HSV-Trainer

Heckings Bedingungen für Liga-Neustart: "Sonst droht Chaos"

| Lesedauer: 14 Minuten
Der HSV ist für Dieter Hecking (55) seit 2000 die achte Trainerstation.

Der HSV ist für Dieter Hecking (55) seit 2000 die achte Trainerstation.

Foto: Mark Sandten / HA

Anfangs zum Verzweifeln: HSV-Trainer Dieter Hecking über die Herausforderungen des Trainings in Zeiten der Corona-Pandemie.

Hamburg. Interviews in diesen Zeiten sind eine Herausforderung. Wenn man sich schon nicht treffen darf, dann muss man zumindest im Gespräch bleiben. Das findet auch Dieter Hecking. Der HSV-Trainer sitzt in seinem Trainerbüro im Volksparkstadion, hat das Telefon in der Hand und fragt zu Beginn des Gesprächs die Frage der Fragen: „Wie geht es Ihnen?“

Hamburger Abendblatt: Herr Hecking, freuen Sie sich auf Ostern?

Dieter Hecking: Klar freue ich mich auf Ostern. Ich bin ein Familienmensch, ich liebe diese traditionellen Feiertage – auch wenn das Osterfest in diesem Jahr durch Corona sicherlich anders ausfallen wird als sonst.

Viele Familien werden nicht zusammen kommen können. Wie ist das bei Ihnen?

Hecking: Zwei meiner Kinder sind derzeit im Homeoffice in NRW, die werde ich sicher nicht sehen können. Meine Jüngste wohnt ja noch bei uns, ein Sohn wohnt nebenan. Dazu kommt dann noch meine Tochter, die selbst gerade Mutter geworden ist.

Suchen Sie mit 55 Jahren noch Ostereier?

Hecking: Dafür bin nicht nur ich, sondern auch meine Kinder ein paar Jahre zu alt (lacht). Aber wenn mein Enkelkind größer ist, wird diese schöne Tradition sicherlich bei uns wieder aufleben.

Oft wird behauptet, dass eine Mannschaft wie eine Familie sei. Doch wie kann man eine Mannschaft in diesen Zeiten zusammenhalten, die nicht zusammen sein kann?

Hecking: Gute Frage. Natürlich ist das nicht ganz einfach. Gerade für einen Trainer ist Kommunikation wichtig. Man muss ja auch einen Spieler einfach mal in den Arm nehmen. Aber so etwas geht momentan natürlich nicht. Allerdings geht das ja nicht nur mir so. Wir haben derzeit einfach eine Ausnahmesituation, die man eben auch annehmen muss. Beim HSV bin ich aber da guter Dinge, weil unsere Mannschaft schon viele schwierige Situationen in dieser Saison überstanden hat: den kompletten Umbruch im Sommer, die ganze Geschichte um Bakery Jatta, die schweren Verletzungen, den Tod meines Vaters am Spieltag gegen Aue, und, und, und.

Machen Sie sich keine Gedanken über gruppendynamische Probleme, die durch die Coronakrise entstehen könnten?

Hecking: Ich möchte das Thema gar nicht so hoch hängen. Selbstverständlich würde ich jetzt auch lieber die ganze Mannschaft auf dem Platz um mich versammeln, aber das geht nun mal nicht. Ich bin schon sehr froh und dankbar, dass wir überhaupt wieder mit Kleingruppen trainieren können. Und natürlich kann man eine Gemeinschaft auch fördern, ohne, dass sie die ganze Zeit zusammen ist.

Wie?

Hecking: Wir haben jeden Abend lange Videokonferenzen mit unserem kompletten Staff. Da sind unsere Spieler zwar nicht dabei, aber ich habe volles Vertrauen in meine Co-Trainer. Sie geben unsere Ideen dann in ihre Kleingruppen weiter. Und natürlich übernehme ich nicht nur meine Trainingsgruppe, sondern schaue aus der sicheren Distanz auch bei den anderen Trainingsgruppen zu.

