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HSV-Supporters-Chef Tim-Oliver Horn: Darum höre ich auf

Supporters-Chef Tim-Oliver Horn (42) ist seit 1998 HSV-Mitglied.

Supporters-Chef Tim-Oliver Horn (42) ist seit 1998 HSV-Mitglied.

Foto: Mark Sandten / HA

Horn war sechs Jahr Chef der HSV-Supporters. Nun spricht er über mögliche Nachfolger und warnt, Fanthemen zu unterschätzen.

Hamburg. Sechs Jahre lang war Tim-Oliver Horn (42) der Vorsitzende des HSV Supporters Club. Am 21. November gibt der HSV-Fan sein Amt nun ab – und lässt seine Amtszeit vorab noch einmal Revue passieren. Treffpunkt ist ein Restaurant in Neugraben. Es gibt Currywurst mit Pommes – und ein sehr ehrliches Gespräch über seine Nachfolgekandidaten, Fansein in Corona-Zeiten und seine Tochter, die keinen anderen Meister als Bayern München je erlebt hat.

Hamburger Abendblatt: Herr Horn, man sagt immer: Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Ist es für Sie gerade beim HSV am schönsten?

Tim-Oliver Horn: In meinem Fall gibt es einen anderen Grund. Ich war sechs Jahre lang mit sehr viel Leidenschaft Abteilungsleiter des Supporters Club. Und wenn sich bei der nächsten Wahl kein Anderer gefunden hätte, dann wäre ich wohl noch einmal angetreten. Aber nun gibt es ja gleich zwei Teams, die sich bewerben. Dann kann ich guten Gewissens sagen: Es war schön – und nun ist gut.

Ihr erster Satz, den wir von Ihnen nach Ihrer Wahl 2014 durch nur 107 Mitglieder im Abendblatt veröffentlichten, lautete: „107 stimmberechtigte Mitglieder ist eine schwache Zahl für eine Abteilung, die ca. 50.000 Mitglieder hat. Da gilt es anzusetzen und eine neue Lust am Supporters Club zu entfachen…“ Haben Sie das Gefühl, diese Lust in den vergangenen sechs Jahren neu entfacht zu haben?

Horn: Die Hoffnung besteht, dass trotz Corona am 21. November in der Wandsbeker Sporthalle deutlich mehr als 107 Mitglieder zur Wahl kommen werden. Aber auch unabhängig von der Wahlbeteiligung spüre ich eine große Lust am Supporters Club, die sich ja auch durch die zwei Bewerberteams ausdrückt.

Neben der neuen Herausfordergruppe um Sven Freese und Ihrem Vorgänger Christian Bieberstein stellt sich auch die komplette Rest-Abteilungsleitung um Martin Oetjens zur Wiederwahl. Wer gewinnt?

Horn: Natürlich bin ich ein bisschen befangen. Aber ich erwarte vor allem eine spannende und sehr enge Wahl.

Früher waren Supporterswahlen oft politische Richtungswahlen. Wie schätzen Sie die kommende Wahl ein?

Horn: Meine Hoffnung ist groß, dass diese Gräben, die es in der Vergangenheit leider beim HSV gab, nicht wieder neu aufgerissen werden. Wir haben es zuletzt hinbekommen, dass wir vor allem miteinander reden und nicht mehr übereinander. Ich würde mich freuen, wenn dieser Weg – wer auch immer die Wahl gewinnt – weitergegangen wird.

Ihr Vorgänger Christian Bieberstein, der nun erneut antritt, ist 2014 zurückgetreten, weil er sich nicht mit dem ausgegliederten HSV anfreunden konnte. Würden Sie ihm im Nachhinein recht geben?

Horn: Nein, anders als manch ein ehemaliger HSVer ist er ja heute auch wieder beim HSV dabei. Ich stand der Ausgliederung zwar auch kritisch gegenüber, hatte aber keine Fundamentalistenmeinung.

Sie wurden dann sein Nachfolger, obwohl Sie bei der Wahl gar nicht anwesend waren, sondern im Familienurlaub.

Horn: Stimmt. Dirk Mansen muss ein gutes Plädoyer für mich gehalten haben, da ich mit fast 100 Prozent gewählt wurde (lacht). Ich finde aber auch, dass wir im Team einige gute Dinge in die Tat umsetzen konnten, wie zum Beispiel das Thema Auswärtsfahrten. Wir hatten auch einen Charity-Spieltag mit einer der größten Typisierungen von möglichen Stammzellenspendern im deutschen Profifußball. Schade ist, dass wir das Auswärtsticketing nicht zurück in den Supporters Club holen konnten. Trotzdem ist der Supporters Club aus meiner Sicht sehr gut aufgestellt.

