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Hecking hätte St.-Pauli-Profi nach 35 Minuten Rot gegeben

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HSV-Trainer gönnt St. Pauli den Derbysieg nicht und kritisiert Schiedsrichter-Erklärung. Harnik überrascht mit Trotz-Analyse.

Die HSV-News am 17. September 2019, dem Tag nach der 0:2-Niederlage im Stadtderby beim FC St. Pauli:

  • Hecking hätte Diamantakos Rot gegeben
  • Mentale Vorbereitung auf Aue startet
  • HSV stellt eigenen "Sky"-Rekord ein
  • Vagnoman hat sich wohl festgespielt
  • Video-Warnung verpuffte
  • Hecking: "Ich gönne es St. Pauli nicht"
  • Jattas Sicht auf die Toraus-Frage
  • Harniks trotzige Derby-Analyse
  • Pyro-Show: Kittel reagiert gleichgültig

Hecking hätte Diamantakos Rot gegeben

Nach Ansicht von HSV-Trainer Dieter Hecking hätte der FC St. Pauli im Derby 55 Minuten in Unterzahl spielen müssen. „Diamantakos muss nach 35 Minuten vom Platz fliegen", monierte der Coach am Tag danach. Doch was war passiert? Der Stürmer aus Griechenland hatte schon in der 18. Minute die Gelbe Karte gesehen, weil er beim Torjubel nach dem 1:0 sein Trikot auszog. 17 Minuten später grätschte Diamantakos HSV-Verteidiger Tim Leibold ohne Not in Nähe der Eckfahne um. Nicht nur aus Sicht von Hecking ein "Gelb-würdiges" Vergehen, welches einen Platzverweis erfordert hätte: "Das Foul war eine klare Gelbe Karte“, klagte der 55-Jährige.

Offenbar suchte der HSV-Coach noch am Montagabend den Dialog mit dem Bremer Schiedsrichter Sven Jablonski und fragte nach, warum St. Pauli die Partie mit elf Mann beenden durfte. „Dann kriegt man solche Aussagen wie: in einem Derby könne man nach 35 Minuten keine Gelb-Rote geben", berichtete Hecking über das Gespräch. "Das ist doch aber egal. Was können wir dafür, dass Diamantakos sich vorher das Trikot auszieht?"

Letztlich räumte Hecking aber ein, dass die Szene nicht spielentscheidend gewesen sei. "Spielentscheidend war eher unser Abwehrverhalten beim 0:2."

Hecking richtet den Blick gen Aue

Mund abputzen und weitermachen – so könnte die Stimmungslage unter den HSV-Verantwortlichen und Spielern nach der 0:2-Niederlage beim FC St. Pauli beschrieben werden.

Dieter #Hecking schätzt ein: "Natürlich ärgert es uns sehr, dass wir das Spiel verloren haben", sagte Trainer Dieter Hecking am Vormittag danach noch einmal. "Wir dürfen die Dinge jetzt aber nicht zu kritisch sehen."

Nun gelte es bereits, den Blick auf das nächste Ligaspiel am Wochenende im Volksparkstadion gegen den FC Erzgebirge zu richten. "Der beste Weg, die Niederlage zu verarbeiten, ist es, gegen Aue am Sonntag ein gutes Spiel zu machen", sagte Hecking.

Ähnlich hatte sich unmittelbar nach Schlusspfiff auch schon Kapitän Aaron Hunt geäußert. "Das ist ein kleiner Rückschlag für die nächsten zwei, drei Tage, ganz klar", sagte der Routinier: "Aber Sonntag haben wir schon die nächste Chance. Da müssen wir es wieder besser machen."

Und Eigentorschütze Rick van Drongelen sagte: "Das dauert schon ein bisschen. Das ist aber nicht das Ende der Welt. Am Sonntag ist wieder ein Spiel. Wir können nicht zu lange darüber nachdenken, was heute passiert ist."

"Sky"-Rekord als kleines Trostpflaster

Schwacher Trost: Der HSV hat am Montag zu einem Allzeithoch für "Sky" gesorgt. Die Übertragung des Stadtderbys durch den Bezahlsender verfolgten 737.000 Zuschauer (2,3 Prozent Marktanteil).

Damit hat der HSV quasi seinen eigenen Rekord eingestellt – der bisherige Zweitliga-Topwert resultierte aus der Übertragung des Spiels beim 1. FC Köln in der Vorsaison (1:1/730.000 Zuschauer).

