2. Bundesliga

Erste Niederlage für den HSV: „Dafür halte ich den Kopf hin“

Gegen den VfL Bochum lässt der HSV alle Qualitäten eines Tabellenführers vermissen – und bangt zudem um Spielmacher Jeremy Dudziak.

Hamburg. Der HSV kann doch noch verlieren. Am achten Spieltag der 2. Bundesliga mussten die Hamburger die erste Niederlage der Saison hinnehmen. Beim 1:3 (0:1) gegen den VfL Bochum ließ der HSV alle Qualitäten vermissen, mit denen er zur Tabellenführung gestürmt war. Ideen, Tempo im Spielaufbau, Zweikampfstärke – all das gab es am Sonntagnachmittag nur vom Gegner zu sehen.

„Wir haben verdientermaßen verloren“, sagte HSV-Trainer Daniel Thioune im Sky-Interview. „Wir hatten heute Probleme mit dem Ballbesitzspiel und hatten auch gegen den Ball nicht die nötige Gier.“ Sein Kapitän Tim Leibold sah es ähnlich: „Wir sind über die gesamte Spielzeit nicht richtig in die Partie gekommen, hatten kaum Zugriff und zu wenig zwingende Torchancen.“

Jatta zurück in HSV-Startelf, Ambrosius auf der Bank

An den Umständen lag das nicht. Trainer Daniel Thioune hatte bis auf Rick van Drongelen freie Auswahl. Angreifer Bakery Jatta hatte seine Adduktorenverletzung auskuriert und verdrängte Sonny Kittel aus der Startelf. „Es geht darum, dass Baka nach seiner Verletzung in seine Abläufe rauskommt. Er hat nun einmal ein unheimliches Tempo und kann damit auf der Außenbahn eine richtige Waffe sein“, sagte Thioune vor dem Anpfiff bei Sky.

Auch den anderen Flügel besetzte der Trainer neu mit Manuel Wintzheimer, für ihn musste Khaled Narey weichen. Innenverteidiger Stephan Ambrosius saß zum ersten Mal überhaupt in der laufenden Zweitligasaison nur auf der Bank – das Spiel in Fürth Mitte Oktober hatte er wegen einer Corona-Infektion ganz verpasst. Für ihn rückte Moritz Heyer zurück in die Abwehr. Den freien Platz im defensiven Mittelfeld übernahm Aaron Hunt.

HSV hat Probleme mit Bochums Pressing

Und die Defensive stand gleich viel mehr im Mittelpunkt, als man gedacht haben mag. Bochum störte den HSV früh im Spielaufbau, Ballverluste waren die Folge – und bald auch Bochumer Chancen. Hamburgs Torwart Sven Ulreich musste sich beim Schuss von Simon Zoller mächtig strecken, um den Ball ins Toraus zu lenken (19. Minute).

Kurz darauf tauchte plötzlich Robert Zulj direkt vor ihm auf, konnte nach Flanke von Danilo Soares aber den Kopfball nicht ins Tor drücken – Amadou Onana hatte zuvor im Spielaufbau den Ball verloren.

Doch dann mussten die Bochumer ihrem hohen Tempo Tribut zollen – und dem HSV etwas mehr Platz zum Kombinieren geben. Manuel Wintzheimer rutschte noch weg, als er in aussichtsreicher Position im Strafraum zum Torschuss ansetzte.

Ulreich foult Ex-HSV-Profi Tesche im Strafraum

Kurz darauf lag dann der Ball im Bochumer Tor. Jatta konnte sich auf der rechten Seite durchsetzen und vors Tor passen, wo Jeremy Dudziak nur noch einzuschieben brauchte (27.). Doch der Tor-Jingle wurde schnell wieder abgedreht: Dudziak hatte beim Pass knapp im Abseits gestanden.