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Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Aufgaben der Supporters in der Zukunft?

Horn: Es gibt immer viele Themen, aber man sollte nie das große Ganze aus den Augen verlieren. Der Supporters Club ist eine der größten Fanorganisationen Deutschlands und muss diese Rolle in Zukunft noch stärker einnehmen. Anders als früher ist der Austausch mit dem HSV e.V. und der Fußball AG sehr gut – und das soll auch so bleiben. Am Anfang war das Verhältnis von Misstrauen geprägt.

Sie gehörten am ersten Spieltag gegen Düsseldorf zu den glücklichen 1000 Zuschauern, die im Stadion dabei waren. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?

Horn: Natürlich war es mal wieder schön, Fußball vor Ort im Stadion zu sehen. Aber mit 1000 Leuten war es eine familiäre Atmosphäre. Alles, was das Live-Erlebnis Fußball so besonders macht, fehlte: Gästefans, eine aktive Kurve, lautstarker Support.

Wären Sie auch gegen Aue im Stadion gewesen?

Horn: Nein, da hatte ich kein Losglück.

Glauben Sie, dass es mittelfristig wieder ein „normales“ Stadionerlebnis geben wird?

Horn: Erst, wenn Corona erledigt ist. Und wenn das irgendwann der Fall ist, dann muss es mindestens genauso wie vorher werden. Das halte ich für elementar wichtig.

Verdeutlicht Corona, dass Fußball ohne Fans keinen Spaß bringt? Oder im Gegenteil: Zeigt Corona, dass Fußball auch ohne Fans funktioniert?

Horn: Definitiv ersteres. Fußball ohne Fans ist für mich nahezu nichts. Wenn ich mich in meiner Bubble umhöre, wer denn so das Finalturnier der Champions League überhaupt verfolgt hat, da merkt man dann schon, dass selbst bei Hardcore-Fans der Fußball in der Prioritätenliste weit nach unten rutscht. Ohne Fans hat der Fußball langfristig keine Zukunft.

In der DFL-Taskforce Zukunft sind auch Fanvertreter dabei. Was erhoffen Sie sich von dieser Arbeitsgruppe?

Horn: Gut finde ich erst einmal, dass auch Vertreter aus dem Fanzusammenschluss „Unsere Kurve“ dabei sind. Und ich erwarte mir ein klares Bekenntnis dahingehend, wie wichtig Fankultur im heutigen Geschäft Profifußball ist. Es geht um das gesamte Package, um das es auch schon vor Corona ging: Stehplätze, Fanrechte, Fankultur. Dazu kommt das große Thema unserer Zeit: Eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder, um einen besseren Wettbewerb zu gewährleisten. Meine kleine Tochter ist bereits in der zweiten Klasse, hat aber seit ihrer Geburt noch keinen anderen Deutschen Meister als Bayern München erlebt. So ist der Fußball brutal langweilig.

Wenn es eine HSV-Taskforce Zukunft geben würde, was wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen?

Horn: Aktuell ist der HSV in Sachen Fankultur auf einem sehr guten Weg. Seit gut einem Jahr wird viel miteinander gesprochen – auf allen Ebenen. Unser HSV gilt in der Szene als Vorreiterclub. Das darf gerne auch nach meiner Zeit als Supporters-Abteilungsleiter so bleiben.

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Zum Abschluss haben wir uns erlaubt, aus jedem Jahr Ihrer Amtszeit Ihnen ein Zitat vorzulesen. Zwei Aufgaben: Sagen Sie uns das korrekte Jahr und wie Sie heute zu Ihren Aussagen von damals stehen. Fangen wir an: „Der HSV verliert sein Herz!“

Horn: (überlegt) Da ging es um das Ende von Dietmar Beiersdorfer als Clubchef, oder? Das muss 2015 oder 2016 gewesen sein.

Richtig. Es war 2016.

Horn: Ich war damals sehr enttäuscht, da Beiersdorfer menschlich extrem wichtig für den HSV war. Er hat verschiedene Strömungen wieder an einen Tisch gebracht, wirkte vermittelnd. Bei Spielertransfers hätte ich ihm ein glücklicheres Händchen gewünscht.

