Neuer Trainer

100 Tage Daniel Thioune beim HSV – die große Bilanz

Daniel Thioune (r.) im Gespräch mit Gideon Jung (M.) und Khaled Narey. De Trainer besitzt beim HSV einen Vertrag bis 2022.

Daniel Thioune (r.) im Gespräch mit Gideon Jung (M.) und Khaled Narey. De Trainer besitzt beim HSV einen Vertrag bis 2022.

Foto: Witters

Der neue Trainer hat in seinen ersten drei Monaten bereits die komplette Ladung HSV kennengelernt. Nun feiert er Jubiläum.

Hamburg.  Am Sonntag unterwarf sich Daniel Thioune ganz und gar der großen Zahl 100. „Für mich ist es wichtig, dass es auch eine Zeit neben dem HSV gibt. Und dann will ich 100 Prozent Papa sein“, sagte der HSV-Trainer, der an diesem Wochenende ein letztes Mal private Dinge in Osnabrück klären wollte, bevor er und seine Familie endgültig den kompletten Umzug nach Hamburg vollziehen. Er brauche auch mal Zeit, in der er 100 Prozent für seine Lieben aufbringen kann, um dann wieder auch 100 Prozent für den HSV zu geben, sagte Thioune, für den am Dienstag die nächste große Zahl 100 wartet: 100 Tage HSV.

Bereits am Donnerstag nahmen die Medienabteilung des HSV und Thioune eine neue Folge des Podcasts „Pur der HSV“ auf, um diese ersten 100 Tage beim HSV einmal Revue passieren zu lassen. „Wenn man diese 100-Tage-Reflexion aufsetzt, dann ist schon sehr, sehr viel passiert“, sagte der neue HSV-Coach im typischen Thioune-Sprech – und erinnerte an das krasse Auf und Ab mit der bitteren Pokalniederlage in Dresden („Ein brutaler Schlag in die Fresse“), dem souveränen Auftakterfolg gegen Absteiger Düsseldorf und dem Achterbahn-4:3-Sieg in Paderborn. Sein Jubiläums-Fazit: „In 100 Tagen HSV habe ich schon viel erlebt, viel reflektiert. Man könnte auch sagen: Willkommen in Hamburg.“

100 Tage HSV – einer schaffte es nicht

Es gehört wahrscheinlich zur DNA dieses Clubs, dass in den vergangenen 32 Monaten gleich fünf HSV-Trainer die magische 100-Tages-Grenze angestrebt hatten, von denen überraschenderweise immerhin vier dann auch eine 100-Tages-Bilanz ziehen durften. Lediglich Bernd Hollerbach schaffte 2018 mit 48 Tagen im Amt nicht einmal die Hälfte. Nachfolger Christian Titz stieg im gleichen Jahr nach knapp 100 Tagen mit dem HSV ab – und überlebte die zweiten 100 Tage nicht mehr im Amt.

Hannes Wolf freute sich über einen 100-Tage-Jubiläumssieg gegen Sandhausen, wonach der Anfang vom Ende folgen sollten. Nach 16 Punkten aus 16 Spielen war auch für ihn Schluss – genauso wie für die Aufstiegshoffnungen des HSV.

Es folgte der erfahrene Dieter Hecking, der in der Länderspielpause vor gut einem Jahr eine zufriedene 100-Tages-Bilanz zog („Es ist jetzt unsere Herausforderung und Verpflichtung, dieses Niveau zu halten“), um dann aber genauso abzuschmieren wie Vorgänger Wolf.

Thioune: 100 Tage HSV wie 300 Tage

Nun also Thioune. Wieder ein neuer Trainer. Wieder neue Hoffnung. Und wieder eine neue 100-Tages-Bilanz. „Ich habe in Hamburg in 100 Tagen sicher sehr viel mehr als in 100 Tagen in Osnabrück erlebt. Es erleben zu dürfen, ist aber ein Privileg. Vielleicht waren es gefühlt 300 Tage“, so Thioune. „Aber diese 300 Tage fühlen sich verdammt gut an.“

Wenn Thioune tatsächlich 300 Tage beim HSV geschafft hat, dann dürfte der 46-Jährige noch sehr viel besser wissen, ob es sich immer noch so verdammt gut in Hamburg anfühlt – oder eben nicht. Am 1. Mai 2021 sind nur noch drei Spieltage zu absolvieren – und Thioune und der HSV dürften bereits eine Ahnung davon haben, wohin die Reise gehen wird.

