Finanzielle Folgen

Coronavirus: HSV-Spielpause wird deutlich länger dauern

Dürfen die HSV-Profis Jordan Beyer (v.l.), Kapitän Aaron Hunt, Timo Letschert und Adrian Fein erst im Mai wieder Fußball spielen?

Dürfen die HSV-Profis Jordan Beyer (v.l.), Kapitän Aaron Hunt, Timo Letschert und Adrian Fein erst im Mai wieder Fußball spielen?

Foto: Witters

Stundenlanges Hin und Her: Kurz vor geplantem Geisterspiel in Fürth erfährt der HSV von dem Aus der Partie. Die Chronik der Absage.

Fürth/Hamburg. Der HSV-Mannschaftsbus stand am Hotel Sheraton in Nürnberg abfahrbereit, als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dem Spuk um die zum „Geisterspiel“ erklärte HSV-Partie in Fürth dann doch ein Ende machte. „Nach aktuellen Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Coronavirus: DFL beschließt Verlegung des 26. Spieltags der Bundesliga und der 2. Bundesliga“, stand über dem Communiqué, das die DFL am Freitagnachmittag um kurz nach 16 Uhr verschickte. Es war das Ende eines stundenlangen Hin und Her, das es in der Geschichte der Bundesliga in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Der Reihe nach: Der HSV-Tag begann schon früh in Nürnberg mit der Nachricht, dass das Präsidium der DFL wahrscheinlich schon am Morgen die Bundesliga- und Zweitligasaison mit sofortiger Wirkung auf unbestimmte Zeit unterbrechen würde. Trotzdem entschied Trainer Dieter Hecking, dass seine Mannschaft pünktlich um 10 Uhr zum Anschwitzen auf dem nahe gelegenen Trainingsplatz des SV Mögeldorf trainieren sollte. Sicher ist sicher – auch oder gerade in Corona-Zeiten.

Und die Trainingseinheit sollte zunächst nicht umsonst gewesen sein: Als die Mannschaft wieder zurück ins Hotel kam, hatte sich die DFL festgelegt: Das Präsidium verkündete zur Überraschung aller, dass der Spielbetrieb erst vom kommenden Dienstag an ruhen sollte. Mit anderen Worten: Der 26. Spieltag sollte noch wie zuvor geplant als kollektiver „Geisterspiel“-Spieltag über die Bühne gehen. Italien, Spanien, England, USA – überall stand die Sportwelt still. Aber für den HSV hieß es weiterhin: The Show must go on.

HSV-Hardcore-Fan zeigt Verständnis

600 Kilometer von Fürth entfernt konnte Sascha Hillmer nur mit dem Kopf schütteln. Der Hardcore-Fan des HSV, der eine Auswärtsdauerkarte hat und auch seine Reise nach Fürth längst geplant hatte, konnte es gar nicht glauben. „Was soll so ein Hin und Her?“, fragte der Alles-Fahrer, der sich nur schweren Herzens am Vortag gegen den längst gebuchten Flug nach Nürnberg entschieden hatte.

„Um das Geld ging es mir nie. Für mich ist es viel mehr bitter, bei einem HSV-Spiel nicht wie sonst vor Ort sein zu können“, sagte Hillmer, der in der vergangenen Saison alle 34 Spiele besucht und vor drei Wochen beim Stadtderby sein 1000. HSV-Spiel live im Stadion gesehen hatte. „Aber die Gesundheit sollte ja vorgehen.“

Sollte. Doch auf einer Pressekonferenz in München mit Karl-Heinz Rummenigge erklärte der Bayern-Chef, dass ein Festhalten des Spielbetriebs vorerst Priorität habe. „Es geht am Ende des Tages um die Finanzen“, sagte er.

Reißt Spielpause eine Finanzlücke beim HSV?

Um die ging und geht es auch beim HSV. Jeder ausgefallene Spieltag dürfte den HSV ein kleines Vermögen kosten. Dem Club würden Zuschauereinnahmen und anteilige Sponsoren- und TV-Einnahmen fehlen. Ein Heimmatch als „Geisterspiel“ würde bereits Mindereinnahmen in Höhe von rund einer Million Euro bedeuten, das vorzeitige Ende der Saison könnte sogar eine ernsthafte Liquiditätslücke und als aktuell Tabellendritter den verpassten Aufstieg nach sich ziehen. Also: Spielen, bis der Arzt kommt – oder doch wieder die DFL.

Denn die überraschte am späten Nachmittag erneut, als sie ihre Entscheidung vom Morgen einkassierte und sich nach beißender Kritik doch für eine Komplett-Absage des 26. Spieltags entschied. „Wir haben volles Verständnis für die Entscheidung der DFL, diesen Spieltag abzusagen und vorzuschlagen, den weiteren Spielbetrieb vorerst auszusetzen. Das Wohl der Gesellschaft steht über allem“, sagte HSV-Chef Bernd Hoffmann, dessen Vorstandsstreit mit Jonas Boldt durch die Corona-Krise längst in den Hintergrund geraten schien.

Er selbst war als Vorsichtsmaßnahme in Hamburg geblieben, Boldt war nach Fürth gereist. „Wir hoffen im Sinne der gesamten Bevölkerung, dass wir als Fußball mit dieser Maßnahme unseren Teil zur Eindämmung des Virus beitragen können“, ergänzte Hoffmann.

Geht die HSV-Saison erst im Mai weiter?

Statt in den Sportpark Ronhof in Fürth ließen sich die HSV-Profis also am Abend zum Flughafen Nürnberg chauffieren, von wo aus sie etwas früher als geplant zurück nach Hamburg reisten. An diesem Sonnabend trifft sich das Team noch einmal im Volkspark. Dort wird besprochen, wie es nun mit dem Training weitergehen soll.

Und Superfan Sascha Hillmer? Der hatte sich schon mit dem Gedanken angefreundet, das Spiel ausnahmsweise im Fernsehen zu sehen. Doch aus dem geplanten HSV-TV-Abend im Clubhaus des Bramfelder SV sollte nichts werden – wofür der 43-Jährige aber durchaus Verständnis hatte. „Wir alle haben Corona unterschätzt. Noch vor wenigen Tagen konnte ich mir ein Geisterspiel kaum vorstellen. Und jetzt hoffe ich, dass zumindest die Saison irgendwie zu Ende gespielt werden kann.“

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Genau diese Frage wird in den kommenden Tagen debattiert. Schon jetzt scheint klar, dass es bei der avisierten Pause bis 2. April nicht bleiben wird. Nach Abendblatt-Informationen wird mit einer Unterbrechung bis in den Mai gerechnet. Am Montag kommen die Vertreter aller DFL-Clubs zusammen, am Dienstag folgt ein Treffen der Uefa.

„Wir unterstützen aus sportlicher und wirtschaftlicher Sicht die Zielsetzung der DFL, die Saison zu Ende spielen zu wollen. Auch diesbezüglich haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung zu tragen, der wir weiterhin gerecht werden wollen“, sagte HSV-Chef Hoffmann am Ende eines langen Tages. Und am Anfang einer mutmaßlich langen Fußballpause.