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Sonny Kittel über Hecking: „Er kann sehr streng werden“

Einen Ball und eine Fläche zum Spielen: Mehr braucht HSV-Profi Sonny Kittel (26) nicht, um sich wohlzufühlen.

Einen Ball und eine Fläche zum Spielen: Mehr braucht HSV-Profi Sonny Kittel (26) nicht, um sich wohlzufühlen.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Der HSV-Profi spricht über Trainer Dieter Hecking, seine Kindheit als Straßenkicker und seine Vorbilder unter den Topspielern.

Hamburg. Das HSV-Training am Freitag ist schon seit 20 Minuten vorbei, da steht Sonny Kittel noch immer auf dem Rasen und jongliert mit dem Ball. Zusammen mit Teamkollege Tim Leibold und Videoanalyst Alexander Hahn spielt der 26-Jährige ein Spiel. Wer den Ball verliert, wird am Ohr geschnipst. Kittel kann das tun, was er am liebsten macht: mit dem Ball zocken.

Im Interview erzählt der Straßenkicker vor dem Topspiel bei Arminia Bielefeld am Montag (20.30 Uhr), wie er in Gießen in einfachen Verhältnissen aufwuchs und seine Tricks in seinem Wohnblock erlernte.

Herr Kittel, können Sie uns den Ursprung Ihres Namens erklären? Sonny klingt wie ein Künstlername.

Sonny Kittel: Meine Eltern kommen aus Polen. Und sie hatten damals amerikanische Freunde. Da haben sie den Namen Sonny her. In der Jugend musste ich mich mit dem Namen erst noch anfreunden, weil es ein ungewöhnlicher Name war. Heute mag ich ihn.

Schnell gewöhnt haben Sie sich an den HSV. Mit fünf Toren und zwei Vorlagen sind Sie Hamburgs Topscorer nach neun Spieltagen.

Sonny Kittel: Ich fühle mich sehr wohl beim HSV. Die Mannschaft macht Spaß. Es geht aber immer mehr. Ich bin sehr streng mit mir und ärgere mich über die Dinger, die ich auf der Straße liegen lasse.

Stichwort Straße. Sie gelten noch als echter Straßenfußballer. Würden Sie den Begriff unterschreiben?

Sonny Kittel: Ich bin zumindest als Straßenfußballer aufgewachsen. Wir haben damals bei uns in Gießen in der Eichgärtenallee vor den Hochhausgaragen gespielt. Mit Stangen haben wir uns Tore gebaut und einfach gekickt. Ich hatte das Glück, dass viele Gleichaltrige Bock auf Fußball hatten. Jungs aus allen möglichen Ländern und Kulturen. Wie es in einem Block eben so ist. Nach der Schule waren immer alle draußen.

Auch Ihr Bruder Sammy? Sie haben eine enge Beziehung zu ihm.

Sonny Kittel: Ja, er ist sieben Jahre jünger als ich. Aber er kam dann auch irgendwann dazu und hat gelernt, sich früh durchzusetzen. Für uns gab es nur Fußball. Wir haben immer zusammen gekickt, auch in der Wohnung.

Auf die Waschmaschine oder eins gegen eins im Flur?

Sonny Kittel: Wir haben mit einem Softball gespielt, und die Türen waren die Tore. Das ging dann immer so lange, bis etwas kaputtgegangen ist und unsere Mutter ausgeflippt ist (lacht).

Sprechen Sie zu Hause Deutsch oder Polnisch?

Sonny Kittel: Beides. Wenn unsere Mutter geschimpft hat, dann aber meist auf Polnisch (lacht).

Sie sind schon mit sieben Jahren in den Nachwuchs von Eintracht Frankfurt gewechselt. Blieb da überhaupt noch Zeit für Straßenfußball?

Sonny Kittel: Ich habe immer und überall, so oft es ging, gezockt. Ich war verrückt nach Fußball. Manchmal frage ich mich, woher ich damals die Kraft hatte. Für mich war es die geilste Zeit, als Jugendlicher neben dem Training auf der Straße zu kicken. Mit 15 habe ich noch viel Futsal in der Halle gespielt, obwohl ich damals schon im Leistungszentrum war. Da konntest du Sachen machen, die du im Verein nicht machen würdest. Da ging es halt auch darum, Gegenspieler mit einem Trick hochzunehmen.