Stattdessen waren es die Bochumer, die Bewegung auf die Anzeigetafel brachten. Nach einem schnell ausgeführten Freistoß hatte der HSV Robert Tesche im Strafraum übersehen. Torwart Sven Ulreich brachte den früheren Hamburger zu Fall. Den fälligen Elfmeter verwandelte Zulj zur VfL-Führung (35.), die bis zur Halbzeitpause hielt. Und angesichts des Chancenverhältnisses und der Zweikampfführung durfte sich darüber auch kein Hamburger beschweren.

Eine Reaktion war gefordert, doch sie blieb zunächst einmal aus. Es hätte sogar noch schlimmer kommen können. Hunt brachte Ulreich mit einem riskanten Rückpass in Bedrängnis, beim folgenden Kuddelmuddel kam Zulj plötzlich wieder frei zum Abschluss, doch Ulreich konnte mit den Fingerspitzen das 0:2 verhindern.

Dudziak verletzt raus

Und der HSV? Fand offensiv praktisch nicht statt. Selbst Jattas flache Flanke zu Hunt wäre wohl auch kaum der Rede wert gewesen, hätte U-21-Nationalspieler Maxim Leitsch den früheren HSV-Kapitän bei dessen Ballannahme nicht am Fuß getroffen. Simon Terodde nahm das Geschenk an und platzierte den Elfmeter unhaltbar neben den von ihm aus gesehen linken Pfosten (65.) – bereits der neunte Saisontreffer für den Toptorjäger der 2. Bundesliga.

Doch der nächste Rückschlag folgte prompt: Bochums Danny Blum traf im Mittelfeld Dudziak böse am linken Knöchel (68.). Hamburgs Spielmacher musste, auf Betreuer gestützt, vom Platz.

Nach einer ersten Untersuchung gab der HSV am Abend vorsichtig Entwarnung: Dudziak habe eine schwere Prellung des Sprunggelenks sowie eine Einblutung erlitten, es soll aber nichts gebrochen oder gerissen sein.

Für Dudziak kam Klaus Gjasula ins Spiel – und mit ihm gleich auch Narey (für Hunt), Kittel (für Wintzheimer) und der lange glücklose Bobby Wood (für Jatta). Die von Thioune erhofften Impulse konnte aber keiner von ihnen setzen. Der Trainer zeigte sich später reumütig: „Die Wechsel waren nicht gut im Nachhinein. Für diese Entscheidungen halte ich den Kopf hin.“

Ulreich rettet – und ist dann machtlos

Denn das Geschehen spielte sich weiterhin vornehmlich in der HSV-Hälfte ab. Zunächst waren es wieder Ulreichs Fingerspitzen, mit denen der HSV-Torwart den Schuss von Zoller an den Innenpfosten lenken konnte, von wo der Ball auf wundersame Weise die Torlinie entlang und ins Seitenaus kullerte (75.).

Wenig später war auch Ulreich geschlagen: Blum sah, dass der HSV-Torwart etwas zu weit vor seinem Tor stand, und lupfte den Ball aus 18 Metern über ihn hinweg zum 1:2 ins Tor – ein Traumtor zur längst verdienten Führung (78).

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Der HSV hatte nun nichts mehr entgegenzusetzen, dafür die Bochumer etwas nachzusetzen: Raman Chibsah sorgte für die Entscheidung, als er den Ball artistisch über die Linie drückte (82.).

Thioune: „Niederlage Teil der Entwicklung“

Zwei Unentschieden und eine Niederlage stehen für den HSV aus den vergangenen drei Spielen nun zu Buche. Eine Krise ist das noch nicht, aber ein erstes Warnsignal allemal. „Wir sind nach fünf Siegen zum Auftakt nicht euphorisch geworden und brechen jetzt auch nicht auseinander“, sagte Thioune im Sky-Interview. Die Niederlage sei Teil eines Entwicklungsprozesses. „Niemand entwickelt sich gern über eine Niederlage, aber wir müssen nach acht Spieltagen auch das große Ganze sehen.“

Damit wäre dann wohl die Tabelle gemeint, in der der HSV weiterhin ganz oben steht. Am kommenden Sonntag geht es nach Heidenheim, dort hatte der HSV in der Vorsaison den Aufstieg verspielt.

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