Teuerster HSV-Transfer

Warum Kinsombi nur schleppend in die Saison gekommen ist

Energisch gegen die Widerstände: David Kinsombi (Mitte) und seine HSV-Kollegen erwartet am Sonnabend in Kiel der nächste Härtetest.

Energisch gegen die Widerstände: David Kinsombi (Mitte) und seine HSV-Kollegen erwartet am Sonnabend in Kiel der nächste Härtetest.

Foto: Witters

Sommer-Neuzugang Kinsombi kehrt erstmals nach Kiel zurück. Dort machte er sein größtes Spiel – gegen den HSV.

Hamburg. David Kinsombi war nicht zu stoppen. Immer wieder marschierte der 23-Jährige mit dem Ball über den tiefen Rasen des Holstein-Stadions von Kiel. Am Ende schoss er seinen ersten Doppelpack der Profikarriere, erhielt vom „Kicker“ die Note eins und wurde zum Spieler des Spiels gekürt. Und HSV-Sportvorstand Ralf Becker war spätestens nach diesem Kieler 3:1-Sieg mit dem überragenden Kinsombi klar, dass er alles versuchen werde, den Mittelfeldmann nach Hamburg zu holen.

Elf Monate später spielt der HSV am Sonnabend erneut in Kiel. Ralf Becker ist zwar nicht mehr beim HSV, dafür spielt Kinsombi jetzt in Hamburg – und am Wochenende erstmals gegen seinen Ex-Club. „Es ist definitiv ein besonderes Spiel für mich. Ich habe dort zwei schöne und auch turbulente Jahre erlebt“, sagte Kinsombi am Mittwoch. Im blauen Trainingsdress steht der mit drei Millionen Euro Ablöse teuerste Neuzugang des HSV-Sommers im Erdgeschoss des Volksparkstadions und lächelt entspannt. „Für den Papierkram sind andere zuständig. Ich will hier einfach akribisch arbeiten“, sagt er.

Elf Einsätze und zwei Tore beim HSV

Seit vier Monaten arbeitet Kinsombi nun für den HSV. Elf Einsätze und zwei Tore stehen in seinem Zwischenzeugnis nach zwölf Spieltagen. Eine beachtliche Quote für einen defensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler. Und doch konnte der frühere U18-Nationalspieler an die Form der vergangenen Hinrunde in Hamburg noch nicht anknüpfen. Was vor allem damit zu tun hat, was ihm nach dem Spiel seines Lebens gegen den HSV vor elf Monaten passierte.

Es war der 12. Januar im spanischen Oliva Nova, als Kinsombi im Trainingslager mit seinem Teamkollegen Heinz Mörschel zusammenprallte. Sein rechtes Schienbein ging dabei zu Bruch. Eine monatelange Pause sollte folgen. Trotzdem entschied sich Becker, Kinsombi zum HSV zu transferieren. Zwei Jahre zuvor hatte er ihn selbst ablösefrei aus Karlsruhe nach Kiel geholt, als er dort als Sportdirektor arbeitete. „Ich bin überzeugt von David“, sagt Becker. „Er ist erst 23, wirkt aber schon sehr reif.“

Wichtige Zeit bei Holstein Kiel

Beim HSV sollte Kinsombi trotz aller Frühreife einen Fehlstart erwischen. Im ersten Testspiel der Vorbereitung riss ihm eine Muskelfaser im rechten Oberschenkel. Eine Folge des Schienbeinbruchs. Erst kurz vor dem ersten Saisonspiel gegen Darmstadt kehrte Kinsombi in den Kader zurück. „Die Verletzung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Doch zurückblicken will Kinsombi nicht. Zumindest nicht zu weit. An sein Tor im jüngsten HSV-Spiel bei Wehen Wiesbaden erinnert er sich noch gerne zurück. „Ich habe mich einfach sehr gefreut, weil es auch ein besonderer Umstand war“, sagt Kinsombi, der in Wiesbaden groß wurde.

Zum Mann machte ihn aber erst seine Zeit bei Holstein Kiel. Sollte er am Sonnabend auch gegen seinen zweiten Ex-Club treffen, würde er in jedem Fall ähnlich emotional jubeln wie in Wiesbaden. „Wenn man sich das Trikot eines Vereins überstreift und gemeinsam mit den Jungs ackert, sollte es keinem verwehrt sein, sich darüber zu freuen.“ Dass Kinsombi und die Hamburger in Kiel ackern müssen, weiß vor allem er selbst. „Kiel hat einen spielerischen Ansatz, kann das aber auch mit Kampfgeist und dreckigem Spiel verbinden. Das ist für keinen Gegner einfach.“

Kinsombi ist ein reflektierter Mensch

Kinsombi erinnert sich, wie sich Kiel vor einem Jahr auf das erste Liga-Gastspiel des HSV seit 1963 gefreut hatte. „Es war ein Kribbeln in der Stadt zu spüren. Das gesamte Umfeld war gespannt auf dieses Spiel. Wir hatten die Galligkeit, dem HSV ein Bein zu stellen.“ Und das sollte gelingen. Am Sonnabend erwartet Kinsombi einen ähnlich galligen Gegner. „Wir sind zu allem bereit und wollen einfach ein geiles Spiel abliefern. Es kann ein tolles Nordderby werden.“

Kinsombi ist ein reflektierter Mensch, der sich auch abseits des Fußballs mit gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Auf dem Platz aber definiert er sich selbst als Arbeiter. Eine Mentalität, die in seiner Familie ausgeprägt ist. Seine Eltern, die einst aus dem Kongo nach Deutschland kamen, mussten viel arbeiten, um ihn und seine drei Geschwister versorgen zu können. Die Arbeit hat sich gelohnt. Auch sein kleiner Bruder Christian (20) ist jetzt Profi, spielt seit diesem Sommer beim Drittligisten KFC Uerdingen und ist dort mittlerweile gesetzt.

Kinsombis wollen Karrieren trennen

„Er ist fies auf den ersten Metern“, sagt David über Christian, der auf dem offensiven Flügel seine Stärken hat. „Er ist ein junger Spieler, der das losgelöst von mir sehr gut macht.“ Die Kinsombis wollen ihre Karrieren voneinander trennen. „Es ist ganz wichtig, dass er seinen eigenen Weg geht.“ Auch der große Bruder ist früh seinen eigenen Weg gegangen, als er bei Eintracht Frankfurt seine Karriere startete. „Ich bin da als 18-jähriger Bursche reingeworfen worden in einen Kader gespickt mit Routiniers und abgezockten Spielern“, sagt Kinsombi.

Nun führt ihn sein Weg das erste Mal wieder zurück nach Kiel. Dort ist er seit seiner Wohnungsübergabe noch nicht gewesen. Kinsombis Förderer Ralf Becker ist jedenfalls überzeugt, dass sein Sommereinkauf beim HSV künftig noch so stark spielen wird wie vor elf Monaten mit Kiel gegen den HSV. „Ich weiß, dass David noch viel mehr kann, als er es bislang gezeigt hat“, sagt Becker. „Der braucht einfach noch ein bisschen Zeit. Wenn der richtig fit ist, wird er in Hamburg noch richtig gut spielen.“