Coronakrise

DFL-Entscheidung: Für den HSV geht es um 20 Millionen

Die HSV-Profis um Kapitän Aaron Hunt (4.v.l.) hoffen darauf, die Saison zu Ende spielen zu können.

Die HSV-Profis um Kapitän Aaron Hunt (4.v.l.) hoffen darauf, die Saison zu Ende spielen zu können.

Foto: Witters

Bei der DFL-Krisensitzung geht es um mehr als den Spielplan und Geisterspiele. HSV steht wegen Corona vor existenziellen Fragen.

Hamburg. Der HSV hatte in seiner Clubgeschichte schon viele wichtige Spiele in Frankfurt. 2018 etwa. Da wurde nach einer zuvor beeindruckenden Aufholjagd am vorletzten Spieltag beim 0:3 die Erstligazugehörigkeit verspielt. Umgekehrt 2009. Da sicherte Piotr Trochowski den Hamburgern durch den Treffer zum 3:2 in der Nachspielzeit die Teilnahme an der Europa League. Genau wie 1996. Und auch St. Pauli spielte häufig in Frankfurt. 20-mal gegen die Eintracht, 17-mal gegen den FSV. Das wichtigste Treffen des FC St. Pauli und des HSV in der Mainmetropole überhaupt wird aber an diesem Montag stattfinden.

Anpfiff ist um 11.30 Uhr. Im Sheraton Frankfurt Airport Hotel and Conference Center. Nach den Ereignissen der vergangenen Tage rund um das Coronavirus geht es in Frankfurt um die Zukunft des Fußballs (siehe auch Bericht auf der nächsten Sportseite). Es geht um die Frage, wann und ob in dieser Saison noch einmal gespielt werden kann. Welche sportlichen und vor allem finanziellen Konsequenzen drohen, sollte die Saison doch vorzeitig abgesagt werden. Oder kurzum: Es geht für eine ganze Reihe von Clubs um nicht mehr und nicht weniger als um die Existenz.

„Es gibt in einer Ausnahmesituation kein Gedankenmodell, das nicht gedacht wird“, sagt Oke Göttlich, der in Frankfurt gleich in doppelter Funktion anwesend sein wird. Als Mitglied im DFL-Präsidium. Und als St. Paulis Präsident, der von Sportchef Andreas Bornemann und Kolja Dickmann, dem Leiter der Stabsstelle Präsidium und Clubentwicklung, zur DFL-Tagung begleitet wird. Für den HSV sind Clubchef Bernd Hoffmann und Sportvorstand
Jonas Boldt vor Ort, die getrennt anreisen werden. Nicht wegen des aktuellen Zwists im Vorstand, sondern in Corona-Zeiten als Vorsichtsmaßnahme.

Insider: Clubs droht Insolvenz wegen Corona

Das Hamburger Quintett hat natürlich das gleiche Ziel wie alle anwesenden Clubvertreter: die bestmöglichen Rahmenbedingungen, um die laufende Spielzeit doch noch bis zum 30. Juni abzuwickeln. „Das ist das wirtschaftliche Rückgrat unseres Clubs“, sagte Bernd Hoffmann dem Radiosender NDR 90,3. Einen zuvor zugesagten TV-Termin am Sonntagabend hatte Hoffmann kurzfristig abgesagt. Göttlich sagt dem Abendblatt: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, lassen uns von der Dynamik aber nicht treiben und handeln dementsprechend gewissenhaft und besonnen.“

Doch wie besonnen kann man tatsächlich angesichts der Belastungen bleiben, die auf die Clubs zukommen. Seriösen Schätzungen zufolge würde den Proficlubs eine komplette Absage der laufenden Saison mindestens eine dreiviertel Milliarde Euro kosten. „Wenn die Saison nicht fortgesetzt werden kann, dann droht einem Großteil der Zweitligaclubs die Insolvenz“, sagt dem Abendblatt ein Teilnehmer der DFL-Versammlung, der allerdings namentlich nicht genannt werden möchte.

HSV: Es geht weiter, auch wenn Millionen fehlen

Glaubt man aber den HSV- und St.-Pauli-Verantwortlichen, dann könnten die Hamburger Clubs sogar den Worst Case überleben. „Der FC St. Pauli kann sich glücklich schätzen, in den vergangenen Jahren wirtschaftlich solide agiert zu haben“, sagt Göttlich. Neun Jahre in Folge konnte der Kiezclub schwarze Zahlen schreiben.

Doch auch der HSV, der neun Jahre in Folge rote Zahlen machte, könnte nach eigenen Angaben den Supergau mit schmerzhaften Einbüßen verkraften. So müssten die Clubverantwortlichen bei einem vor­zeitigen Saisonende mit 20 Millionen Mindereinnahmen (TV-Geld, Sponsoren, Ticketing). Eine Liquiditätslücke sei aber nicht zu befürchten.

All diese Szenarien spielt Frank Wettstein seit Tagen durch. Der Finanzvorstand des HSV leitet seit vergangener Woche den Krisenstab im verwaisten Volkspark. Der Großteil der Geschäftsstelle wurde längst ins Homeoffice geschickt. Bei St. Pauli kümmern sich Vizepräsident Jochen Winand und Martin Urban (Geschäftsleiter Operations) vornehmlich um die Finanzen. Und beide Clubs sind sich einig, dass Geisterspiele ohne Zuschauer noch das geringste Übel wären, auf die man sich nach einer wochenlangen Spielpause einlassen müsste.

Wird im Mai ohne Fans wieder Fußball gespielt?

Im Bestfall, so glauben es die meisten Clubverantwortlichen, könnte man im Mai wieder spielen. Dann aber aller Voraussicht nach zunächst ohne Fans. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre der Verlust von Zuschauereinnahmen aber leichter zu verschmerzen, als wenn auch noch gut ein Viertel der TV- und Sponsorengelder wegfallen würden.

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Viel mehr Einigkeit gibt es unter den 36 Proficlubs allerdings nicht. Hinter den Kulissen geht es seit Tagen ordentlich zur Sache. Von einem möglichen
Solidarfonds halten die Top-Clubs der Bundesliga beispielsweise gar nichts. Auch über die Frage, ob man sich einzig und allein auf die Liga konzentrieren sollte, und weitere Wettbewerbe wie den DFB-Pokal unterordnend behandelt, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Sofern am Dienstag, wie allgemein erwartet, dann auch die EM abgesagt wird, werden auch Modelle diskutiert, ob man nach einer wochenlangen Pause eventuell so viele Spieltage wie möglich durchziehen sollte.

All diese Fragen werden auch intensiv von der zwölfköpfigen Kommission Fußball innerhalb der DFL erörtert, die bereits am vergangenen Freitag von 10 Uhr an telefonisch konferierte. Neben acht Bundesligavertretern (u.a. aus München, Dortmund und Gladbach) sind aus der Zweiten Liga neben HSV-Manager Boldt auch St. Paulis Bornemann, Fürths Rachid Azzouzi und Wehen Wiesbadens Sportdirektor Christian Hock dabei. Für sie alle ist vor der Versammlung nur eines klar: Diesmal wird in Frankfurt sicher nicht nach 90 Minuten abgepfiffen.