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Warum Bielefeld von Heidenheims Aufstieg profitieren würde

Maskottchen "Lohmann" (Arminia Bielefeld, l.) und "Dino Hermann" (HSV): Am Sonntag wird die Fan-Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Maskottchen "Lohmann" (Arminia Bielefeld, l.) und "Dino Hermann" (HSV): Am Sonntag wird die Fan-Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Die Arminia soll dem HSV zum Relegationsplatz verhelfen. Aber bei aller Fan-Freundschaft: Hat sie daran überhaupt Interesse?

Hamburg.  Das verlockende Angebot war auch am Dienstag noch online im Fanstore des HSV zu finden: Der „Freundschaftsschal Arminia–HSV“ für schlappe fünf statt 15 Euro. „Mit diesem coolen Schal zeigst du nicht nur die Verbundenheit zum HSV, sondern auch die Fanfreundschaft zu Arminia Bielefeld“, schrieb die Marketingabteilung unter das Angebot mit der Artikelnummer 29889, garniert mit dem Hinweis, dass man bei sofortiger Bestellung 67 Prozent spare. Der einzige Haken an dem Angebot fand sich allerdings im Kleingedruckten: „Lieferung ca. fünf bis zehn Werktage.“

Das Problem: Im schlechtesten Fall könnte für den HSV in fünf bis zehn Werktagen längst wieder alles vorbei sein. Aber im besten Fall dürfte der Bedarf für ein großes Dankeschön in Richtung Bielefeld dann umso größer sein.

Im besten Fall reicht dem HSV ein Punkt

Bereits in vier Tagen schaut ganz Hamburg – oder zumindest die Hamburger, die es noch immer gut mit dem HSV meinen – um Punkt 15.30 Uhr nicht nur in Richtung Volksparkstadion, wo der SV Sandhausen am letzten Spieltag gastiert. Sondern natürlich auch auf die Bielefelder Alm. Dort trifft die Arminia auf den 1. FC Heidenheim – und soll neben einem angemessenen Saisonausklang vor allem für Hamburger Schützenhilfe sorgen.

Letzte Hoffnung Arminia.

Die HSV-Rechnung klingt dabei denkbar einfach: Im Fernduell mit den drittplatzierten Heidenheimern muss der HSV einfach nur einen Punkt mehr holen als der FC. Gewinnt sogar Meister Bielefeld gegen Heidenheim, würde dem HSV aufgrund der besseren Tordifferenz bereits ein Unentschieden reichen. „Ich schaue nicht nach Bielefeld. Wir müssen unser Ding machen“, sagt zwar Trainer Dieter Hecking, gibt dann aber schon zu, zumindest mit einem Auge in die Stadt zu schielen, die es doch eigentlich gar nicht gibt: „Ich glaube schon, dass sie auch in Bielefeld genau wissen, dass sie irgendwo auch in der Pflicht stehen. Ich kenne die Verantwortlichen in Bielefeld. Sie erwecken nicht den Eindruck, dass sie irgendwas zu verschenken haben.“

Bielefeld würde von Heidenheim-Aufstieg profitieren

Doch genau an dieser Stelle wird es kompliziert. Denn finanziell wäre es für die Bielefelder Verantwortlichen, die natürlich nichts zu verschenken haben, durchaus von Vorteil, wenn Heidenheim anstelle des HSV in der Relegation spielt. Der Hintergrund ist bei der Verteilung der TV-Gelder zu finden: Schon jetzt darf sich die Arminia durch den Aufstieg über eine Erhöhung der TV-Erlöse von etwa elf auf rund 34 Millionen Euro freuen. Doch für den DSC wären sogar noch gut zwei Millionen Euro mehr zu holen, wenn sich tatsächlich Heidenheim als Tabellendritter durchsetzt – und dann auch noch die Relegation gewinnt.

Bei Geld hört die Freundschaft auf. Sagt man zumindest. Doch genau das Gegenteil gilt es nun am Sonntag ab 15.30 Uhr zu beweisen. Denn die Freundschaft zwischen den Fans des HSV und der Arminia währt lange.

Matthias Linnenbrügger kann ein Lied davon singen. Der 44-Jährige ist in Bielefeld geboren, mit vier Jahren nach Hamburg gekommen und seitdem ein glühender HSV-DSC-Fan. „Der HSV ist bei mir die Nummer eins. Aber nach dem Schlusspfiff schaue ich immer direkt nach, wie Bielefeld gespielt hat“, sagt der frühere Sportchef der „Mopo“, der mittlerweile als Leiter Sport/Kommunikation von Austria Klagenfurt arbeitet.