Der Derby-Wert machte unterdessen fast die Hälfte der Zweitliga-Übertragungen dieses Spieltags aus. Insgesamt verfolgten am Wochenende 1,61 Millionen Zuschauer bei "Sky" die Begegnungen im Unterhaus live.

Hat sich Vagnoman festgespielt?

Lange hatte Dieter Hecking über die Ersatzlösung für den verletzten Rechtsverteidiger Jan Gyamerah gegrübelt, sich letztendlich dann für Josha Vagnoman entschieden.

"Das war für mich die beste Wahl, weil ich wusste, dass Christian Conteh spielen würde", sagte Hecking am Dienstag. "Die anderen Kandidaten hatten nicht die gleiche Endgeschwindigkeit wie Vagnoman."

Die ersten 20 Minuten habe er sich zurechtfinden müssen, den "quicklebendigen" Gegenspieler Conteh dann aber "weitgehend" aus dem Spiel genommen und später auch mehrere gute Flanken geschlagen.

"Du brauchst aber auch Mitspieler, die auf Sendung sind. Das war Khaled (Narey/d.Red.) gestern leider nicht, der war nicht so gut wie gegen Hannover." Dabei hätte Youngster Vagnoman den erfahrenen Narey als Orientierung gut gebrauchen können.

"Einem 18-Jährigen muss man in seinem ersten großen Derby zugestehen, dass noch nicht alles rund läuft", sagte Hecking über Vagnoman, der sich auch gegen Aue Hoffnungen auf die Startelf machen darf. "Ich würde heute dazu tendieren, ihn wieder spielen zu lassen", sagte Hecking.

"Kicker" bestraft HSV-Quartett um Vagnoman

Der "Kicker" indes lässt im Gegensatz zu Hecking kaum ein gutes Haar an Vagnoman. Zumindest gehört der deutsche U-20-Nationalspieler zu einem HSV-Quartett, das von dem Fachmagazin jeweils mit der Note 5,0 bewertet wurde.

Ähnlich schlecht wie Vagnoman sahen die Notengeber Bakery Jatta, Lukas Hinterseer und Khaled Narey. Eigentorschütze Rick van Drongelen hingegen kam mit einer 4,0 noch relativ gnädig davon.

Für Torhüter Daniel Heuer Fernandes und Mittelfeldmotor Adrian Fein reichte es trotz der Niederlage sogar noch für eine 2,0. Tim Leibold darf sich über eine 3,0 freuen. Außerdem benotet: Kittel (4,5), Jung (4,0), Hunt (4,0) und Kinsombi (3,5).

Hecking hatte vor St. Paulis Freistoß gewarnt

Dass mancher Beobachter bei den HSV-Profis die Leidenschaft vermisst habe, will Dieter Hecking so nicht nachempfinden. Dieser Eindruck sei "spieltaktisch bedingt", sagte der Trainer am Dienstag.

"Gideon Jung, Rick van Drongelen oder Adrian Fein waren alle da", sagte Hecking. Lediglich die Angriffsreihe mit Khaled Narey, Lukas Hinterseer und Bakery Jatta habe einen schweren Stand gehabt: "Da haben wir die Bälle nicht so fest gemacht."

Auch David Kinsombi und Sonny Kittel seien längst nicht so im Spiel gewesen wie zuletzt. "Das macht sich auch bei eigenem Ballbesitz negativ bemerkbar. Erst nach einer halben Stunde wurde es besser, als wir die Tiefe gefunden hatten", analysierte Hecking.

"Ich fand, dass wir eine sehr gute Körpersprache hatten", sagte der Coach. "Nach 30 Minuten war wieder alles zu sehen, was uns bislang ausgezeichnet hat. Nur musst du in der 62. Minute wach sein", sagte Hecking mit Blick auf St. Paulis zweiten Treffer, der ihn besonders wurmte.

Schließlich hatte er seine Spielern vor dem Spiel per Video vor eben jener Freistoß-Variante der Kiezkicker gewarnt. "Gegen Greuther Fürth war es ein ähnlicher Freistoß", monierte Hecking: "Wir wussten, dass so eine Situation kommen kann."

Einige Spieler hätten ihre angedachte Position in der Mitte aber nicht gefunden. St. Paulis Marvin Knoll, der auf Pass von Mats Möller Daehli schließlich das Eigentor durch van Drongelen provozierte, habe einen "klaren Gegenspieler" gehabt.

