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Sven Ulreich: „Ich bin ein anderer Torhüter geworden“

Sven Ulreich kam aus München.

Sven Ulreich kam aus München.

Foto: Witters

Der neue HSV-Torhüter musste einen frühen Schicksalsschlag verkraften. In Hamburg will er sich noch einmal neu beweisen.

Hamburg. Für Torhüter und angehende Torhüter war der Sommer 2002 ein ganz besonderer. Oliver Kahn wurde im fernen Japan Vizeweltmeister, Welttorhüter des Jahres – und zum Titan der Nation. Eine Leistung, die sich auch bis ins schwäbische Schorndorf herumsprechen sollte. Dort lebte der damals 14-jährige Sven Ulreich, der nur einen Wunsch hatte: Profi-Torwart zu werden.

„Sven war ein Talent. Ein Talent, das viel arbeiten musste“, sagt einer, der sich im Sommer 2002 des damaligen Teenagers annahm und vor allem eines mit dem jungen Ulreich machte: arbeiten. 18 Jahre ist der Torwart-Sommer nun schon her, doch Jürgen Schwab erinnert sich noch heute an Ulreichs Anfänge als Keeper, als ob es gestern gewesen wäre. Zwei Jahre zuvor war Ulreichs Vater Dieter gestorben. Der verdammte Krebs.

Kurz vor dessen Tod musste der zwölfjährige Sven dem Papa versprechen, immer alles zu geben. „Sven war nie ein Lautsprecher“, sagt Schwab am Telefon. „Aber wenn er etwas wollte, wusste er genau, dass er dafür etwas tun musste.“

Jürgen Schwab ist eine wichtige Person im Leben Ulreichs

Schwab ist ein echter Schwabe, der bestens weiß, dass zu großen Zielen noch größerer Einsatz gehört. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Der heute 62-Jährige war früher selbst ein sehr passabler Amateur-Torhüter, trainierte später mit den vielversprechendsten Torwarttalenten aus dem Ländle. „Jürgen ist eine wichtige Person in meinem Leben und in meiner Karriere“, sagt Ulreich heute. „Er ist über die Jahre zu einem echten Freund geworden.“

HSV-Training mit Sven Ulreich nach Aue-Absage:

Schwab, der jahrelang ein großes Sportfachgeschäft in Winterbach, einem Ort im Remstal vor den Toren Stuttgarts, leitete, wurde nicht nur Ulreichs Freund, sondern auch sein Berater. „Ich bin kein großer Freund davon, im Vordergrund zu stehen“, sagt der einflussreiche Schwabe, den in Fußball-Stuttgart aber fast jeder kennt.

Großes Interesse des HSV an Ulreich

Nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Hamburg. So kennt Sportdirektor Michael Mutzel Schwab bereits seit seiner Zeit beim VfB, ließ sich von ihm ebenfalls jahrelang beraten und durfte sich schließlich darüber freuen, dass die guten Beziehungen auch nicht gerade schädlich beim nur schwer zu stemmenden Ulreich-Transfer waren. Immer wieder hatten Mutzel und Sportvorstand Jonas Boldt in den vergangenen Wochen bei Ulreich und den Bayern ihr Interesse hinterlegt, ehe sich drei Tage vor dem Ende der Transferfrist doch ein kleines Fenster öffnete. „Und dieses Fenster rissen die Hamburger auf“, sagt Schwab.

Warum Sven Ulreich vom FC Bayern zum HSV gewechselt ist

Drei Stunden nach dem Telefonat steht Sven Ulreich auf dem Trainingsplatz im Volkspark, verschränkt die Arme hinter dem Rücken und macht sich gerade. „Ich habe in den vergangenen Monaten gemerkt, dass ich eine neue Aufgabe, eine neue Herausforderung brauchte“, spricht er in die vielen Mikrofone, die ihm entgegengestreckt werden. Auch 18 Jahre nach seinem ersten Training mit Jürgen Schwab ist Ulreich keine Plaudertasche geworden.

Tod von Robert Enke hat Ulreich sehr beschäftigt

Aber der zweifache Familienvater ist ein reflektierter Gesprächspartner, der sich auch die Zeit nimmt, zunächst einmal kurz nachzudenken, bis er einfach so antwortet. „Viele waren überrascht über meinen Wechsel vor fünf Jahren nach München, der eine oder andere hat es auch nicht verstanden“, sagt er. „Aber ich wollte in München vor allem etwas fürs Leben lernen, ich wollte von Manuel Neuer lernen.“

Ob er ein besserer Torhüter geworden sei, will ein Medienvertreter wissen. „Ich bin definitiv ein anderer Tor­hüter geworden“, antwortet Ulreich, der ganz nebenbei ein Studium in Sportmanagement absolviert hat. „Vielleicht bin ich ein besserer Torhüter geworden.“

Gerade bei Torhütern liegen Anerkennung und Missachtung oft nur einen gehaltenen oder durchgelassenen Torschuss voneinander entfernt. Oliver Kahn weiß das, Jürgen Schwab weiß das – und auch Sven Ulreich weiß das. Mit 19 Jahren stand er bei einer 0:3-Niederlage des VfB Stuttgart gegen Bayer Leverkusen auf dem Platz – und wurde anschließend schwer von Armin Veh kritisiert. „Als ich damals vom Trainer in der Öffentlichkeit kritisiert wurde, hat mich Robert Enke am Folgetag angerufen und ermutigt, weiterzumachen“, sagte Ulreich einmal dem SWR.

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Der Freitod des früheren Nationalkeepers habe ihn sehr beschäftigt. „Nach dem Tod von Robert Enke wurde viel über Respekt und Menschlichkeit im Profifußball geredet. Das ist leider wieder abhandengekommen.“ In seiner Zeit in Stuttgart musste Ulreich sogar einen Anwalt einschalten, nachdem ein „Fan“ nach einer Niederlage in Freiburg Ulreich im Internet indirekt zum Selbstmord aufgerufen hatte: „Los Ulle mach’s wie Enke! Tue dir und uns einen Gefallen und mache es so wie Enke.“

Die schlimmen Geschichten sind lang her, doch sie haben Ulreich geprägt. Der Keeper weiß, dass es auch im Profizirkus um mehr als um die Nummer eins, zwei oder drei geht. „Ich hatte immer ein sehr kollegiales Verhältnis mit meinen Torwartkollegen“, antwortet Ulreich auf die Frage, ob er sich in Daniel Heuer Fernandes hineinversetzen kann. „Ist doch klar, dass alle spielen möchten“, sagt er. „Trotzdem kann man Spaß zusammen haben.“

Spaß will Ulreich nun auch in Hamburg haben. Mit seiner Familie. Und beim HSV.