Wie die Fan-Freundschaft Arminia/HSV entstand

„Ich bin mir absolut sicher, dass sich alle HSV-Fans am Sonntag auf die Arminia verlassen können“, versichert Linnenbrügger. „Dass die Mannschaft Herz hat, hat sie in den vergangenen 33 Spieltagen mehr als genug bewiesen.“

Zwei Jahre vor Linnenbrüggers Geburt soll der Ursprung der nun schon jahrzehntelangen Fan-Freundschaft liegen. Auslöser soll 1974 ein Fußballturnier gewesen sein, an dem nur Clubs mit den Farben Blau, Weiß und Schwarz teilnehmen durften. Fünf Jahre später wurde aus dem Verhältnis eine echte Liebesbeziehung, als der HSV am vorletzten Spieltag durch ein 0:0 in Bielefeld deutscher Meister wurde – und beide Fanlager den Titel gemeinsam mit lautstarken „Schwarz, Weiß, Blau … Arminia und der HSV!“-Gesängen feierten.

Anders als mit anderen Freundschaften, die HSV-Fans seinerzeit zu Anhängern aus Nürnberg, Karlsruhe, Stuttgart, Frankfurt oder auch Dortmund pflegten, ist die Verbindung zur Arminia über die Jahre sogar noch gewachsen. Ein Grund hierfür könnte auch das fleißige Hin und Her einiger Protagonisten sein. HSV-Legende Bernd Wehmeyer war beispielsweise vor seiner HSV-Karriere gleich zweimal in Bielefeld unter Vertrag. Ihm folgten große Namen wie Uli Stein, Thomas von Heesen, Bruno Labbadia und Armin Eck. Mit Jörg Bode, Thomas Stratos, Ronald Maul, Bastian Reinhardt, Detlef Dammeier, Besart Berisha, Marcel Ndjeng, Heiko Westermann und Robert Tesche lässt sich die Liste bis aktuell zu Sven Schipplock problemlos fortsetzen.

Heckings Sohn ist Scout in Bielefeld

Beinahe hätte man die Liste der Hamburg-Bielefelder auch um den Namen Linnenbrügger ergänzen müssen. Als 14-Jähriger hatte der talentierte Fußballer von Stellingen 88 in den Sommerferien ein dreiwöchiges Probetraining im Nachwuchsleistungszentrum der Bielefelder absolviert. Der Hauptgrund für sein Scheitern: „Ich hatte Heimweh nach Hamburg“, sagt Linnenbrügger schmunzelnd.

Ähnliches ist bei Hecking nicht zu befürchten. Nicht bei Hecking, Dieter. Und genauso wenig bei Hecking, Jonas. Der 26 Jahre alte Sohn des HSV-Trainers ist Scout von Arminia Bielefeld. In dieser Funktion hat Hecking junior am vergangenen Sonntag dann hoffentlich bei der Gegnerbeobachtung auch ganz genau hingeschaut. Spätestens seitdem dürfte er wissen, dass man in Heidenheim – anders als beim HSV – gerne auch noch in der 95. Minute Vollgas gibt.

Schwarz, Weiß, Blau – Arminia und der der HSV

„Ich hoffe, dass wir am Ende der Saison gemeinsam etwas zu feiern haben“, hatte HSV-Trainer Hecking vor ziemlich genau einem Monat gesagt, als der HSV Bielefeld im Volkspark empfing. Am Ende trennte man sich schiedlich und friedlich mit 0:0 – genauso wie am vorletzten Spieltag 1979, als dem HSV durch das torlose Remis die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen war.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, die Freundschaft aber ist geblieben. Mit dem „Arminia-Fanclub Hamburg“ gibt es in Drage, vor den Toren der Hansestadt, sogar einen eigenen Bielefeld-Fanclub.

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Linnenbrügger ist kein Mitglied. Den Freundschaftsschal, der im Übrigen im Arminia-Onlineshop bereits ausverkauft ist, hat er sich auch nicht besorgt. Aber sein Glaube an seine beiden Clubs bleibt am Sonntag unerschütterlich. „Die werden das schaffen“, sagt er. Schwarz, Weiß, Blau. Arminia und der HSV.