Brasilianer über Erkrankung

Wie HSV-Profi Ewerton trotz eines Tumors noch Fußball spielt

| Lesedauer: 7 Minuten
Kai Schiller
Der Brasilianer Ewerton (31) stand in der vergangenen Saison lediglich fünfmal für den HSV auf dem Platz.

Der Brasilianer Ewerton (31) stand in der vergangenen Saison lediglich fünfmal für den HSV auf dem Platz.

Foto: Witters

„Ich hatte Angst, als ich die Diagnose Tumor hörte“, sagt Abwehrspieler Ewerton. Wie der HSV in Zukunft mit ihm plant.

Hamburg. Der Moment, der Ewerton José Almeida Santos kurz ins Wanken brachte, liegt schon einige Monate zurück. Der HSV-Profi war wieder einmal verletzt – und wurde das Gefühl nicht los, dass es einen tieferen Grund geben müsste, warum es immer ihn erwischte. Leistenprobleme, Syndesmosebandriss, Innenbandanriss im Knie. Das alles, so dachte der Brasilianer, konnte kein Zufall sein. Und Ewerton sollte recht behalten. Die HSV-Mediziner veranlassten eine biochemische Untersuchung, die Zähne wurden kontrolliert, die Ernährung überprüft und Ewertons gesamter Körper einmal auf links gedreht. Dann folgte die zunächst niederschmetternde Diagnose: ein Tumor.

Ein Geschwulst, so groß wie ein Tischtennisball, hatte sich in der linken hinteren Oberschenkelmuskulatur breit gemacht. „Natürlich hatte ich Angst, als ich die Diagnose Tumor hörte“, sagt Ewerton ein halbes Jahr später, als er am Mittwoch erstmals seine Geschichte erzählt. Keine wirklich schöne Geschichte, aber immerhin eine mit einem möglichen Happy End. „Glücklicherweise stellte sich relativ schnell raus, dass es ein gutartiger Tumor ist, der keinen Einfluss auf meine Karriere haben wird.“

Ewerton und sein Seuchenjahr beim HSV

Um die hatte sich der Südamerikaner, der vor der Saison für zwei Millionen Euro vom 1. FC Nürnberg gekommen war, zwischenzeitlich ernsthafte Sorgen gemacht. Der gläubige Christ hatte in seinem Fußballleben schon viel erlebt: Er spielte vor seiner Zeit in Hamburg in acht Clubs, wurde einst von Peter Neururer beim MSV Duisburg für nicht gut genug befunden. In Portugal musste er sich mit ungewöhnlichen Vertragsklauseln herumschlagen, in Russland mit ungewöhnlichem Wetter. Doch das Jahr beim HSV toppte das alles. Lediglich fünfmal lief der Innenverteidiger, der eigentlich als Führungsspieler verpflichtet worden war, in der vergangenen Spielzeit auf. Nur 110 Spielminuten stand er insgesamt auf dem Platz.

„Für mich war es das schwierigste Jahr meiner Karriere, weil ich nicht das machen konnte, was ich am liebsten mache: Fußball spielen“, sagt Ewerton im Gespräch mit dem Abendblatt. „Solche Situationen sind nur schwer zu verarbeiten, aber ich habe versucht, nie den Kopf hängen zu lassen.“ Gemeinsam mit den UKE-Medizinern hatte der Fußballer dann entschieden, dass er den gutartigen Tumor erst nach der Saison operativ entfernen lassen würde, um in der Rückrunde nicht unnötig auszufallen.

Ewertons Horrorspiel beim 1:5 des HSV

Ewertons Einsatz sollte sich nicht auszahlen. Als er am letzten Spieltag gegen den SV Sandhausen von Trainer Dieter Hecking in die Startelf beordert wurde, wirkte der Abwehrrecke wie ein Schatten seiner selbst. Nach 45 Minuten blieb Ewerton in der Kabine – am Ende verlor der HSV sang- und klanglos mit 1:5 und verpasste die Relegation.

Nur vier Tage später hatte der Innenverteidiger seinen ersten Biopsie-Termin im UKE. Der chirurgische Eingriff zur Entnahme und Untersuchung des Gewebes war zur Vorbereitung der anstehenden OP nötig, damit eine Pathologin das entnommene Gewebe noch einmal überprüft. Es folgte eine sogenannte Histologie, durch die noch einmal bestimmt wurde, wie groß der Tumor ist, wo genau er sich befindet. Und schließlich die Operation unter Vollnarkose. „Ich ging am Donnerstag ins Krankenhaus – durfte aber am gleichen Tag später schon wieder nach Hause.“

Nach Hause. Aber nicht in die Heimat. Nach Alagoas, im Nordosten Brasiliens. „Ich war schon traurig, dass ich nach so einem schwierigen Jahr nicht nach Hause zu meiner Familie konnte“, sagt Ewerton. „Aber mir war klar, dass ich diesen Preis zahlen muss, um endlich wieder richtig fit zu werden.“

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Wie plant der HSV mit Ewerton?

Den Trainingsstart am 3. August wird der Routinier zwar noch verpassen. Aber sobald die Fäden gezogen werden, will er das machen, wofür ihn der HSV eigentlich schon in der vergangenen Saison geholt hatte. „Ich bin nun guten Mutes, dass meine Pechsträhne vorbei ist, und dass ich nächste Saison wieder angreifen kann. Ich möchte so schnell wie möglich wieder auf den Platz und mit den Jungs trainieren und spielen.“

Beim HSV freut man sich über Ewertons neue Motivation, bleibt aber zunächst zurückhaltend. Noch immer suchen Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel ein bis zwei erfahrene Innenverteidiger, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Ewertons Operation sei zwar gut verlaufen, aber die Folgen eines solchen Eingriffs sind nur schwer zu prognostizieren. „Die Hoffnung ist groß, dass sein Verletzungspech nun ein Ende hat“, sagt Berater Jürgen Bühler, der bei allen Ärztegesprächen im UKE dabei war. Es besteht aber auch ein Restrisiko.

Vergleichbare Fälle finden sich in Deutschlands Profifußball zwar nur selten, aber es gibt sie: Heidenheims früherer Torhüter Jan Zimmermann wurde 2014 ein gutartiger Tumor aus dem Kopf entfernt, Valérien Ismaël musste acht Jahre zuvor ein gutartiges Geschwulst am linken Schienbein rausgeschnitten werden.

Ewerton ist wie ein Neuzugang beim HSV

Während Zimmermann großes Glück im Unglück hatte, sollte beim Ex-Bayern Ismaël die Pechsträhne mit der Operation erst so richtig beginnen. Nur wenige Wochen später brach sich der Franzose genau an der Stelle das Schien- und Wadenbein, wo noch kurz zuvor der Tumor entfernt wurde.

Eine ähnliche Geschichte befürchten die HSV-Mediziner im Fall von Ewerton nicht. Und auch der Brasilianer ist sich sicher, dass seine Pechsträhne nun endgültig vorbei sei. „Ich kann schon wieder ein wenig gehen“, sagt Ewerton am Mittwochmittag, nachdem er bereits zwei Stunden Behandlung hatte. Mobilisierung des Muskelgewebes, Beweglichkeit von Knie und Lendenwirbel, Wundbehandlung.

Anschließend ging es auf die Couch nach Ottensen, wo sich Ehefrau Elisangela um den brasilianischen Patienten kümmern musste. „Er will unbedingt in der kommenden Saison angreifen“, versichert Berater Bühler. „Er ist ja quasi ein Neuzugang nach seinem Horrorjahr.“

Ein Neuzugang, der nun auf zweierlei hofft: auf den Start der neuen Saison. Und auf das Happy End einer bislang nicht enden wollenden Geschichte.

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