In den vergangenen Spielen sei St. Pauli immer wieder nach 70 Minuten "weggekippt". Deshalb habe er eigentlich darauf gesetzt, dass seine Spieler am Ende "mehr Körner" hätten als der Gegner. "Aber mit dem 2:0 und der Stimmung hat St. Pauli die zweite Luft gekriegt."

Hecking: "Die Umsetzung hat mich überrascht"

Auch mit der Anfangsphase war Hecking nicht einverstanden. "Die Umsetzung hat mich überrascht, weil wir es anders besprochen hatten", sagte er über die taktische Marschroute.

"Wir wussten, dass St. Pauli genau mit dieser Mittelfeldkonstellation und Positionswechseln spielen werden, wo Möller Daehli immer mal wieder tief geht und Becker und Knoll die Sechser-Positionen tauschen."

Diese habe man anders angehen und mit drei Stürmern die Viererkette anlaufen wollen. "Wir wollten aus den Räumen spielen, sind dann gegen den Ball aber zu häufig im 4-4-2 unterwegs gewesen."

Dann hätten Kittel und Hinterseer versucht, gegen vier Mann anzulaufen, "das hat nicht funktioniert". In den ersten Minuten habe sich die Mannschaft noch an die Vorgabe gehalten.

"Dann haben wir aus irgendwelchen Gründen geglaubt, wir müssten es umstellen auf dem Platz", sagte Hecking: "Das wollten wir von außen korrigieren, sind dann aber nicht rangekommen, auch weil es zu laut war."

Zudem habe es keine Phase gegeben, wo er einen Spieler mal hätte zu sich beordern können.

Hecking: "Ich gönne es St. Pauli nicht"

Bei aller nüchternen Analyse ließ Hecking am Tag nach der Niederlage aber auch noch einmal ein paar Emotionen an sich heran. "Ich gönne es St. Pauli nicht, dass sie feiern dürfen, aber sollen sie jetzt machen", sagte der erfahrene Trainer.

"Das haben sie sich aufgrund des guten Spiel auch irgendwo ein Stück weit verdient. Aber in einem halben Jahr würden wir es gerne wieder umdrehen", sagte er mit Blick an das Rückspiel Ende Februar.

Und weiter: "So eine Derby-Niederlage willst du als Trainer nicht. Aber es bringt mir jetzt überhaupt nichts, mich noch lange zu grämen. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass der Fans es anders sieht."

Seine Aufgabe sei es nun, den Blick wieder nach vorne zu richten. "Ich drehe nicht durch, wenn wir nach fünf Spielen 13 Punkte haben und ich drehe nicht durch, wenn wir jetzt mal zwei, drei Spiele – was wir nicht hoffen – nicht so erfolgreich sind."

Hecking: "HSV wie ein Tanker auf der Ostsee"

Insgesamt sei er mit der Entwicklung noch immer zufrieden, betonte Hecking – und bemühte dabei ein spezielles Bild. Der Mannschaft habe er am Morgen nach dem Spiel gesagt, der HSV sei "wie ein Tanker, dem auf der Ostsee der Untergang drohte".

"Den haben wir jetzt erst einmal in die Waagerechte gebracht. Er ist wieder auf dem Wasser. Gestern mussten wir den Motor wieder etwas zurückschrauben, aber wir bringen ihn wieder ans Laufen."

Die Bilder des Stadtderbys:

Jattas Sicht auf den Hinterseer-Treffer

Auch, wenn die Kiez-Pleite beim HSV nüchtern analysiert wird, gibt es dennoch eine Szene mit eindeutigem Aufreger-Potenzial: Der aberkannte Treffer von Lukas Hinterseer zum vermeintlichen Ausgleich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte.

Vor allem Dieter Hecking stieß die Entscheidung durch Schiedsrichter Sven Jablonski (Bremen) sauer auf. "Wozu brauchen wir den Videobeweis, wenn auf der wichtigsten Linie keine Kamera ist? Dann bringt der ganze Videobeweis nichts", sagte der 55-Jährige bei "Sky".

Bakery Jatta hatte sich in der Vorbereitung den Ball auf dem linken Flügel etwas weit vorgelegt und dann wohl Zentimeter hinter der Grundlinie zum Hinterseer ins Zentrum geflankt.

