Zweitliga-Nordderby

HSV und Hannover 96 – was sie eint, was sie unterscheidet

Vor dem Nordderby gegen Hannover 96 redet der HSV-Trainer den Gegner stark – und ärgert sich über die eigene Trainingswoche.

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Beide Vereine haben nach vielen Fehlentscheidungen Anschluss an deutsche Topclubs verloren. Was verbindet sie?

Hamburg. 150 Kilometer Autobahnstrecke liegen zwischen dem Volksparkstadion in Hamburg-Bahrenfeld und der HDI Arena am Maschsee in Hannover. 15 Punkte trennen den HSV und Hannover 96 in der aktuellen Zweitligatabelle. Die Frage, wie weit die beiden Traditionsclubs vor dem direkten Duell an diesem Sonnabend in Hannover (13 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) tatsächlich auseinander liegen, ist aber gar nicht so leicht zu beantworten.

„Ich glaube, dass diese Mannschaft wirklich deutlich mehr Qualität hat als der augenblickliche Tabellenplatz“, sagte HSV-Trainer Dieter Hecking am Freitag und meinte damit nicht sein eigenes Team, sondern seinen ehemaligen Verein, der auf einem enttäuschenden zwölften Platz steht.

Als Hecking im Mai 1998 mit Hannover 96 den Aufstieg aus der Regionalliga Nord in die Zweite Liga schaffte, wurde beim HSV gerade die deutsche Meisterschaft gefeiert – allerdings durch den Gast aus Kaiserslautern. Es war die Zeit, als man noch gewissenhaft vom großen und dem kleinen HSV sprechen und schreiben konnte. Der 1887 (von einem seiner Vorvereine) gegründete Hamburger SV in der Ersten Liga, der Hannoversche Sportverein von 1896 nach zwei Jahren zurück in der Zweiten Liga.

Kind: HSV ist Hannover enteilt

Wenn sich die beiden Nordclubs am Sonnabend zum 64. Mal zu einem Pflichtspiel treffen, wird es erst zum zweiten Mal ein Zweitligaderby sein. Nachdem beide Clubs in der vergangenen Dekade noch in der Europa League spielten, haben sie nach einer jeweils langen Kette von Fehlentscheidungen den Anschluss an die deutschen Topclubs verloren.

Trotzdem sieht Hannovers Präsident Martin Kind seinen Verein im Vergleich wieder deutlich im Rückstand. „Der HSV ist uns mehr als enteilt“, sagte der 75-Jährige in der „Mopo“. Einer der Hauptgründe für die gegenläufige Entwicklung sei Dieter Hecking, den Kind vor der Saison gerne als Sportdirektor verpflichtet hätte.

Doch Hecking ging nach dem Aus bei Borussia Mönchengladbach als Trainer zum HSV – und hat den Club nach Jahren voller Turbulenzen aktuell wieder in eine stabile Spur geführt. Die Hamburger könnten mit dem vierten Sieg in Serie nach der Winterpause den nächsten Grundstein für den Aufstieg legen und Hannover wieder an den Rand der Abstiegszone manövrieren. Dann wäre die Rollenverteilung zwischen dem kleinen und dem großen HSV zumindest vorübergehend wieder klar definiert.

Hecking hält große Stücke auf Hannover

Für Hecking sind die aktuellen Rollen aber nicht so klar, wie es die Tabelle aussagt. „Die Aufstellung, die ich erwarte, besteht aus elf Bundesligaspielern“, sagt der HSV-Coach über die Hannoveraner. „Das ist deutlich mehr Erfahrung als bei uns und zeigt das Dilemma, in dem Hannover gerade steckt.“

Tatsächlich haben bis auf Innenverteidiger Marcel Franke alle voraussichtlichen Startelfspieler bei 96 schon in der Bundesliga Erfahrung gesammelt. „Vom Potenzial her – das werden sie in Hannover gar nicht gerne hören – müssten sie deutlich höher stehen“, sagte Hecking.

Der 55-Jährige, der nur 37 Kilometer von Hannovers Stadion entfernt in Riepen bei Bad Nenndorf lebt, hatte Hannover 96 zwischen 2006 und 2009 als Trainer selbst wieder zu einem gesunden Bundesligisten entwickelt. Beim HSV war diese Zeit die erfolgreichste in der jüngeren Clubgeschichte.

Wenn man verdeutlichen will, wie sich beide Clubs seitdem auf eine ewige Suche nach früheren Erfolgen begaben, braucht man sich nur die Zahl der verschlissenen Trainer anzuschauen. In Hannover hatten in den vergangenen zehn Jahren zehn verschiedene Cheftrainer das Sagen. Beim HSV waren es im selben Zeitraum sogar 13.

Hecking äußert sich zur Causa Klinsmann

Während Kenan Kocak jetzt die schwierige Mission in Hannover meistern muss, soll Hecking in Hamburg endlich für Trainerkontinuität sorgen. Im Hinspiel gewann der HSV deutlich und verdient mit 3:0. „Ich hätte nichts dagegen, wenn morgen das gleiche Ergebnis zustande kommen würde“, sagte Hecking, der angesichts der aktuellen Situation am Freitag ganz entspannt zu vielen Themen seine Meinung sagen konnte.

So bewertete er den Rücktritt von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC („Ich glaube, dass der Jürgen da einfach zu schnell zu viel wollte“), appellierte humorvoll an mögliche Pyro-Zündler aus Hamburg („Jede Strafe kürzt mein Transferbudget mit Jonas Boldt“) und befürwortete die Unterstützung durch Investor Klaus-Michael Kühne bei den Stadionnamensrechten („Als Unternehmen müssen wir gucken, wie der Verein zu Geld kommt“).

Am Sonnabend aber wird sich Hecking zunächst nur um Fußball kümmern. Danach hat er Zeit, sich wieder mit seiner alten Heimat zu beschäftigen. „Ich komme ein Stück weit nach Hause. Ich bin gerne in Hannover, das weiß jeder“, sagte Hecking, der erst vor einer Woche mit seiner Tochter in der Innenstadt von Hannover einkaufen war.

Seine Familie wird am Sonnabend im Stadion sein. „Die Verbindung wird immer bleiben“, sagte Hecking. Am liebsten wäre es ihm trotzdem, wenn sein HSV dem anderen HSV ein weiteres Stück enteilt.