HSV-Trainer im Interview

Dieter Hecking: "Auf dem Schulhof war ich Kevin Keegan"

Die Familie von HSV-Trainer Dieter Hecking, hier vor der Buseinfahrt des Stadions, lebt noch in Bad Nenndorf (Niedersachsen).

Die Familie von HSV-Trainer Dieter Hecking, hier vor der Buseinfahrt des Stadions, lebt noch in Bad Nenndorf (Niedersachsen).

Foto: Mark Sandten / HA

Der neue HSV-Trainer über den Umgang mit den Profis, die Arbeit als Polizist, ein Elbtunnel-Gleichnis und Kontakt zu Hamburgs Ultras.

Hamburg. Dieter Hecking redet nicht lange herum. „30 Minuten“, sagt der neue HSV-Trainer, als er am Tisch in einer Stadionloge Platz nimmt. Am Ende werden es 45 Minuten, in denen sich der Fußballlehrer weniger mit 4-3-3 oder Pressing beschäftigt, sondern mit Erziehungsfragen, Küchengesprächen und den Gründen, warum er ungern über seine Vergangenheit bei der Polizei spricht.

Herr Hecking, Sie haben fünf Kinder im Alter zwischen 17 und 33 Jahren. Was ist schwieriger zu managen: Eine Großfamilie oder ein Fußballteam?

Dieter Hecking Die Frage ist ja eher, wer was zu managen hat. Und in meinem Fall managt meine Frau unsere Familie. Nur so habe ich genug Zeit, um mich auf den sehr zeitintensiven Job des Fußballtrainers zu konzentrieren. Durch meinen Job habe ich immer eine Art Wochenendbeziehung zur Familie gepflegt. In Nürnberg, in Aachen und auch zuletzt in Gladbach. Nur in Hannover und in Wolfsburg war ich Heimschläfer.

Haben Sie diese Ausnahmen genossen?

Klar. Wenn man abends zuhause ist, bekommt man ja auch einen anderen Bezug zu den alltäglichen Dingen einer Familie. In einer Fernbeziehung fallen natürlich viele gerade emotionale Dinge weg, wenn man sich abends eine Viertelstunde lang am Telefon auf den Stand bringt.

Hatten Sie nie das Gefühl, dass Sie irgendetwas Wichtiges verpasst haben?

Doch, sicher. Familienurlaub gab es bei uns zum Beispiel nur im Winter. In all den Jahren hatten wir im Sommer maximal zweimal für zehn Tage gemeinsam Urlaub. Als ich Trainer in Lübeck war, hat die Familie Ostseeurlaub gemacht. Das war dann praktisch.

Und sonst? Die ersten Schritte...

Natürlich verpasst man Dinge. Ich habe zum Beispiel die Geburt meiner Zwillingssöhne verpasst, weil ich mit dem VfB Leipzig in Duisburg gespielt habe. Unterwegs habe ich dann meine Mutter angerufen, ob es im Krankenhaus was Neues gibt. Weil noch alles ruhig war, habe ich kurz noch was erledigt. Als ich dann nach Hause kam, stand meine Mutter im Türrahmen und sagte, dass ich jetzt sofort ins Krankenhaus müsste. Und da kam ich dann bei der Geburt von Aaron und Jonas zu spät. Das war bitter. Aber wenn ich es später einrichten konnte, habe ich versucht, bei allen wichtigen familiären Dingen dabei zu sein.

Es ist ja bekannt, dass Ihr Sohn Aaron großer HSV-Fan ist. Wie hat der Rest der Familie reagiert, als sich Ihr Wechsel nach Hamburg anbahnte?

Meine Kinder sind ja schon groß, für die ist es eigentlich gar nicht so relevant, wo ihr Papa arbeitet. Und diese Entscheidung habe ich ohnehin eher mit mir selbst ausgemacht. Natürlich habe ich mit meiner Frau über alles gesprochen. Aber meinen Kindern habe ich es dann irgendwann einfach mitgeteilt.

Und wie? Haben Sie eine Chat-Gruppe?

Wir haben zwar eine Familiengruppe, aber so eine Entscheidung überbringe ich dann schon persönlich.

Kann man die Erziehung von Kindern mit der Erziehung von Fußballern vergleichen?

Ja und nein. Sowohl die eigenen Kinder als auch die eigenen Fußballer brauchen natürlich auch mal den Zuspruch. Und natürlich möchte ich überall die Werte vermitteln, die mir wichtig sind: Ehrlichkeit, respektvoller Umgang, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit. Aber sowohl meine Kinder als auch meine Spieler sind ja unterschiedlich. Der eine braucht Streicheleinheiten, der andere den Tritt in den berühmten Allerwertesten.

Waren Sie ein strenger Vater?