So trainiert der HSV in Kleingruppen:

Gerade im Saisonendspurt kommt es oft auf einen funktionierenden Mannschaftsgeist an. Kann man diesen auch digital fördern?

Hecking: Nur bedingt. Ich habe der Mannschaft vor unserem Neustart drei Videobotschaften geschickt. Es ging einfach darum, ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Unser Sportvorstand Jonas Boldt, der Mitglied der DFL-Kommission Fußball ist, hat einen sehr engen Draht zur Liga. Auf seine Infos kann ich mich verlassen und die gebe ich dann auch der Mannschaft weiter.

Ihre Spieler sind zwischen 33 und 19 Jahre alt. Wie gehen Sie beispielsweise mit einem jungen Mann wie Xavier Amaechi um, der erstmals aus dem Elternhaus weg ist, nun aber zu Hause in seiner Wohnung bleiben und am besten in Zeiten von „Social Distancing“ keine Kontakte pflegen soll. Droht so einer nicht sozial zu vereinsamen?

Hecking: Diese Sorge habe ich nicht. Ich weiß, dass sich bei uns ein paar von den Jungs regelmäßig um Xavier kümmern. Und das ist auch wichtig. Für ihn ist diese Zeit doppelt und dreifach schwierig.

Warum?

Hecking: Seine Schwester lebt in London – und kann nicht hierher kommen. Und seine Eltern sind derzeit in Marbella gestrandet. Sie sind dort in Quarantäne und kommen aus Spanien nicht weg. So etwas belastet den Jungen natürlich. Aber gerade erst am Mittwoch habe ich mich länger mit Xavier unterhalten. Er ist in meiner Trainingsgruppe. Und er hat mir versichert, dass seine Situation schon wieder ein wenig entspannter sei.

Sie sind seit 37 Jahren Teil des Fußballzirkus, arbeiten seit 20 Jahren als Trainer. Ist die aktuelle Phase die größte Herausforderung, die Sie im Fußball zu meistern hatten?

Hecking: Ja und nein. Selbstverständlich ist es eine enorme Herausforderung, aber derzeit ist es ja für unsere gesamte Gesellschaft eine Ausnahmesituation. Der Fußball sollte sich da nicht zu wichtig nehmen. Und ganz ehrlich: Ich finde es auch spannend, dass ich meinen Job gerade ganz neu entdecke. Man bricht ein wenig mit seinen Routinen. Alles ist neu – auch für mich. Man macht plötzlich Dinge ganz anders, als man sie 20 Jahre lang immer gemacht hat. Das finde ich gut.

Wie fällt Ihr Fazit nach den ersten Tagen des Teamtrainings ohne Zweikämpfe und mit Sicherheitsabstand aus?

Hecking: Ich muss zugeben, dass die ersten beiden Tage hart waren. Da verzweifelt man auch schon mal. Aber ab dem dritten Tag ging es. Seit Mittwoch hatte ich das Gefühl, dass es irgendwie klick gemacht hat.

Sie trainieren ja im Stadion unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Deswegen mal ganz naiv nachgefragt: Was machen Sie eigentlich?

Hecking: Wir trainieren in drei Gruppen und achten schon sehr genau darauf, dass sich keiner über den Weg läuft. Auch nicht auf dem Platz. Zweikämpfe sind tabu. Ich fühle mich gerade ein wenig wie ein Jugendtrainer, weil wir vor allem Basics trainieren: Passspiel, Torschüsse, solche Sachen. Was komplett fehlt ist das gruppentaktische Training. In jeder Gruppe haben wir zwar Spieler mit unterschiedlichen Positionen, aber trotzdem ist es schwierig, an taktischen Abläufen zu arbeiten.

Wie lange bräuchten Sie, um Ihre Mannschaft für einen möglichen Neustart der Saison im Mai wettbewerbsfähig zu machen?

