HSV-Trainingslager

Boldts Weg zum HSV – „durch Praktika in den 'inner circle'"

Der neue Sportchef des HSV, Jonas Boldt, im Interview.

Der neue Sportchef des HSV, Jonas Boldt, im Interview.

Foto: Axel Heimken / dpa

Der neue Sportvorstand über die Gesprächskultur beim HSV, Kaffee mit Uwe und seine Zeit bei Bayer und Bayern.

Hamburg.  Stille Wasser sind tief? Hamburgs neuer Sportvorstand Jonas Boldt (37) bestellt jedenfalls in der Lobby des HSV-Hotels „Das Tirol“ eine Flasche Wasser ohne Sprudel – und signalisiert Plauderlaune. „Dann mal los“, sagt er und spannt seinen Körper.

Herr Boldt, macht sich Uwe Seeler Sorgen?

Jonas Boldt (lacht) Ich denke nicht. Bei unserem Treffen hatte ich jedenfalls nicht den Eindruck.

Warum war es Ihnen so wichtig, schnell nach Ihrer Unterschrift beim HSV Uwe Seeler zu treffen?

Ich möchte alle im Verein abholen. Im Fall von Uwe war das leicht, weil ich ihn ja schon durch den Transfer seines Enkels Levin Öztunali nach Leverkusen kannte. Wir haben uns einfach in Norderstedt auf einen Kaffee getroffen und ein bisschen geplaudert. Mir hat das großen Spaß gemacht.

Sind die 83er, die oft die größten Kritiker des HSV sind, die nächsten?

Ich arbeite keine Liste ab. Aber tatsächlich hatte ich bereits versucht, mich mit Horst Hrubesch zu treffen. Das hat aber durch seinen Urlaub und die Frauenfußball-WM noch nicht geklappt. Aber ich freue mich drauf. Ich möchte so viel wie möglich über das Innenleben des HSV wissen. Bis vor Kurzem hatte ich ja nur eine Außenansicht.

Wurde beim HSV zuletzt zu wenig miteinander gesprochen?

Vielleicht. Ein mögliches Beispiel für diese These ist Michael Schröder, den ich schon lange kenne und schätze. Wir haben uns früher oft als Scouts auf irgendwelchen Fußballplätzen dieser Welt getroffen. Er war zuletzt außen vor beim HSV – und wusste selbst nicht so richtig, warum. Wir haben uns dann lange ausgetauscht. Und natürlich kann ein so erfahrener Mann wie Michael Schröder wichtig für uns sein. Jeder kann das, solange man sich in das Team einzuordnen weiß.

Sie sind erst seit sechs Wochen beim HSV. Hat Sie etwas überrascht?

Nicht wirklich. Von außen aus betrachtet war der HSV einfach ziemlich am Boden. Und wenn man den Club dann von innen kennenlernt, dann kann man nach und nach Zusammenhänge erkennen und merkt, warum es nicht gelaufen ist.

Und? Warum nicht?

Mein Eindruck: Durch die jahrelangen Misserfolge haben irgendwann zu viele zu sehr nur noch auf sich geschaut. Das ist schlecht. Gut ist dagegen, dass ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass viele schnell wieder bereit waren, nach vorne zu schauen Die Bereitschaft, jetzt noch durchzustarten, ist da.

Sie sind der achte HSV-Sportchef in den vergangen acht Jahren. Einen Neustart gab es schon häufig.

Das stimmt. Doch ich habe mich bewusst darauf eingelassen. Ich weiß, dass wir schnell liefern müssen. Deswegen war es für mich auch kein Problem, nur für zwei Jahre zu unterschreiben und trotz der Kurzfristigkeit langfristig zu denken.

Das war in der Vergangenheit oft anders.

Ganz ehrlich: Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, wenn man in diesem gut bezahlten Geschäft einen befristeten Vertrag unterschreibt und anschließend auf einen unbefristeten Vertrag pocht. Das Risiko der Branche sollte jedem vorher bewusst sein.

Der HSV war ein oft gesehener Gast beim Arbeitsgericht.

Das habe ich schon mitbekommen. Und das muss sich definitiv ändern. Wenn es, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr passt, dann muss man offen über eine faire Lösung für beide Parteien sprechen – und eben nicht einen Vertrag zu vollen Bezügen einfach so weiterlaufen lassen.

Der HSV hat in der vergangenen Saison vier Trainerteams gleichzeitig bezahlt.

Das ist suboptimal. Deswegen haben wir mit unseren Co-Trainern der vergangenen Saison, für die es in dieser Konstellation nicht mehr weitergegangen ist, Gespräche aufgenommen und haben zum Teil bereits eine Lösung gefunden.

Und Trainer Hannes Wolf? Und Kaderplaner Johannes Spors? Und? Und? Und?

Die Liste war deutlich länger. Aber hier haben wir bereits vieles geklärt und versuchen die letzten Baustellen auch sauber zu lösen. Auch dafür muss man aber miteinander reden.

Sie haben BWL mit Schwerpunkt Sportmanagement studiert. War der Berufswunsch Fußballmanager immer klar?

Das war der Wunschtraum. Aber ich habe ganz bewusst BWL studiert, weil mir klar war, dass es unwahrscheinlich war, dass der Traum als Nichtprofi in Erfüllung gehen könnte.

Haben Sie während des Studiums bereits versucht, einen Fuß in die Tür zum Profifußball zu bekommen?

Klar. Wie jeder andere Student habe auch ich versucht, durch Praktika in den Innercircle vorzustoßen. Bei Bayer Leverkusen durfte ich schon vor dem Studium für drei Monate in den Verein reinschnuppern. Das hat anscheinend gut geklappt, sodass ich während des Studiums nebenbei für den Club als eine Art studentische Hilfskraft arbeiten konnte. Auch bei Bayern München war ich während des Studiums für zwei Monate. Das waren natürlich überragende Einblicke.

Kaffee kochen und E-Mails ausdrucken für Uli Hoeneß?

Ich war tatsächlich ein klassischer Praktikant, der mehrere Abteilungen durchlaufen sollte. 2005 war das – und kurioserweise bin ich direkt an meinem ersten Praktikantentag deutscher Meister geworden (lacht). Ich fing gegen Ende der Rückrunde an – und die Bayern sicherten sich genau an diesem Tag vorzeitig die Meisterschaft. Als Praktikant durfte ich dann die erste Woche stumpf kleine Präsente für alle einpacken, ehe ich durch Zufall den damaligen Chefscout Wolfgang Dremmler getroffen habe. Für ihn sollte ich zunächst alle Confed-Cup-Spiele auf Videokassetten aufnehmen. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, ob es nicht cleverer wäre, die Spiele auf DVD oder Festplatte zu speichern.

Und plötzlich hatten Sie einen Fuß in der Scoutingabteilung der Bayern drin?

Eine Zehenspitze. Nach zwei Monaten haben die Bayern tatsächlich gefragt, ob ich nicht länger bleiben könnte. Konnte ich aber nicht, weil ich bei Leverkusen im Anschluss schon im Wort stand. Aber ich konnte dann immerhin sagen, dass ich schon mal bei den Bayern im Scouting reinschnuppern durfte. Das hat Eindruck gemacht.

Haben Sie Ihr Studium trotzdem beendet?

Klar. In meiner Diplomarbeit habe ich einen Vergleich über Personalrecruiting in Wirtschaft und im Sport angestellt.

Ihre Note?

Puh. Da hat später noch nie jemand nach gefragt. 1,9, glaube ich.

Haben Sie Energie in die Heidelberger Studentennächte gesteckt?

Selbstverständlich gehört auch das dazu. Mit Namen wie dem „Zieglers“, dem „Fischers“ und dem „Zum Mohren“ kann ich jedenfalls was anfangen. Die ganze Untere Straße in Heidelberg war für uns Studenten sicherlich eine willkommene Ablenkung.

Doch irgendwann ist das Studentenleben vorbei …

Das war auch gut so. Denn ich wollte weiterkommen. Weil es bei Bayer zu der Zeit keinen festen Job gab, habe ich mich entschieden, für ein paar Wochen nach Südamerika zu gehen, um die Sprache zu lernen. Als die Leverkusener in Person von Michael Reschke das hörten, machte er den Vorschlag, dass ich doch vor Ort scouten könnte. Ich bekam mit etwa 1000 Euro ein kleines Einstiegsgehalt – und durfte hin und her durch Südamerika reisen.

Aus sechs Wochen wurden sechs Monate – und unter dem Strich stand Arturo Vidal, den Sie damals für Bayer entdeckt haben ...

Ja, er ist ein fantastischer Spieler. Und wir haben ihn dann geholt. In seinem ersten Bundesligaspiel hat er übrigens gegen den HSV gespielt – als Linksverteidiger gegen Romeo Castelen. Der war pfeilschnell und ist Arturo immer davongelaufen. Castelen hat das beste Spiel seines Lebens gemacht – und Vidal wahrscheinlich sein schlechtestes. Aber letztendlich war die Verpflichtung von ihm eine Erfolgsgeschichte.

Wie verschafft man sich als Quereinsteiger bei so einem Fußball-Dinosaurier wie Rudi Völler Respekt?

Er hat es mir einfach gemacht. Rudi ist wahrscheinlich auch deswegen so beliebt, weil er extrem nahbar und authentisch ist. Wir sind komplett andere Generationen, sehen viele Dinge aber ähnlich und haben uns gut ergänzt. Mit ihm konnte man sich auch streiten. Zwischendurch gab es sogar mal richtige Reibereien – und trotzdem ist der Kontakt zwischen uns bis heute richtig gut.

In Leverkusen konnten Sie sich auf den Sport konzentrieren, in Hamburg spricht nun jeder darüber, ob es richtig oder falsch ist, auf die Stadionuhr und „Hamburg, meine Perle“ zu verzichten.

Es gehört zu so einem Club wie dem HSV dazu, dass über alle möglichen Themen diskutiert wird. Und ganz ehrlich: Das waren ja auch keine einfache Entscheidungen. Man muss beim HSV nur dahin kommen, nicht immer nur über die tolle Vergangenheit zu sprechen, sondern in die Zukunft zu schauen. Und was Lotto angeht: Das Außergewöhnliche in Hamburg ist doch, dass der HSV so viele besondere Stadionsongs hat. Da kann kein Bundesligaclub mithalten.

Nämlich?

„Hamburg, meine Perle“ kenne ich schon aus den Studentenkneipen in Heidelberg. Ich finde auch „Mein Hamburg lieb ich sehr“ richtig gut. „Forever HSV“ ist melodisch nicht unbedingt schön, ist aber ein extremer Ohrwurm, den jeder kennt. Und mit den Hamburger Goldkehlchen habe ich ja meine eigene Story.

Bei Hymnen kennen Sie sich aus …

Da bin ich mittlerweile wirklich ein kleiner Experte. Meine Freunde haben bei gemeinsamen Treffen irgendwann angefangen, immer die Hymne des Clubs zu singen, bei dem ich medial gerade im Gespräch war.

Und was wurde da zum Besten gegeben?

Das Schalker „Steigerlied“ wurde gesungen. Auch Hannovers „Alte Liebe“ und eine Hymne eines ausländischen Clubs, der medial keine Rolle spielte. Aber am Ende bin ich auch musikalisch ganz froh, dass meine Freunde jetzt die Qual der Wahl haben. Die Musik stimmt schon mal – wir sollten aber den Fokus auf dem Sport lassen, damit wir am Ende der Saison einen Grund zum Singen haben.