HSV-Trainer

Hecking kritisiert Hamburger für Umgang mit dem Coronavirus

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Am Montagabend fliegt HSV-Trainer Dieter Hecking (55) mit seiner Mannschaft per Chartermaschine nach Nürnberg. Bis zum Neustart in Fürth (So, 13.30 Uhr) bleibt der HSV in Herzogenaurach.

Am Montagabend fliegt HSV-Trainer Dieter Hecking (55) mit seiner Mannschaft per Chartermaschine nach Nürnberg. Bis zum Neustart in Fürth (So, 13.30 Uhr) bleibt der HSV in Herzogenaurach.

Foto: Witters

Trotz des Falls Dresden fliegt der HSV ins Quarantäne-Trainingslager nach Herzogenaurach – eine Reise ins Ungewisse.

Hamburg. Dieter Hecking hat am Sonntagmittag gerade den Elbtunnel auf der A 7 hinter sich gebracht, als der HSV-Trainer ein paar grundsätzliche Dinge loswerden will. „In unserer Gesellschaft haben es noch nicht alle verstanden. Für mich ist es kein Wunder, dass der R-Faktor nun wieder über die magische Grenze eins gestiegen ist“, sagt Hecking am Telefon – und erzählt.

Am Vorabend sei er mit dem Fahrrad um die Außenalster gefahren, berichtet der Coach, der nicht wirklich glauben konnte, was er da beobachten musste. „Da war von Corona und Abstandsregeln bei einigen nicht viel zu sehen“, sagt Hecking. „Wir freuen uns doch alle über Lockerungen, müssen aber auch verantwortungsvoll damit umgehen. Nur Lockerungen und keine Disziplin wird nicht funktionieren.“

Hecking freut sich aufs Quarantäne-Trainingslager

Das kleine, aber feine Wörtchen „Disziplin“ will Hecking auch an diesem Montag zum Thema machen, nachdem er am Nachmittag erneut durch den Elbtunnel gefahren sein wird. Am frühen Abend fliegen er und seine Mannschaft vom Geschäftsterminal in Fuhlsbüttel mit einer Chartermaschine nach Nürnberg, um dort im nahe gelegenen Herzogenaurach das einwöchige Quarantäne-Trainingslager zu starten.

Der HSV wird eine Woche lang im Hotel HerzogsPark absteigen, das nur 18 Kilometer vom Spielort Fürth entfernt liegt. „Für mich ist das kein Quarantänelager, sondern ein richtiges Trainingslager. Aus Trainersicht ist das extrem gut, dass wir so noch einmal die Möglichkeit haben, uns auf den Start gezielt vorzubereiten“, sagt Hecking. „Selbstverständlich werden wir auf alle Hygienevorschriften penibel achten. Aber es ist natürlich auch hilfreich, Dinge aufzuarbeiten, über die wir in den vergangenen Corona-Wochen so nicht reden konnten.“

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Fall Dresden: Hecking nicht überrascht

Wie schnell es in diesen Tagen in die eine und in die andere Richtung gehen kann, erfuhr Hecking am Vorabend, als er von seiner Radtour um die Alster zurückkam. Die Nachricht, dass die ganze Mannschaft von Zweitligakonkurrent Dynamo Dresden nach zwei weiteren positiven Corona-Fällen in die häusliche Quarantäne muss, hatte gerade die Runde gemacht.

„Dresden wird vielleicht nicht der letzte Fall gewesen sein“, sagt Hecking. „Bei 36 Clubs mit 1500 Menschen war es klar, dass es auch positive Tests geben wird. Deswegen bin ich auch nicht überrascht. Natürlich wird es nun spannend zu sehen sein, wie ein derartiger Fall aufzufangen ist.“

HSV: Beeinflusst Dresden den Aufstiegskampf?

Diese Frage wurde auch am späten Sonnabend im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF mit DFL-Chef Christian Seifert thematisiert. Dessen Aussage, dass Dresden durch die zweiwöchige Quarantäne nun vorerst „nur“ die ersten beiden Spiele verpassen würde, glauben die HSV-Verantwortlichen allerdings nicht.

Im Volkspark geht man eher von drei oder vier Spielen aus, die Dynamo nachholen muss. „Ich bin mir sicher, dass da noch weitere Anpassungen vorgenommen werden“, sagt Hecking, der sich Seiferts Auftritt im ZDF anschaute. Ein interessanter Randaspekt: Dresdens dritte Partie wäre gegen Tabellenführer Bielefeld, Spiel Nummer vier gegen den Zweiten aus Stuttgart.