Hecking: Das ist schwer zu sagen. Aber wenn die Politik tatsächlich für so ein Szenario grünes Licht geben sollte, dann sollten wir nach Ostern schon irgendwann zu einem etwas anderen Trainingsbetrieb kommen. Die Jungs haben die taktischen Abläufe, die wir das ganze Jahr einstudiert haben, zwar nicht vergessen. Aber wir können nicht von null auf hundert direkt loslegen. Vor einer Rückkehr in den Spielbetrieb bräuchte man schon ein paar Wochen, um all die Abläufe aufzufrischen. Sonst droht ein Chaos. Wenn das aber aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist, dann müsste man die Rückkehr in den Spielbetrieb eben weiter aufschieben. Niemand soll das Gefühl haben, dass der Fußball einen unverantwortlichen Alleingang macht. Wir müssen uns schon strikt an die Entscheidungen der Politik halten. Das finde ich wichtig.

Sprechen Sie sich eigentlich mit anderen Trainern ab und hören Sie sich um, wie diese derzeit trainieren lassen? Oder hören Sie auf Ihr Bauchgefühl?

Hecking: Ich telefoniere derzeit sehr viel mit anderen Kollegen. Ohnehin habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen derzeit mehr kommunizieren. Und natürlich beruhigt es auch, zu wissen, dass es meinen Kollegen genauso geht wie mir. Die machen sich um die gleichen Sachen Gedanken wie ich.

Ihren Co-Trainer Dirk Bremser bezeichneten Sie immer wieder nett gemeint als Ihre zweite Ehefrau. Wann haben Sie Ihre zweite Ehefrau das letzte Mal gesehen und die Hand geschüttelt?

Hecking: Wir schütteln uns eigentlich nie die Hände, so förmlich sind wir nach 20 Jahren Ehe nicht. Aber wir sehen uns natürlich trotz der Coronakrise häufig – aber immer mit der entsprechenden Distanz. Ich gucke bei seinem Training zu, er schaut bei meiner Einheit zu. Und wenn wir uns nicht gerade sehen, dann telefonieren wir. Eine Ehekrise ist also nicht zu erwarten.

Dann lassen Sie uns kurz ein wenig philosophisch werden: Werden wir am Ende aus dieser Coronakrise gestärkt hervorgehen oder droht unsere ohnehin fragile Gemeinschaft zu zerbrechen?

Hecking: Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft durch Corona eine bessere wird. Es ist beeindruckend, wie viele Solidaritätsaktionen gerade gestartet werden. Man besinnt sich wieder auf Dinge, die wichtig sind: Man hilft sich, man sorgt füreinander, man redet miteinander. Mein Gefühl sagt mir, dass wir uns im Kampf mit Corona ziemlich tapfer schlagen. Wichtig wird nur sein, diese ganze Hilfsbereitschaft und Solidarität auch nach der Krise weiterzuleben.

Auch beim HSV wird auf Crowdfunding-Plattformen für Fankneipen gekämpft, auf Facebook verabreden sich wildfremde Fans untereinander, um sich zu helfen. Was haben Sie sonst noch so an Aktionen im Alltag mitbekommen?

Hecking: In Hamburg wird ja hier und da zu bestimmten Uhrzeiten geklatscht, es wird gesungen und musiziert. Für mich persönlich war es ein ganz besonderer Moment, als ich in meinem kleinen 400-Einwohner-Örtchen spazieren war und um Punkt 19 Uhr das Fenster bei unserer Freiwilligen Feuerwehr aufging und zwei Feuerwehrmänner mit Blasinstrumenten ein Gratiskonzert gegeben haben. So etwas lässt einem das Herz aufgehen. Wobei man natürlich zu keinem Zeitpunkt vergessen darf, dass es vielen, vielen Menschen gerade wirklich schlecht geht.

Haben Sie Menschen in Ihrem Bekanntenkreis, die durch Corona besonders gebeutelt sind?

Hecking: Die hat doch jeder. Auch in meinem kleinen Bad Nenndorf muss jedes Restaurant, jeder Friseur und jedes kleine Geschäft ums Überleben kämpfen. Als Familie Hecking versuchen wir da im Kleinen natürlich genauso zu helfen wie man sich hier in Hamburg hilft. Und ich finde auch, dass wir extrem dankbar sein müssen. Dabei denke ich vor allem an all die Pflegekräfte, die Ärzte, die Supermarktverkäufer. Sie alle halten den Betrieb aufrecht. Ich bin auch ein großer Verfechter davon, dass gerade die, die sonst so wenig verdienen, unbedingt einen Bonus verdient haben. Es ist wirklich außergewöhnlich, was diese Menschen derzeit leisten.

Stichwort Gehalt: Auch beim HSV hat man sich zügig solidarisch gezeigt, ein freiwilliger Gehaltsverzicht wurde relativ schnell in Aussicht gestellt. Wie ist nun der Stand?

Hecking: Die Gespräche sind da relativ weit fortgeschritten. Durch den nicht eingeplanten Vorstandswechsel hat sich diese Geschichte geringfügig verzögert. Aber uns allen war schnell klar, dass Spieler, Verantwortliche und natürlich auch Trainer ihren Teil in dieser Krise beitragen wollen. Jonas Boldt, der für diese Thematik verantwortlich ist, weiß, dass er auf uns zählen kann.

Es gab ja ganz unterschiedliche Meinungen in Bezug auf einen freiwilligen Gehaltsverzicht. Toni Kroos, Deutschlands bestbezahltester Fußballer der Geschichte, hat sich beispielsweise dagegen ausgesprochen, weil er lieber selbst entscheiden will, für wen oder was er spendet.

Hecking: Natürlich kann Toni Kroos sich aussuchen, für wen er spendet. Und ich finde super, wenn er spendet. Mir geht es beim Thema Gehaltsverzicht darum, dass auch die Mitarbeiter unseres Clubs, die möglicherweise schon in der Kurzarbeit sind, so wenige Belastungen wie möglich haben. Und ich denke schon, dass Spieler, Trainer und Verantwortliche da auch die Verantwortung haben, sich innerhalb ihrer Clubs solidarisch zu zeigen.

Musste der Profifußball durch Corona erst lernen, solidarischer zu werden?

Hecking: Mittlerweile sollte jedem klar sein, dass wir nur gemeinsam einen Ausweg aus dieser Krise finden. Wenn die Kleinen sterben, haben die Großen irgendwann keine Gegner mehr. Das wichtigste Ziel im Fußball muss sein, dass so viele Clubs wie möglich die Coronakrise überstehen.

Herr Hecking, noch eine letzte Osterfrage: Wie lange wird der Fußball brauchen, um wieder aufzuerstehen?

Hecking: Das kann wahrscheinlich niemand derzeit seriös beantworten. Keiner weiß, ob wir tatsächlich wieder im Mai spielen können. Ob die Saison bis Ende Juni abgeschlossen werden kann. Ob wir nicht vielleicht noch im Juli oder August spielen müssen – und dürfen. Keiner weiß, ob wir in diesem Jahr überhaupt noch einmal mit Publikum spielen werden. Schon jetzt orakeln ja viele, dass die Ablösesummen und Transfersummen zusammenbrechen werden. Wissen kann aber auch das keiner. Und natürlich kann auch keiner wissen, ob die Gehälter runtergehen. Als ich mit Fußball angefangen habe, habe ich einen vierstelligen D-Mark-Betrag als Bruttogehalt verdient. Und auch damit bin ich klargekommen. Unter dem Strich bin ich mir nur bei einer Sache sicher: Wir werden diese Krise nur dann meistern, wenn wir diesen Kampf gemeinschaftlich angehen.

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