Zweite Bundesliga

Historischer Aufstiegskampf – und der HSV mittendrin

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Brüllen oder doch lieber ruhig bleiben? HSV-Trainer Daniel Thioune muss im psychologisch anspruchsvollen Aufstiegsrennen das richtige Maß finden.

Brüllen oder doch lieber ruhig bleiben? HSV-Trainer Daniel Thioune muss im psychologisch anspruchsvollen Aufstiegsrennen das richtige Maß finden.

Foto: Witters

Ein Tabellenbild wie nach dem 22. Spieltag gab es im Unterhaus noch nie. Wie HSV, Fürth, Bochum und Kiel mit der Situation umgehen.

Hamburg/Fürth. Jetzt tobt ein Vierkampf um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Nach der Blamage des HSV beim Schlusslicht aus Würzburg (2:3) und dem Ausrutscher des VfL Bochum (0:1 in Aue) hat die SpVgg Greuther Fürth mit ihrem Sieg gegen Holstein Kiel ein Wettrennen im Gleichschritt entfesselt.

Mit jeweils 42 Punkten steht das Quartett ganz vorne in der Tabelle der 2. Liga und wird nur von der Tordifferenz getrennt.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

Vier punktgleiche Teams zu so einem späten Zeitpunkt der Saison ganz vorne – das gab es dem Sportanalysten Opta zufolge zuvor in der eingleisigen zweiten Liga noch nicht. „Es ist brutal eng oben“, konstatierte Havard Nielsen nach dem 2:1 (1:1) der Fürther im Montagabendspiel.

Erst einmal eine vergleichbare Punkteausbeute

Und dass vier Teams mindestens 42 Punkte nach 22 Spielen haben, gab es zuvor nur einmal: 2011/12. Damals waren es sogar fünf Mannschaften – Tabellendritter mit 44 Zählern war Fürth. Am Saisonende ging es für die Franken sogar als Erster erstmals hoch. Nur zwei Tickets sichern heute wie damals den direkten Aufstieg.

Trotz des Ausfalls der fünf Stammspieler Mergim Mavraj und Paul Jaeckel in der Innenverteidigung sowie Paul Seguin, Sebastian Ernst und Julian Green im Mittelfeld drehten die Franken das Topspiel gegen lange dominante Kieler. Es war auch ein Zeichen an die Konkurrenz, im richtigen Moment zuschlagen zu können.

„Wir wollen uns keine Grenzen setzen, sondern so weit wie möglich nach oben und auch oben bleiben“, versicherte Sportchef Rachid Azzouzi.

HSV will nichts von einer Krise wissen

Der Hamburger SV hingegen ist zuletzt an seine Grenzen gestoßen. Nur ein Sieg aus den vergangenen fünf Spielen ist für die Mannschaft von Daniel Thioune, die nach drei Jahren endlich der Zweitklassigkeit entkommen will, zu wenig.

„Die Ergebnisse sind nicht gut. Aber von der Krise sind wir sehr, sehr weit entfernt“, beschwichtigte er. „Da darf man auch mal den aktuellen Stand der Tabelle nehmen. Ich glaube, die Krise würde vielen Mannschaften in der Liga gefallen, die wir haben.“

Ähnlich klingt auch Michael Mutzel. „Es ist keine Krise. Dafür haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten zu viel Gutes gezeigt, zu viele gute Spiele absolviert“, predigt Hamburgs Sportdirektor.

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HSV brach in den letzten Jahren stets ein

Dennoch sollten im Volkspark längst die Alarmsirenen kreischen – in den vergangenen beiden Jahren verspielte der HSV nach 44 (2018/19) respektive 41 Punkten (2019/20) zum gleichen Zeitpunkt in der Folge noch die fest eingeplante Rückkehr in die Erste Bundesliga.

„Ich habe das Gefühl, dass hier in Hamburg immer ein bisschen schneller Unruhe vorhanden ist. Das haben wir die vergangenen Jahre gesehen“, sagt Mutzel angesichts der im Umfeld latent vorhandenen Sorge über ein Abrutschen auf Rang vier. „Nach innen haben wir diese Unruhe aber nicht.“

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Auf die Hamburger wartet nun das unberechenbare Derby gegen den Stadtrivalen FC St. Pauli am 1. März sowie die Duelle gegen die direkten Aufstiegskonkurrenten Holstein Kiel am 8. März und VfL Bochum am 12. März. „Wir fangen uns jetzt und dann geht's weiter“, sagt Mutzel mit Blick auf die „geilen Spiele vor der Brust“.

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VfL Bochum setzt auf den Trend

Auch Bochum wittert trotz des Ausrutschers in Aue weiter die Chance, in der elften Zweitligasaison hintereinander endlich den Absprung nach oben zu schaffen. Es sei eng, „extrem eng“, sagte Geschäftsführer Ilja Kaenzig der Schweizer Zeitung Blick: „Wenn aber der Trend stimmt, und der stimmt bei uns, bist du irgendwann dran.“

Angesichts des immer wahrscheinlicheren Abstiegs von Schalke 04 könnte der VfL in der kommenden Bundesliga-Saison das dann wichtigste Revierderby gegen Borussia Dortmund spielen – eine verlockende Perspektive für die einst „Unabsteigbaren“.

Holstein Kiel bleibt positiv gestimmt

Während der Westen in der besten deutschen Fußballliga traditionell immer stark vertreten ist, herrscht ganz hoch im Norden noch immer gähnende Leere. Dass die Kieler das Zeug dazu haben, als erster Club aus Schleswig-Holstein den Sprung in die Bundesliga zu schaffen, zeigten sie aber auch in Fürth.

Lange war die Mannschaft von Ole Werner das bessere Team, führte verdient durch einen frühen Treffer von Joshua Mees (4.). Doch die Gastgeber drehten durch Havard Nielsen (27.) und ein Eigentor von Alexander Mühling (83.) die Partie. „Es gilt, das aus den Klamotten zu schütteln und die positiven Dinge mitzunehmen“, sagte Werner.

Greifen KSC und Düsseldorf auch noch ein?

Greuther Fürth, der Gewinner des Spieltags im Aufstiegskampf, hat indes nun ähnlich wie der HSV mit den kommenden Gegnern Hannover 96 und Bochum ein „Hammerprogramm vor der Brust“, wie es Trainer Stefan Leitl ausdrückte. „Wir wollen gut durch diese Spiele kommen und kontinuierlich punkten.“

Wer will das nicht von den top Vier? Wie auch in der Vergangenheit werden die Mannschaften durchkommen, die bei Rückschlägen mehr Widerstandsfähigkeit beweisen. Und vielleicht holen auch die ärgsten Verfolger des Quartetts, Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf, ihren Sechs-Punkte-Rückstand noch einmal auf.

Bis dahin gilt, was Nielsen für die letzten zwölf regulären Zweitliga-Partien verkündete: „Wir müssen einfach in jedem Spiel Gas geben und kämpfen.“ Vom Aufstieg wollen die Fürther, die in der Rückrunde der einzige noch ungeschlagene Zweitligist sind, trotz des Comebacksiegs noch nicht reden. "Nein, warum sollen wir das Wort jetzt in den Mund nehmen? Es ist viel zu früh", befand Trainer Leitl.

( dpa/sid/HA )

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