Beim HSV habe alles eine andere Dimension, das Verhältnis im Vergleich zu anderen Vereinen sei aus seiner Sicht eins zu sieben, sagte Thioune, dem „diese Wucht“ aber keine Angst macht: „Ich sehe das nicht als Bedrohung oder Risiko, sondern als Chance und Herausforderung.“

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Daniel Thioune will auch Fehler machen

Mit Herausforderungen kennt sich der Neu-Hamburger aus. Längst ist bekannt, dass Thioune ein Freund von Wegen mit Abzweigungen ist. Profi ist er erst mit 22 Jahren geworden, er hatte eine kaufmännische Ausbildung bei der Telekom angefangen, dann sogar noch einmal spät studiert. Beim Fußballlehrerlehrgang ist er erst nach der dritten Eignungsprüfung zugelassen worden, seine Bachelorarbeit („Analyse der Erfolgsfaktoren regionaler Nachwuchsleistungszentren des deutschen Fußballs am Beispiel des VfL Osnabrücks“) hat er erst im vergangenen Jahr abgegeben.

Sein Einerseits-andererseits-Motto: „Ich möchte Fehler machen, weil man an Fehlern wächst. Man sollte diese Fehler nur nicht zweimal machen.“ Aber: „Ich weiß nicht, was morgen ist. Aber wenn ich heute Fehler mache, dann muss ich morgen dafür meinen Kopf hinhalten.“

HSV: Wie Thioune das Trainerteam aufteilt

Nun, beim HSV will Thioune so schnell nicht seinen Kopf hinhalten müssen. Mit seinen Assistenten habe er im Trainingsalltag eine klare Aufgabenverteilung. Er selbst bereite die Einheiten inhaltlich und taktisch vor, Co-Trainer Merlin Polzin kümmere sich um die technische Ausbildung, Hannes Drews um die Nach- und Vorbereitung der Spiele. Die Spieler dürfen die Trainer duzen, sollten einen entspannten Umgangston aber nicht mit Freundschaft verwechseln. Selbst mit seinem langjährigen Co-Trainer Polzin würde Thioune privat nicht unbedingt ein Bier trinken gehen.

„Ich brauche andere Menschen außerhalb des Fußballs, um glücklich zu sein“, erklärte Thioune im HSV-Podcast. Mit Schulterklopfern, die sich nun, nach seinem Aufstieg zum HSV-Trainer, bei ihm plötzlich wieder melden würden, könne er so gar nichts anfangen. Den einen oder anderen habe er auf seinem Handy sogar bewusst blockiert.

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Thioune redete kaum mit Problemfall Ewerton

Thioune ist kein harter Hund, scheut aber auch keine harten Maßnahmen. Er ist beispielsweise überhaupt kein Freund davon, Spielern zu erklären, warum sie nicht spielen. Auch mit Pro­blemfall Ewerton, der am letzten Tag der Transferfrist das Weite gesucht hat und nach Würzburg gewechselt ist, hat er irgendwann nur noch das Nötigste besprochen.

„Ich wende lieber Energie auf für die Jungs, die an einem Strang ziehen, als für die, die mit einer Schere daneben stehen und diesen Strang abschneiden wollen“, erklärte Thioune, der nach 100 Tagen beim HSV vor alllem eines beobachtet hat: „Hier redet man überall von Tradition und Strahlkraft, ist aber im dritten Jahr in der Zweiten Liga.“

Genau das will Thioune ändern. Deswegen wird er am Dienstag auch kein großes Fest nach 100 Tagen beim HSV feiern. Sondern trainieren und das Spiel gegen Greuther Fürth vorbereiten. Die große Sause darf immer noch folgen. Nach dem letzten Spiel. Und nach dem Aufstieg. Dann übrigens in: 222 Tagen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist ...