1:5 gegen Sandhausen

Der HSV-Zusammenbruch: Zum Glück waren keine Fans im Stadion

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Henrik Jacobs und Kai Schiller
Aus der Aufstiegstraum: Adrian Fein (v. l.), Josha Vagnoman und Julian Pollersbeck wollen sich am liebsten vergraben.

Aus der Aufstiegstraum: Adrian Fein (v. l.), Josha Vagnoman und Julian Pollersbeck wollen sich am liebsten vergraben.

Foto: Witters

Der HSV verspielt nicht nur kläglich den Aufstieg, sondern macht sich beim 1:5 gegen Sandhausen auch noch zum Gespött.

Hamburg.  Als Dennis Diekmeier Minuten nach dem Schlusspfiff als letzter Spieler freudestrahlend den Rasen des Volksparkstadions verließ, mussten sich die wenigen Gäste auf der Osttribüne noch einmal zwicken. Ja, es war kein Film und auch keine Comedy, die sich soeben ereignet hatte. Der HSV hatte – Achtung, noch immer kein Witz – zum Abschluss der Saison mit 1:5 (in Worten: eins zu fünf!) gegen den SV Sandhausen verloren.

Und um die Demütigung des HSV zu vollenden, hatte jener Diekmeier, der in seiner Zeit in Hamburg zum torungefährlichsten Bundesligaspieler der Geschichte aufgestiegen war, mit seinem Treffer in den Winkel die Schlusspointe gesetzt. Wer auch immer sich dieses Drehbuch ausgedacht hatte – man hätte es nicht besser schreiben können.

HSV erlebt den Zusammenbruch

Dabei hatte der HSV alle Chancen, dieser absurd-grotesken Saison noch eine ganz besondere Wendung zu verleihen. Werder Bremen hatte am Sonnabend vorgelegt und die Hamburger zu einer Neuauflage der Werderwochen von 2009 in die Relegation eingeladen. Auch Arminia Bielefeld machte mit dem 3:0-Sieg gegen den FC Heidenheim die Tür für den HSV weit auf.

Schon ein Unentschieden gegen Sandhausen hätte gereicht, um in die Relegation einzuziehen und die Aufstiegschance zu wahren. Doch was auf diese Einladung folgte, war der totale Zusammenbruch. Von der ersten bis zur letzten Minute zeigte sich der HSV in einem desolaten Zustand. Die beste Nachricht des Tages: Ein weiteres Trauma in einer Relegation gegen Bremen bleibt den Fans erspart. Die Frage aber bleibt: Was will dieser HSV seinen Anhängern eigentlich noch alles antun?

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Das Versagen hat beim HSV System

Auch Dieter Hecking musste sich erst einmal sammeln. Der Trainer ließ sich Zeit, ehe er rund 60 Minuten nach dem Spiel versuchte, seine Gefühle in Worte zu fassen. „Das war ein ganz, ganz enttäuschender Saisonausklang, den wir da hingelegt haben“, sagte Hecking und sollte damit maßlos untertreiben. Nachdem der Nichtaufstieg vor einem Jahr vom damaligen Clubchef Bernd Hoffmann als „Systemversagen“ bezeichnet wurde, muss man nach dem erneuten Debakel festhalten: Das Versagen hat beim HSV System.

Mit Tränen in den Augen verließ Tim Leibold nach dem Schlusspfiff den Platz. Der beständigste Spieler der Saison hatte auch am Sonntag versucht, seine Mannschaft voranzutreiben. Doch nach den vielen Enttäuschungen der vergangenen Wochen wirkten er und seine Kollegen völlig von der Rolle.

Hecking hatte sich überlegt, mit dem Brasilianer Ewerton als zentralen Mann in der Dreierkette seine Abwehr zu stabilisieren. Doch das Experiment scheiterte komplett. Der 31-Jährige offenbarte nach wochenlanger Verletzungspause dramatische Fitnessprobleme und wirkte phasenweise wie ein Altherrenspieler. „Ihn in die Dreierkette zu stellen, könnte ein Problem gewesen sein. Dafür übernehme ich die Verantwortung“, sagte Hecking.

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HSV beklagt drei Verletzte

Durch ein Eigentor von Rick van Drongelen (13.) und einen Treffer von Kevin Behrens (22.) nahm das Hamburger Elend früh seinen Lauf. Schon zur Halbzeit beendete der Chefcoach das Ewerton-Experiment und brachte U-21-Verteidiger Stephan Ambrosius ins Team. Zu diesem Zeitpunkt mussten mit Jan Gyamerah (Adduktoren) und Rick van Drongelen (Kreuzbandriss) bereits zwei Abwehrspieler vom Platz.

Vor allem die Verletzung des Niederländers trifft den HSV hart. Die Schmerzensschreie des 21-Jährigen hallten bis unter das Dach des leeren Volksparkstadions und ließen erahnen, was der Club wenige Stunden später aus dem Krankenhaus vermeldete. Zu allem Überfluss zog sich mit Gideon Jung in der Schlussphase noch ein weiterer Verteidiger eine Muskelverletzung zu (82.).

Zu diesem Zeitpunkt war ein 2:2 noch möglich. Aaron Hunt hatte dem HSV mit seinem Elfmetertor (62.) noch einmal kurz Hoffnung gegeben, doch spätestens mit dem zweiten Treffer von Behrens (84.) per Strafstoß (Josha Vagnoman foulte Philip Türpitz) waren alle Aufstiegsträume der Hamburger dahin. Mario Engels und Diekmeier (90.+3) sorgten schließlich für die Sandhäuser Krönung.

HSV, ein Glück waren keine Fans da!

„So eine Leistung wie heute ist nicht zu entschuldigen“, sagte Präsident und Aufsichtsratschef Marcell Jansen. „Uns haben sicher auch unsere Fans gefehlt, die uns normalerweise tragen und die unser Herzstück sind.“

Die Mannschaft konnte am Ende aber froh sein, dass keine Fans mehr im Stadion waren und ihnen der Gang in die Kurve erspart blieb. Viele Zuschauer wären in der Nachspielzeit aber sicher auch nicht mehr in der Arena gewesen, als Diekmeier in den Winkel traf.

Der HSV sorgte also wieder einmal für einen echten Horrorstreifen. Wer die Regisseure des nächsten HSV-Films sein werden, ist nach diesem denkwürdigen Tag allerdings noch völlig offen.​

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