HSV an Tabellenspitze

Siegtorschütze Hinterseer muss jetzt einen ausgeben

Ehemaliger Bochumer trifft zum Sieg gegen seinen Ex-Club. HSV ist vorerst Tabellenführer, doch Trainer Hecking übt Kritik.

Hamburg. Lukas Hinterseer riss nach dem Schlusspfiff die Arme hoch und jubelte erleichtert. Der direkte Weg führte ihn dann aber zu seinen ehemaligen Mitspielern des VfL Bochum. Einen nach dem anderen nahm der HSV-Stürmer in den Arm. Es hatte beinahe den Anschein, als wolle er sich bei seinem Ex-Club dafür entschuldigen, dass er am Freitagabend mit seinem ersten HSV-Ligator für den 1:0-Sieg gesorgt hatte.

Vor allem aber gratulierte Hinterseer dem VfL zu einer sehr guten Leistung, die am Ende aber nicht reichen sollte. Das Tor des Neuzugangs war das einzige in einem Spiel, das für die Hamburger nicht gerade gut begann, aber umso schöner endete. Nach 175 Tagen ist der HSV wieder Tabellenführer – zumindest für eine Nacht. Für Trainer Dieter Hecking ist es sogar die erste Tabellenführung seit 4879 Tagen, damals mit Alemannia Aachen.

Gyamerah: Hinterseer muss einen ausgeben

„Ich hatte nur diese eine Chance im Spiel und habe sie zum Glück genutzt“, sagte Hinterseer nach dem Spiel. „Es war nicht unser bestes Spiel, aber wir haben verdient gewonnen.“ Auch der andere ehemalige Bochumer Jan Gyamerah freute sich nicht nur über den Sprung an die Spitze, sondern vor allem auch für den Mann des Tages. „Jetzt muss Lukas aber auch einen ausgeben“, sagte der Rechtsverteidiger, der wie Hinterseer seinen ersten Heimsieg mit dem HSV erlebte. „Die Stimmung war unglaublich.“

Trainer Hecking hatte fünf Tage nach dem Pokalspiel in Chemnitz auf dieselbe Startelf vertraut. Auch Bakery Jatta durfte erneut von Beginn an ran. „Einer von uns“, sagte Stadionsprecher Dirk Böge, als er vor dem Spiel Jattas Namen vorlas. Am Donnerstag hatte der Gambier noch vor dem DFB-Kontrollausschuss Fragen zu seiner Identität beantworten müssen. Eine Terminierung, die Hecking nicht gerade erfreut hatte.

Und tatsächlich wirkte der Flügelstürmer in der Anfangsphase ungewohnt fahrig. Genauso wie der ganze HSV. In Abwesenheit von Kahled Narey, dessen Frau Samira kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes stand, taten sich die Hamburger gegen gut formierte Bochumer extrem schwer. Hinzu gesellten sich immer wieder kleinere technische Fehler. So wie in der zehnten Minute, als Gideon Jung gegen Sebastian Maier den Ball verlor und Silvere Ganvoula eine gute Schussposition ermöglichte. Im letzten Moment aber klärte Kapitän Rick van Drongelen mit einer spektakulären Grätsche.

Van der Vaart sprach von langweiligem Spiel

Der HSV brauchte fast eine halbe Stunde lang, um sich dem Bochumer Tor anzunähern und den ersten Schuss abzugeben: Linksverteidiger Tim Leibold zog aus dem Rückraum einfach mal ab. VfL-Torhüter Manuel Riemann konnte nur nach vorne abwehren. Den Nachschuss von Jeremy Dudziak parierte er dann aber glänzend (29.). Mehr war von den Hamburgern offensiv nicht zu sehen.

„Bochum hat uns das Leben in der ersten Halbzeit sehr schwer gemacht. Wir haben uns das Leben aber auch sehr schwer gemacht“, sagte Hecking. „Du musst zu Hause mehr Bewegung haben, mehr Tempowechsel. Das war viel zu wenig und hat mich geärgert. Heute gibt es mehr zu kritisieren als zu loben“

Der ehemalige HSV-Star Rafael van der Vaart sprach in der Pause von einem „langweiligen Spiel“. Der Niederländer war einer von 41.737 Zuschauern im vergleichsweise mäßig besuchten Volksparkstadion. Im vergangenen Oktober kamen noch 52.000 Zuschauer in die Arena, um das 0:0 gegen Bochum zu sehen. „Ich glaube, dass es heute aber noch 2:0 ausgeht“, sagte van der Vaart.

Sein Gefühl sollte sich als ein gutes herausstellen. Zwar startete der HSV auch im zweiten Durchgang mit Problemen, doch nach 60 Minuten sollte Hinterseer den Volkspark erlösen. Nach einem Doppelpass zwischen Jatta und Leibold legte der ehemalige Nürnberger maßgenau in den Rückraum auf den ehemaligen Bochumer. Mit links zielte Hinterseer in das linke obere Toreck.

Bochum-Coach Dutt schimpft wie ein Rohrspatz

Die Führung wirkte wie eine Befreiung für den HSV. Weil die Bochumer nun auch mehr in der Offensive investieren mussten, ergaben sich endlich Räume für Heckings Elf. Viel zu selten wusste der HSV damit aber etwas anzufangen. Viel zu selten suchten Jatta und Co. den direkten Weg zum Tor. Und so wurde es bis zur letzten Minute ein Zitterspiel. Auch weil der HSV aus 14:0 Ecken kein Kapital schlagen konnte. "In der Zweiten Liga laufen nicht nur Blinde rum", fasste Adrian Fein die Gründe für den harten erkämpften Sieg kurz und knapp zusammen.

Schiedsrichter Christian Dingert ließ den gesamten HSV schließlich mit seinem Schlusspfiff um 20.22 Uhr jubeln. Nur Bochums Trainer Robin Dutt war bedient, als er noch auf dem Platz die Gelbe Karte sah. „Ich musste in 20 Jahren noch nie auf die Tribüne. Ich verliere den Respekt vor der Autorität. So macht Fußball keinen Spaß mehr“, schimpfte der VfL-Trainer.

Hecking konnte es egal sein. Sein HSV ist nach einem halben Jahr wieder Tabellenführer. Und im Gegensatz zur vergangenen Saison will der HSV bis zum 34. Spieltag an der Spitze bleiben.

Die Statistik

HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah (88. Vagnoman), Gideon Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Dudziak, Kinsombi (66. Moritz) - Jatta, Hinterseer, Kittel (80. Samperio). - Trainer: Hecking

Bochum: Riemann - Lorenz, Decarli, Bella Kotchap - Lee (75. Osei-Tutu), Losilla, Janelt (68. Bapoh), Soares - Sebastian Maier, Weilandt (54. Blum) - Ganvoula. - Trainer: Dutt

Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)

Tor: 1:0 Hinterseer (60.)

Zuschauer: 41.737

Gelbe Karten: Jatta – Lorenz

Torschüsse: 14:7

Ecken: 14:0