Verraten Sie uns Ihren Lieblingstrick?

Sonny Kittel: Der Übersteiger. Weil er auch am effektivsten ist. Ich gucke mir immer gerne Tricks von den Topspielern an. Früher viel von Ronaldinho oder Cristiano Ronaldo. Heute vor allem von Kevin De Bruyne. Er ist einfach brutal effektiv. Ihn schaue ich mir sehr häufig auf YouTube an.

Haben Sie sich Ihr Lupfer-Tor gegen Fürth auch noch einmal auf Video angeschaut?

Sonny Kittel: Ja klar (lacht). Aber nicht nur auf YouTube. Unser Videoanalyst schickt uns immer die Szenen. Da geht es natürlich auch um Fehler und Verbesserungen.

Wie viel Hacke ist bei Dieter Hecking erlaubt? Wir erinnern uns an einen Hacken-Doppelpass mit Adrian Fein beim Spiel in Nürnberg.

Sonny Kittel: Mit Adri kann man das auch gut machen (lacht). Dieter Hecking gibt uns schon Freiraum. Wir dürfen vorne kreativ sein, er schränkt uns nicht ein. Wenn ich aber beim Stand von 0:0 am eigenen Strafraum die Hacke benutze, würde es sicher einen Einlauf geben. Der Trainer legt viel Wert auf Disziplin. Er hat eine gute Mischung aus Lockerheit und Strenge. Wenn die Bälle nicht so kommen, wie sie sollen, kann er sehr streng werden.

Man hat heute oft das Gefühl, dass den Spielern die Kreativität aberzogen wird.

Sonny Kittel: Das sehe ich anders. Schauen Sie sich Jadon Sancho an. Der ist 18, spielt aber wie ein 28-Jähriger. Er trifft immer die richtige Entscheidung, benutzt auch gerne mal die Hacke. Richtig ist, dass man mit den Jahren seine Spielweise verändert, umso höher du spielst. Wenn Tricks auf dem Niveau in die Hose gehen, bekommst du Probleme. Trotzdem will ich auch einfach auf dem Platz Spaß haben. Solche Aktionen kommen bei mir von allein. Da bin ich ein Instinktfußballer. Mein Bruder übrigens auch.

Der spielt jetzt bei Ihrem Heimatverein, richtig?

Sonny Kittel: Er spielt beim FC Gießen in der Regionalliga. Zu meiner Zeit hieß der Club noch VfB Gießen. Ich war gerade dort und habe ein Spiel von meinem Bruder gesehen. Vergangene Woche hat er einen Test gegen Eintracht Frankfurt gewonnen. Er ist gerade aus der Jugend raus und braucht noch ein bisschen Zeit. Ab und an ist er in Hamburg. Neulich beim Derby gegen St. Pauli war er da. Das war kein gutes Omen. Jetzt muss er erst mal zu Hause bleiben (lacht).

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann noch einmal mit Ihrem Bruder in Gießen zusammen zu spielen?

Sonny Kittel: Das wäre cool. Zum Ende meiner Karriere könnte ich mir das vorstellen. Warum nicht auch in Gießen.

Ist Gießen für Sie Ihre Heimat?

Sonny Kittel: Ich habe gerade erst mit meiner Freundin darüber gesprochen, dass Ingolstadt zu unserer Heimat geworden ist. Jetzt ist es Hamburg. Wenn wir dann wieder in Gießen sind, denken wir oft, dass das eines Tages wieder unser Mittelpunkt werden könnte. Ab und an fahre ich mal dort an der alten Schule vorbei. Da kommen Erinnerungen hoch. Wenn ich manchmal durch die Straßen fahre und die Bolzplätze sehe, denke ich immer, wie geil es gewesen wäre, wenn wir so einen auch gehabt hätten.

Gab es eigentlich mal die Option, für Polen zu spielen?

Sonny Kittel: Die gab es tatsächlich. Vor der WM 2018 in Russland gab es über meinen Berater Kontakt zum Co-Trainer der polnischen Nationalmannschaft. Ich wurde beobachtet, als ich in Ingolstadt eine gute Phase hatte. Gehört habe ich vom polnischen Verband persönlich aber nicht.

Könnten Sie es sich vorstellen?

Sonny Kittel: Vorstellen ja. Ich würde zumindest nicht Nein sagen. Ich will einfach kicken. Was dann kommt, das kommt.