Erst am 31. Spieltag würde Dynamo dann auf den HSV treffen. Eine Beeinflussung des Aufstiegsrennens durch den Fall Dresden scheint auf der Hand zu liegen, wobei Hecking entspannt bleibt: „In Zeiten von Corona ist nichts so, wie es vor noch einer Stunde schien. Die große Kunst ist, dass wir uns andauernd neu anpassen müssen.“

HSV: Was passiert bei Corona-Fall?

Das gilt nicht nur für die Fußballclubs, sondern auch für die Politik. Die Frage, wie in Hamburg die Gesundheitsämter auf einen vergleichbaren Fall wie in Dresden reagieren würden, ist nämlich noch gar nicht geklärt.

Nach Abendblatt-Informationen treffen erst am Dienstag Sportsenator Andy Grote und Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (beide SPD) zusammen, um genau dieses Thema zu erörtern. Mittags soll eine Pressekonferenz im Rathaus folgen. Klar ist deswegen vorerst nur, dass das Bezirksamt Altona bei einem positiven HSV-Fall das letzte Wort hätte.

Warum der HSV nicht in Hamburg bleibt

Über all diese Eventualitäten will Trainer Hecking in den kommenden sieben Tagen bis zum Spiel in Fürth (So, 13.30 Uhr) aber gar nicht allzu lange nachdenken. Diese Dinge könne er ohnehin nicht beeinflussen, sagt er. Sehr wohl beeinflussen kann und will er dagegen die Vorbereitungen auf den Neustart am kommenden Wochenende.

„Es wäre das falsche Signal gewesen, wenn wir in Hamburg geblieben wären“, sagt er. „Die Familien wären Luftlinie nur ein paar Kilometer entfernt gewesen, das hätte ich mir nur schwer vorstellen können.“

Hotel in Herzogenaurach freut sich auf HSV

Statt im Grand Elysée, das sofort seine Bereitschaft erklärt hatte, bezieht der HSV nun also sein Quartier 600 Kilometer weiter südlich in Herzogenaurach. „Wir freuen uns natürlich sehr darüber, dass wir den HSV zu Gast haben“, sagt Michael Bläser, der Geschäftsführer vom Hotel HerzogsPark.

Und obwohl sein Vier-Sterne-Haus bereits Mannschaften wie Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach beherbergen durfte, ist es keineswegs geflunkert, wenn Bläser betont, dass er sich über den HSV nun sogar ganz besonders freut.

„Natürlich sind auch wir extrem von der Corona-Krise betroffen. Im April lagen unsere Einbußen bei rund 85 Prozent, die meisten unserer Mitarbeiter sind in Kurzarbeit“, sagt der Hotelchef, der nun einen ganzen Trakt seines Hauses für den HSV freiräumt. „Mit dem Teammanagement des HSV und mit Sportdirektor Michael Mutzel haben wir alles abgestimmt. Wir haben uns auch extra die Hygieneregeln der DFL kommen lassen und werden alle Wünsche umsetzen“, versichert Bläser.

Hecking und seine Fragen über eine Relegation

Es sind Worte, die Hecking vor der Abreise gerne hört. „Wir wollen uns dort auf unsere letzten neun Spiele einschwören“, sagt der Coach, der sich zudem darüber freuen kann, dass direkt gegenüber vom Hotel ein Fußballplatz mit Natur­rasen zur Verfügung steht. Das frühere Adidas-Sporthotel diente auch schon oft in der Vor-Corona-Zeit als Herberge für Greuther Fürths Gegnerteams.

Trotz mutmaßlich bester Rahmenbedingungen vor Ort wird der Trip in den Süden für Hecking und seine Mannschaft eine Reise ins Ungewisse. Direkt vor dem Spiel in Fürth muss der gesamte Kader erneut von Mannschaftsarzt Götz Welsch getestet werden. Würde es dabei bleiben, dass der HSV nur negative Fälle hat, wäre ein geregelter Spielbetrieb bis zum neuen Saisonende am 28. Juni trotzdem noch lange nicht sicher.

Der Fall Dresden hat die ganze Fragilität der neuen Fußball-Wirklichkeit sehr deutlich
gemacht. Das sieht auch Hecking so: „Möglicherweise muss man dann eben doch in den Juli gehen, wobei dann natürlich das nächste Problem folgt: Was ist mit der Relegation? Müssen gegebenenfalls die Erstligaclubs zwei Wochen auf die Zweitligaclubs warten, weil die Zweite Liga länger spielt?“, fragt der HSV-Trainer. Nur eine Antwort hat er nicht. „Das alles sind Fragen“, sagt er, „die demnächst geklärt werden müssen.“

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