Nächster Satz: „Wir alle sind doch der HSV, wir müssen wieder als Club zusammenfinden!“

Horn: Das müsste ganz am Anfang meiner Amtszeit gewesen sein. 2014? Direkt nach der Ausgliederung. Damals lag irgendwie alles in Trümmern. Sportlich und atmosphärisch. Die Ausgliederungsdebatte wurde von beiden Seiten sehr aggressiv geführt, es gab tiefe Gräben. Diese wurden meiner Meinung nach über die Jahre wieder zugeschüttet. Wir mussten klarmachen, dass wir alle einen gemeinsamen Nenner haben: den HSV. Das ist bei allen Diskussionen auch heute noch so.

Nächster Satz: „Ich hoffe, dass wir einen Konsens mit den Ultras finden...“

Horn: Das müsste ich eigentlich bei einer Debatte um Pyro gesagt haben. War es vielleicht 2019? Als es um die Legalisierung von kontrollierter Pyro ging… Da waren wir als HSV ebenfalls in der Vorreiterrolle. Das sollten wir nach Corona weiter forcieren.

2019 ist richtig. Nächster Satz: „Gerade in schlechten Zeiten haben offenbar immer mehr Fans das Bedürfnis, ihre Verbundenheit zu zeigen.“

Horn: Das müsste 2018 gewesen sein, als trotz des Abstiegs wir einen Mitgliederzuwachs verzeichnen konnten.

Fast richtig. Es war 2017.

Horn: Ach, echt? 2018 hätte ich aber genau das Gleiche sagen können.

Nächstes Zitat: „Es gibt leider immer weniger Profis mit Identifikationspotenzial. Natürlich weiß ich, dass dies dem Geschäft geschuldet ist. Und trotzdem vermisst man als Anhänger Spieler, mit denen man sich identifizieren kann.“

Horn: Der Satz ist extrem aktuell, aber wahrscheinlich habe ich ihn irgendwann früher mal gesagt, oder?

Er ist von 2015.

Horn: Ok, aber ich hätte ihn auch am Montag, am letzten Tag der Transferfrist, sagen können. Was auffällt: Die meisten Transfers sind doch nur noch Leihdeals, wo Spieler XY zu Verein YZ für ein Jahr geht. So wird es schwierig, Identifikation herzustellen. Ich habe mir früher immer HSV-Trikots mit Namen auf dem Rücken gekauft. Damit habe ich 2010 aufgehört, weil immer dann, wenn ich jemanden auf dem Rücken hatte, dieser kurz danach wechseln wollte (lacht). Ruud van Nistelrooy war der letzte Superstar vom HSV, dessen Namen ich auf meinem Rücken wollte. Danach fiel es mir zunehmend schwieriger, mich mit einem Profi zu identifizieren, auch wenn die Jungs alle nett sein mögen. Dabei habe ich nicht nur Trikots von Stars gekauft. Eines meiner Lieblingsstücke: ein Trikot von René Klingbeil. Den mochte spielerisch fast niemand. Ich fand ihn super, weil er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für den HSV ins Zeug gelegt hat.

Damit fehlen nur noch zwei Jahre und zwei Zitate. Hier kommt das vorletzte: „Das ist eine Kapitulation vor den Demonstranten!“

Horn: Das war 2018, als unser Spiel in Dresden ausgefallen ist, weil es sonst wie viele Kilometer entfernt in Chemnitz eine Demonstration gab. Kann ich bis heute nicht nachvollziehen.

Last but not least: „Hochverdient und hochnotpeinlich. Jetzt schon kein Bock mehr auf die Saison.“

Horn: Auch wieder Dresden, diesmal aber nur drei Wochen her. Das habe ich direkt nach dem 1:4 im Pokal getwittert – und habe da nicht nur Zustimmung geerntet. Es war ein sehr emotionaler Tweet. Aber Fußball ist emotional – und das muss er auch bleiben.

Beim HSV hat der Tweet für großen Ärger gesorgt.

Horn: Das ist zu mir durchgedrungen. Aber an diesem Abend war ich schwer von meinem HSV genervt. Erstes Spiel der neuen Saison – und direkt eine Packung gegen einen Drittligisten. Da darf man als Fan auch mal emotional sein. Die gute Nachricht: Mittlerweile habe ich wieder richtig Bock auf die Saison. Aber ich kann nicht garantieren, dass ich nach einem schlechten Spiel nicht auch wieder emotional reagiere. Am Ende bleibe ich auch ohne die Abteilungsleitung des Supporters Club vor allem eines: ein riesengroßer HSV-Fan.