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"Brauchen keine Kritiker": Hecking weist Mecker-Fans zurecht

HSV-Trainer Dieter Hecking sorgt sich um Josha Vagnoman

Einen Tag nach dem Pokal-Aus gegen den VfB Stuttgart gibt HSV-Trainer Dieter Hecking Einblick in die Personal- und Gefühlslage.

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Sechs angeschlagene HSV-Profis nach Pokal-Aus gegen den VfB, allen voran Vagnoman. Moritz bewertet Schiri-Blockade vor dem 1:2.

Die HSV-News am Mittwoch, den 30. Oktober 2019:

Hecking nordet die HSV-Nörgler ein

"Für die Zuschauer war es ein überragendes Spiel. Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft, dass sie Moral bewiesen hat." Das sagte Stuttgarts Trainer Tim Walter nach dem Spiel.

Sein Gegenüber Dieter Hecking sah dies nach dem Pokal-Aus naturgemäß etwas anders. "Es war nicht ganz so rund, wie wir es uns erhofft haben", analysierte der HSV-Trainer am Tag danach noch einmal. "Aber auch Stuttgarts fußballerische Leistung war beim 2:6 gegen uns deutlich besser."

In seiner Analyse richtete Hecking den Blick aber nicht nur auf das sportliche Geschehen, sondern auch das Verhalten der Zuschauer. Die Kurve habe die Mannschaft zwar direkt nach dem Pokal-Aus wieder für die Tabellenführung in der Zweiten Liga gefeiert.

"Aber es gibt ja auch noch andere Fans", bemerkte Hecking vielsagend. Sportvorstand Jonas Boldt habe ihm erzählt, es sei "so wie immer" gewesen: "Dass wieder welche da waren, die als Erste schreien, weil etwas nicht so eintritt, wie sie es erwarten und denken 'aber Samstag war das doch so'."

"Das ist immer gefährlich, weil dann natürlich Unruhe aufkommt", urteilte Hecking. Auch dadurch habe die Mannschaft im Spielaufbau "vier, fünf Mängel zu viel" gehabt. Aber: "Das sehen wir auch alles. Dafür brauchen wir keine Kritiker, das wissen wir selber."

Er werde nicht müde, wiederholt mahnend den Finger zu haben, sagte Hecking. Denn: "Das sind genau die Dinge, die den HSV in der Vergangenheit immer umgebracht haben, dass man zu schnell nach zu viel Erfolg gleich meint, das muss jetzt immer so laufen."

Diese Einstellung habe er auch am Dienstagabend im Volksparkstadion gespürt. "Da habe ich mich wieder bestätigt gefühlt, dass man es noch nicht zu hundert Prozent verstanden hat in Hamburg, dass es ein weiter Weg wird, um dieses Ziel zu erreichen."

Die Zuschauer könnten nicht jedes Mal eine Leistung erwarten wie beim 6:2-Sieg im Ligaspiel gegen Stuttgart. "Der ein oder andere ist vielleicht mit der Erwartungshaltung gekommen, und dann ist er gestern wieder eines Besseren belehrt worden", sagte Hecking.

"Gestern war es ein Abnutzungskampf zwischen den Strafräumen. Da ist es normal, dass am Ende das Pendel zur einen oder anderen Seite ausschlägt. Wer das nicht versteht – ist mir auch egal. Ich gehe meinen Weg unbeirrt weiter und werde immer wieder den Finger mahnend heben", sagte der 55-Jährige.

Schließlich gebe die Mannschaft nun schon "seit vier Monaten Vollgas": "Sie steht nicht umsonst auf Platz eins. Sie hat gestern alles versucht, was Laufintensität angeht."

Negativschlagzeilen wie "boah, war das schlecht" seien "genau das Schwarz-Weiß-Denken, auf das viele Leute sofort anspringen", sagte Hecking: "Und da bin ich aber sowas von grau. Es interessiert mich nur am Rande. Aber ich muss es dann doch einmal ansprechen, weil es dem großen Ganzen nicht gerecht wird. Auch, wenn die Leistung gestern nicht so gut war."

HSV bangt um Vagnoman – Chance für Narey?

Nach der Pokalniederlage gegen den VfB Stuttgart bangt der HSV um die Einsätze von Josha Vagnoman und Martin Harnik. Während bei Letzterem nach seinen muskulären Problemen im Hinblick auf das kommende Auswärtsspiel bei Wehen-Wiesbaden am Sonntag (13 Uhr/im Liveticker auf abendblatt.de) noch Hoffnung besteht, scheint diese bei Vagnoman deutlich reduziert.

