HSV

Ist der Spitzenreiter auch eine Spitzenmannschaft?

Torhungrig, aber auch anfällig: Der HSV ist nicht in allen Kategorien Spitze.

Torhungrig, aber auch anfällig: Der HSV ist nicht in allen Kategorien Spitze.

Foto: Witters

Der HSV bewegt sich in der Zweiten Bundesliga zwischen Tops und Flops. Regensburgs Geschäftsführer mit Respekt-Hinweis.

Hamburg. Michael Mutzel ist einer, den man in dessen schwäbischer Heimat als „neddr Kerle“ oder „guddr Dyp“ bezeichnet. Auf Hochdeutsch ein netter Kerl, der eigentlich immer „gudde Laune“ hat. Deswegen war es auch wenig verwunderlich, dass der gebürtige Memminger am Morgen nach dem 3:1-Sieg seiner Mannschaft gegen den SSV Jahn Regensburg mit bester Laune den Trainingsplatz im Volkspark betrat. „Natürlich schaue ich mir am Sonntag auch immer die Zusammenfassungen aller Zweitligaspiele an“, sagte der fröhliche HSV-Sportdirektor. „Und die bringen eben noch ein bisschen mehr Spaß, wenn man auch selbst gewonnen hat.“

Vor allem, wenn man nicht nur gewonnen, sondern auch gut gespielt hat und zurück auf den ersten Platz geklettert ist. Oder frei auf Schwäbisch: Schaffe, schaffe, Tabellenführung baue.

Allerdings sind die Menschen im Unterallgäu eben nicht nur für ihr „sonniges Gemüd“ bekannt, sondern auch für ihre Strebsamkeit und ihren Arbeitseifer. Und deswegen wurde im Gespräch mit Mutzel aus dem „Späßle“ ziemlich schnell „Ernschd“. „Bei uns ist eine positive Entwicklung zu erkennen. Das freut mich. Aber auch so ein Ergebnis wie von Holstein Kiel (1:2 gegen Osnabrück, die Red.) zeigt, wie unglaublich ausgeglichen die Liga ist.“

HSV zwischen Spitzenwerten und Flops

Die Frage, ob der Spitzenreiter mittlerweile auch ein Spitzenteam sei, ist deswegen zum jetzigen Moment noch nicht wirklich seriös zu beantworten. Der HSV feierte die meisten Siege aller Zweitligateams (neun), erzielte die meisten Tore (30), hat den besten Torjäger (Simon Terodde/15 Saisontore) und stellte am Sonntag mit 22 Torschüssen seinen eigenen Saisonrekord ein. Das alles: top. Aber: Aus der oberen Tabellenhälfte gibt es keine einzige Mannschaft, die mehr Gegentore (18) kassierte. Zudem hat der HSV außer Terodde keinen einzigen Spieler, der mehr als zwei Tore erzielen konnte. Und fünf Teams sind in dieser Saison mehr gelaufen als der HSV (1619 Kilometer). Das alles: eher ein Flop.

Doch Fußball ist eben nicht nur schwarz oder weiß. „Es ist ja gerade mal ein bisschen mehr als das erste Saisondrittel vorbei. Es werden noch viele Höhen und Tiefen kommen“, floskelte Mutzel. „Wir genießen es, da oben zu stehen. Aber wir bleiben wachsam.“

HSV-Profi Kinsombi erhält ein Extralob

Eine Sache stimmte den 41-Jährigen dann aber doch extrem positiv. „Besonders die Spieler, die zuletzt hinten dran waren, nehmen an Fahrt auf“, sagte Mutzel und nannte David Kinsombi als Beispiel. Der Mittelfeldmann, der nur deswegen spielen durfte, weil mit Klaus Gjasula (Innenbandriss) und Amadou Onana (Adduktorenprobleme) gleich zwei Mittelfeld-Staubsauger gegen Regensburg ausgefallen waren, habe mit Tor und Vorlage gleich doppelt überzeugt. „David ist dran geblieben. Er hat ganz bewusst gesagt, dass er es hier packen will, dass er sich hier durchsetzen will“, lobte Mutzel. „David hat gegen Regensburg gezeigt, dass man mit ihm rechnen kann.“

HSV will sich auf Transfermarkt zurückhalten

Auch die Entwicklungen von Kapitän Tim Leibold, der vor Wochen ein kleines Formtief durchlaufen musste, und vor allem Bakery Jatta, der seinen herausragenden Auftritt in Karlsruhe (2:1) auch gegen Regensburg bestätigen konnte, stimmen die Verantwortlichen hoffnungsvoll. „Wir sind zufrieden mit unserem Kader“, betonte Mutzel erneut.

Schon vor wenigen Tagen hatte er im Abendblatt-Gespräch angedeutet, dass der HSV möglicherweise gar nicht auf dem Wintertransfermarkt aktiv werden würde. Nach den langfristigen Verletzungen von Gjasula und Jan Gyamerah müsse man aber nun zumindest „die Augen und Ohren offen halten“.

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Wachsam müsse aber vor allem das Team bleiben. Nach vier Siegen in Folge dürfe man vor der Partie in Nürnberg unter keinen Umständen nachlassen, sagte Mutzel, der am Rande des Spiels gegen den Jahn lange über diese unglaublich ausgeglichene Liga mit Regensburgs Geschäftsführer Christian Keller gesprochen habe. Der habe ihm gesagt: „Jeder kann gegen jeden gewinnen. Man sollte mächtig Respekt vor dieser Liga haben.“ Und Kollege Keller muss es wissen. Denn auch er: ein waschechter Schwabe.