Nachdem der Ball im Netz war, hob der Assistent auf der Gegenseite die Fahne. Trotz Einsatz des Videobeweises konnte diese Entscheidung nicht zweifelsfrei belegt werden, da auf Höhe der Torauslinie bei Zweitligaspielen keine Kamera positioniert ist.

"Ich ziehe den Hut vor dem Linienrichter, wenn er das aus 40 bis 50 Metern erkannt haben will", sagte Hecking. "Ihm mache ich da keinen Vorwurf, der geht an eine andere Stelle."

Während selbst St. Paulis Marvin Knoll zugab, dass die Entscheidung "glücklich für uns" ausgefallen sei, gab es auch von den HSV-Profis ehrliche Aussagen.

"Das kann ich nicht beurteilen. Ich war zu weit weg", äußerte sich etwa Sonny Kittel auf die Frage, ob der Ball vor Hinterseers Treffer bereits im Aus gewesen sei.

Dafür rezitierte Kittel den Passgeber Jatta: "Baka sagt, der Ball war nicht komplett im Aus". Und weiter: "Ich weiß es nicht. Dafür haben wir den Videoassistenten. Wenn die entschieden haben, dass der Ball im Aus war, dann war das so. Daran lag es heute auch nicht."

Dieser Meinung schloss sich letztendlich auch Hecking an. "Das war glaube ich nicht spielentscheidend", sagte der Trainer zum nicht gegebenen Treffer: "Wir hatten genügend Chancen, ein Tor zu machen."

Harnik überrascht mit Derby-Analyse

War die Niederlage denn jetzt verdient oder nicht? Während Dieter Hecking ("Am Ende war es ein verdienter Sieg für St. Pauli"), Aaron Hunt ("Wir haben keinen richtigen Druck auf Paulis Spielaufbau bekommen. Wir haben nicht unverdient verloren") oder auch Rick van Drongelen ("Die Abläufe waren nicht gut, zu statisch") die Schuld bei sich suchten, ließ Martin Harnik mit einer eher exklusiven Analyse aufhorchen.

"Ich finde, dass die bessere Mannschaft verloren hat", urteilte der Neuzugang, dem 13 Minuten nach seiner Einwechslung ein Treffer zum möglichen 1:2 wegen Abseits aberkannt worden war (79.). "Wir waren über weiter Strecken die bessere Mannschaft", sagte Harnik, "wir haben es einfach verpasst, das Tor zu machen."

Anfangs sei von beiden Mannschaften "relativ wenig" gekommen. "Nach dem 0:1 sind wir aber aufgewacht und haben gedrückt und gedrückt", sagte der 32 Jahre alte Stürmer nach seinem Pflichtspiel-Debüt für den HSV.

"Selbst nach dem 2:0, was die einzigen beiden richtigen Chancen von St. Pauli waren, bis dann hinten raus die Konter kamen, haben wir hier nichts anbrennen lassen. Wir haben teilweise gut nach vorne kombiniert."

Er und seine Kollegen müssten deshalb zwar nicht die Köpfe hängen lassen, befand Harnik. "Wir sind alle enttäuscht, aber die Niederlage war meiner Meinung nicht verdient."

Pyro-Show: Kittel reagiert indifferent

Da wird wohl die nächste Pyro-Strafe fällig: Vor Beginn der zweiten Halbzeit wurde am Montagabend auf beiden Seiten erstmals gezündelt, wodurch sich der Wiederanpfiff um ein paar Minuten verzögerte.

Kurz vor dem Abpfiff legten die frustrierten HSV-Anhänger dann noch mal richtig nach. Schiedsrichter Sven Jablonski tat in diesem Moment das einzig Richtige: Er beendete das Spiel, bevor es offiziell zu Ende war. Rund 30 Sekunden waren da noch zu spielen.

Ein Nachspiel werden diese Szenen aber auf jeden Fall haben. Beide Clubs sind vorbestraft, dürften erneut hohe Geldstrafen vom DFB kassieren. Nach dem letzten Derby verdonnerte das Sportgericht den HSV zu 150.000 Euro, St. Pauli musste 100.000 Euro berappen.

Sonny Kittel reagierte auf die neueste Pyro-Show auf Nachfrage indes eher nonchalant. "Das gehört glaube ich zu einem Derby dazu", sagte der HSV-Profi: "Dem einen gefällt's, dem anderen nicht. Das ist halt so."