Der Außenverteidiger verletzte sich in der fünften Minute der Verlängerung mutmaßlich schwer am Sprunggelenk – und musste in die Kabinen humpeln. "Ich habe Josha nach dem Spiel an Krücken gesehen. Das sah nicht gut aus“, sagte Dieter Hecking später. Vagnoman sei mit dem Gelenk "umgeschlagen", berichtete Hecking: "Das könnte eine Bänderverletzung sein im Sprunggelenk."

Am Tag danach herrschte dann ein wenig mehr Klarheit. "Der Fuß ist angeschwollen über Nacht, es ist ein Bluterguss im Gelenk", berichtete Hecking am Mittwochvormittag über Vagnoman. "Das spricht immer dafür, dass etwas kaputtgegangen ist."

Dennoch hoffe er noch auf eine eher kürzere Ausfallzeit von bis zu zwei Spielen, sodass Vagnoman im ersten Spiel nach der Länderspielpause (23. November gegen Dresden) wieder zur Verfügung stehen würde. Eine Untersuchung am Mittwoch sollte weiteren Aufschluss geben.

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Narey wäre erste Wahl für Vagnoman

Gegen den VfB zog der HSV-Trainer aus Mangel an Alternativen Offensivmann Khaled Narey nach hinten rechts. Sollte Vagnoman für die kommenden Spiele ausfallen, wäre Narey auch dann erste Wahl für diese Position.

"Es gibt keine Alternative zu Narey", sagte Hecking am Mittwoch: "Nach der Auswechslung von Vagnoman hat er das gestern ordentlich gelöst. Deshalb ist es keine 1-b- oder 1-c-Lösung."

Gedankenspiele mit Jeremy Dudziak oder Christoph Moritz möchte Hecking vorerst hintenanstellen. "Das wäre dann ein etwas anderes Spiel", sagte er am Mittwoch.

Vagnoman hatte die Position auch erst dadurch bekleidet, dass sich der etatmäßige rechte Außenverteidiger Jan Gyamerah Anfang September im Training das Wadenbein gebrochen hatte.

Die Bilder zum Pokal-Aus des HSV gegen Stuttgart:

Harniks Muskel war noch "fest" aus dem Ligaspiel

Zu Harnik sagte Hecking: "Er hatte vom Spiel am Samstag einen verhärteten Oberschenkel." Da er am Morgen noch davon ausgegangen war, spielen zu können, habe sich Harnik dann erst einmal im Stadion auf das Spiel vorbereitet.

"Beim Warmmachen hat er dann gemerkt, dass der Muskel noch sehr fest ist", erzählte Hecking hinterher. "Da wollten wir kein Risiko eingehen und ihn deshalb nicht spielen lassen."

Auch Hunt, Hinterseer, Dudziak und Jairo angeschlagen

Und Martin Harnik ist nicht der einzige HSV-Profi, der sich nach dem zweiten Akt gegen Stuttgart mit muskulären Problemen plagt. Auch Kapitän Aaron Hunt und Stürmer Lukas Hinterseer, der kurzerhand für Harnik in die Startelf gerückt war, gingen angeschlagen aus der Partie.

Beim Tritt von Holger Badstuber gegen Hinterseer hätte Hecking eigentlich gerne eine Gelbe Karte für den VfB-Verteidiger gesehen. Dazu muss Jairo Samperio nach einem Schlag auf das Sprunggelenk möglicherweise kürzertreten, wie Hecking am Mittwochvormittag mitteilte.

Und auch Jeremy Dudziak bekam einen Schlag auf den Knöchel ab. Letztlich sehe er aber Stand jetzt bei keinem der Spieler aus diesem Quintett den Einsatz für das Spiel am Sonntag in Wiesbaden gefährdet, sagte Hecking.

Hecking kritisiert "gravierende" Amateur-Zustände

In der Diskussion über die Sicherheit von Amateur-Schiedsrichtern und die zunehmenden verbalen und körperlichen Angriffe auf die Unparteiischen hat Dieter Hecking die Vorbildfunktion des Profifußballs angemahnt. Die Zustände in den unteren Spielkassen seien teilweise "gravierend", sagte der HSV-Trainer am Dienstagabend in der ARD-Sendung "Sportschau Thema“.

Hecking verwies auf die "Vorbildfunktion, die von ganz oben kommt. Da müssen wir alle dran arbeiten, dass wir uns diese Vorbildfunktion viel, viel bewusster machen müssen“, sagte Hecking und sprach neben körperlicher und verbaler Gewalt unter anderem auch Schwalben, Zeitspiel und das grundsätzliche Verhalten von Spielern auf dem Platz an. Gleichwohl gestand Hecking, sich selbst auch stets Notizen zu den Schiedsrichtern zu machen.

Auch Nationaltorhüterin Almuth Schult vom VfL Wolfsburg, früher selbst als Schiedsrichterin aktiv, forderte „Fairness und Respekt“ und sprach sich für harte Strafen bei Angriffen auf Schiedsrichter aus. Zuletzt hatte eine brutale Prügelattacke bei einem hessischen Kreisligaspiel für Aufregung gesorgt. Am Wochenende streikten die Berliner Schiedsrichter, ab der 6. Liga fand keine Partie statt.

Fifa-Schiedsrichter Deniz Aytekin nannte die Referees in den Amateurklassen die „wahren Helden“. Wenn er am Wochenende manchmal ein D-Jugend-Spiel seines Sohnes pfeife, sei es „wirklich unfassbar, was da teilweise gemacht wird“, sagte der 41-Jährige.

Pech für Moritz: Dankert war vor Gegentor "Luft"

Apropos Schiedsrichter: Einen Aufreger gab es im Pokalspiel rund um das entscheidende Gegentor. Denn als Stuttgarts Atakan Karazor in der 113. Minute den Pfostenabpraller von VfB-Stürmer Silas Wamangituka aufnahm, um zum späteren Siegschützen Hamadi Al Ghaddioui zu passen, wollte Christoph Moritz dieses Szenario eigentlich verhindern.

Der HSV-Profi kam allerdings nicht dazu, da ihm Schiedsrichter Bastian Dankert unfreiwillig den Weg versperrte. Über die Außenmikrophone war anschließend ein lautstarker Vorwurf seitens des HSV zu vernehmen. "Der steht doch da im Weg rum", rief ein Verantwortlicher in Richtung Schiedsrichterteam.

Nach dem Schlusspfiff war Dieter Hecking auch deshalb noch sehr aufgebracht und wütete im Kabinentrakt des Volksparkstadions. Am Mittwoch hatte sich Hecking wieder beruhigt. "Das war dumm gelaufen, da kann man dem Schiedsrichter keinen Vorwurf machen", sagte er nach dem Auslaufen am Volksparkstadion. "Das hätten wir einfach anders verteidigen müssen."

In der Tat war dieser Fall einfach Pech für den HSV: Zwar ist seit dieser Saison die alte Regel aufgehoben, dass ein Schiedsrichter grundsätzlich "Luft" ist. Dies gilt allerdings nur, wenn der Unparteiische angeschossen wird und sich dadurch die Richtung des Balls ändert. Dann wird neuerdings Schiedsrichterball angeordnet. Blockiert der Referee hingegen versehentlich einen Spieler, ohne dass der Ball im Spiel ist, findet die Regel keine Anwendung.

Während etwa Rick van Drongelen das Problem auf dem Platz gar nicht registriert hatte, nahm Protagonist Moritz die Szene letztlich sportlich hin. "Er steht natürlich ein bisschen im Weg", sagte er am Mittwoch dem Abendblatt über Dankert.

Allerdings wäre er womöglich aber auch ohne die Schiedsrichter-Blockade nicht an den Ball gekommen. "Karazor spielt den Ball ja sowieso mit dem ersten Kontakt direkt wieder in den Strafraum", sagte Moritz. Das hätte er wohl auch getan, selbst wenn er in die Nähe des VfB-Profis gekommen wäre.

Drews entschuldigt sich für Punkt bei St. Pauli

Der HSV II hat beim 1:1 (0:0) im Regionalliga-Derby gegen den FC St. Pauli II auf glückliche Weise einen Punkt gewonnen. Über die nahezu komplette Spielzeit waren die Kiezkicker dem HSV überlegen. Das 1:0 von Seung-won Lee (49.) nach einem flachen direkten Freistoß von der linken Strafraumseite war nach den vergebenen Möglichkeiten von Christian Stark (18., 45., jeweils Parade von Tom Mickel) und von Jakub Bednarczyk (35.) überfällig.

Der HSV (11./21 Punkte) agierte nach dem Rückstand zielstrebiger, Chancen aber hatte weiter nur die U 23 des FC St. Pauli (15./13 Punkte). Doch mit dem ersten vernünftigen Torschuss von Moritz Kwarteng aus 20 Metern glich der HSV in letzter Minute noch aus (90.+3). St. Paulis Torwart Leon Schmidt sah dabei nicht gut aus.

"Ein sehr schmeichelhafter, sehr glücklicher Punkt für uns. Mir ist das Ergebnis fast schon unangenehm“, gab HSV-Trainer Hannes Drews zu. St.-Pauli-Coach Joachim Philipkowski beschwor höhere Mächte: "Mir tun meine Jungs so leid. Ich hoffe, der Fußballgott hört mich und lässt uns künftig solche Spiele gewinnen."