim DFB eigentlich äußerst gut zu kennen glaubte, als Gast des NDR-"Sportclub".

Aus Hrubeschs vernichtendem Urteil über die Hamburger Profis spreche "die ganze Enttäuschung", analysierte Böger. Die HSV-Ikone habe sich den Verlauf seiner Kurzzeit-Verantwortung offensichtlich "ganz anders vorgestellt", befand der langjährige DFB-Nachwuchstrainer. "Ich kenne ihn als lustigen Kollegen, als sehr, sehr ehrgeizig und zielstrebig", sagte Böger über Hrubesch: "Das hat mir gar nicht gefallen, was ich da gerade gesehen habe."

HSV-Trainer: Schweinsteiger wird es nicht

Und so dürfte nun auch der letzte HSV-Fan die vage Hoffnung begraben, Hrubesch könnte seine kategorische Ablehnung einer Fortsetzung als HSV-Trainer über die nun endgültig verkorkste Saison hinaus doch noch einmal überdenken. Stattdessen können sich die Verantwortlichen um Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel ab sofort verstärkt auf die Suche nach einem neuen Cheftrainer begeben.

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Als Namen gehandelt werden dabei unter anderen der ehemalige Kieler und Stuttgarter Tim Walter, 45, ("Kicker") oder auch Tobias Schweinsteiger, 39, der bis zur vergangenen Runde beim HSV als Assistent des damaligen Coachs Dieter Hecking agierte. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, sollen bislang aber weder Boldt noch Schweinsteiger selbst dessen derzeitigen Arbeitgeber 1. FC Nürnberg über eine Kontaktaufnahme informiert haben. Nach Abendblatt-Informationen ist inzwischen klar: Schweinsteiger soll es definitiv nicht werden.

HSV-Kader laut Boldt auf dem Prüfstand

Dass Boldt überhaupt noch mit der Trainerfrage betraut wird, ist für den Sportvorstand ausgemachte Sache. "Ich bin der Verantwortliche, dem stelle ich mich. Dass es Leute gibt, die jetzt wieder Köpfe fordern, gehört dazu", sagte der 39-Jährige bei Sky. "Ich spüre enorme Rückendeckung sowohl im Aufsichtsrat als auch im Verein selber", sagte er wiederum dem NDR. "Auch wenn die Enttäuschung heute sehr groß ist, werde ich genug Energie haben, an vorderster Front voran- und den Weg weiterzugehen. Alles andere kommt für mich aktuell überhaupt nicht infrage."

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Auch Boldt ließ durchblicken, mit der Herangehensweise einiger Spieler nicht einverstanden zu sein – und den Kader noch einmal genauestens auf der Grundlage eines Mentalitätskriteriums inspizieren zu wollen. Manch einer ließe sich womöglich von einer zwischenzeitlichen "Euphorie ein bisschen blenden", bemerkte Boldt in seinem ersten Saisonfazit: "Deswegen gilt es da noch einmal ein bisschen genauer hinzuschauen, wer sich vielleicht dieser Aufgabe noch besser widmen kann."

Aussage eines Osnabrück-Profis lässt aufhorchen

Ex-Profi Böger hat die Schuldigen bereits innerhalb der Hamburger Spielergemeinschaft ausgemacht. "Es ist grundsätzlich eine Einstellungsgeschichte, wie gehe ich an meine Arbeit ran", urteilte der 54-Jährige am Sonntagabend. "Ich glaube schon, da kenne ich den Horst Hrubesch gut genug, dass er die Mannschaft mit seinem Trainerteam gut eingestellt hat."

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Die Spieler könnten zum Spiel in Osnabrück "ja nicht alles verloren haben", was sie wenige Tage zuvor beim 5:2-Sieg gegen Nürnberg noch so gut gemacht hätten, schloss Böger, der damit in dieselbe Kerbe schlug wie der HSV-Trainer selbst (Hrubesch: "Das ist mir im Moment immer noch ein Rätsel"). "Was ist da innerhalb der paar Tage passiert? Die Frage kann man dann stellen. Aber grundsätzlich ist es vor allem eine Einstellungssache der Spieler."

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Auch die Aussage des Osnabrücker Matchwinners darf in diesem Zusammenhang als Seitenhieb auf den Kader des HSV verstanden werden. "Dieser unbändige Wille war der ausschlaggebende Punkt, dass wir die drei Punkte heute hierbehalten haben", sagte der Siegtorschütze Marc Heider nach dem Spiel.

HSV-Profis: Meijer bringt einen "Tattoo"-Spruch

Bliebe die Frage, welcher Trainer die Spieler des HSV denn künftig überhaupt dauerhaft mental auf Kurs bringen könnte. Erik Meijer etwa sieht in dieser Hinsicht schwarz. "Jeder Spieler, der zum HSV kommt, wird schlechter. Kein Trainer bekommt diese Mannschaft zum Laufen", sagte der ehemalige HSV-Profi am Tag nach dem Osnabrück-Desaster in seiner knallharten Saisonanalyse im Rahmen des Abendblatt-Podcasts "HSV – wir müssen reden".

Und weiter: "Ich denke, dass das Management bleiben muss und man einen Trainer finden sollte, der zu diesem Kader passt. Vielleicht sollte die Auswahl der Spieler mehr Richtung Charakterspieler gehen als Richtung Jungs, die 27 Tattoos auf dem Körper haben."

Ob es bei Hamburgs Auswahl eines neuen Fußballlehrers einen heißen Kandidaten gebe, wurde schließlich auch Böger im "Sportclub" gefragt: "Den gibt es glaube ich überhaupt nicht." Doppelrumms.

Die Statistik:

  • Osnabrück: Kühn – Ajdini, Beermann, Trapp, Wolze – Multhaup (77., Engel), Reis, Taffertshofer, Amenyido (69., Heider) – Santos (88., Hennnig), Kerk (88., Blacha). – Trainer: Feldhoff
  • HSV: Ulreich – Gyamerah (69. Dudziak), Leistner (79. Kwarteng), Heyer, Leibold – Kinsombi (69, Wintzheimer), Onana (50., Jung) – Jatta (46., Narey), Kittel - Terodde, Meißner. – Trainer: Hrubesch
  • Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin)
  • Tore: 1:0 (34.) Santos, 1:1 (37.) Meißner, 2:1 (61.) Multhaup, 2:2 (81.) Leibold, 3:2 (84.) Heider.
  • Gelbe Karten: Wolze (7), Taffertshofer (5) –

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