Meine Frau ist eher der strenge Part. Ich konnte immer der verständnisvolle Papa sein, der zwischen den Parteien vermittelt (lacht). Wobei meiner Frau natürlich auch wichtig ist, dass ich in gewissen Situationen auf ihrer Seite bin.

Waren und sind Sie ein strenger Trainer?

Was heißt streng? Ich fordere viel, aber ich bin nicht wirklich streng. Das einzige, was ich nicht leiden kann, ist, wenn ein Spieler schlampig mit seinem Talent umgeht. Dann muss ich intervenieren. Jeder muss bereit sein, alles für diesen Job zu tun. Schließlich sind wir in unserem Job privilegiert – und das muss auch jedem klar sein. Fußballvereine haben eine Wohlfühloase als Umfeld geschaffen. Man darf nur nicht den Fehler machen, das für selbstverständlich zu halten.

Sind Sie 24 Stunden für Ihre Spieler da?

Wenn es irgendwo brennt, bin ich rund um die Uhr erreichbar. Grundsätzlich ist bei mir im Trainerbüro die Tür immer offen. Das ist tatsächlich so – und das ist für mich eine wichtige Symbolik. Und wenn dann einer mal reinkommt, dann wird auch ehrlich miteinander gesprochen. Ich mag kein Rumeiern.

Haben Sie ein Beispiel?

Beim Test gegen Meiendorf hat Josha Vagnoman nicht den besten Tag erwischt. In der Halbzeit habe ich dann ja die Mannschaften komplett getauscht, und er saß da mit hängendem Kopf. Ich bin direkt zu ihm hin, habe mit ihm geredet. Der Junge war natürlich geknickt, weil er im ersten Spiel mit einem neuen Trainer natürlich einen guten ersten Eindruck hinterlassen wollte. Ich habe ihm dann ganz ehrlich gesagt, dass ich weiß, dass er es besser kann. Aber ich habe ihm auch gesagt, dass er sich keinen Kopf machen soll. Manchmal hat man eben nicht seinen besten Tag.

Üben Sie Mannschaftsansprachen?

Ich lerne nichts auswendig, irgendwann verlässt man sich auf seine Intuition. Meistens liege ich damit auch ganz gut, manchmal aber auch nicht. Ich erinnere mich zum Beispiel an unser Spiel in der vergangenen Saison mit Gladbach in Stuttgart. Da stand es 0:0 zur Halbzeit, wir haben richtig schlecht gespielt und ich habe in der Halbzeitpause Druck gemacht. Danach kam mein Co-Trainer Dirk Bremser auf mich zu und meinte, dass ich es vielleicht ein wenig übertrieben hätte. Und er hatte recht. Zehn Minuten nach dem Seitenwechsel ist Stuttgart in Führung gegangen – und wir haben das Spiel verloren. In diesem Fall habe ich die falschen Worte benutzt.

Schreien Sie manchmal in der Kabine?

Ist vorgekommen, aber sehr selten.

Und zu Hause?

Nie. Das ist der falsche Ton.

Wissen Sie, was ein Babo ist?

Klären Sie mich auf.

Babo war vor ein paar Jahren das Jugendwort des Jahres und bedeutet Chef. Machen Sie sich nach 19 Jahren als Trainer manchmal Gedanken darüber, ob Sie noch die gleiche Sprache wie Ihre Spieler sprechen?

Überhaupt nicht. Ich will auch gar nicht die Kabinensprache sprechen. Die Jungs sollen da unter sich sein. Eine gewisse Distanz tut mir und der Mannschaft gut. Die Jungs sollen ihre eigenen Begrifflichkeiten haben, von denen ich nichts verstehe. Wichtig ist aber, dass die Jungs verstehen, was ich fußballspezifisch von ihnen will.

Wollen Sie jedes Detail über Ihre Spieler wissen?

Früher ja, heute nicht mehr. Natürlich spricht man auch über Hobbys, über die Partner, die Familie oder Ähnliches. Aber ich hinterfrage nicht mehr jedes Detail. Ich glaube, dass am allerwichtigsten in einer gesunden Trainer-Spieler-Beziehung ist, dass die Jungs Vertrauen spüren. Spieler brauchen Freiheiten, aber auch einen gewissen Rahmen.

Das kann ein schmaler Grat sein.

Klar. Bei früheren Clubs habe ich lustigerweise gerne den Elbtunnel als Beispiel genannt. Da gibt es auch ein paar Seitenausgänge. Dort kann jeder meiner Spieler einmal raus. Aber nicht häufiger. Und zwischen den vier Spuren, die es dort gibt, darf er hin- und herwechseln. Aber dann ist auch Schluss. Die Höhenkontrolle sollte lieber keiner auslösen.

Sonny Kittel hat begeistert davon berichtet, wie Sie ihn in Ihr Wohnzimmer in Bad Nenndorf eingeladen haben und Sie ihn dort von einem Wechsel zum HSV überzeugt haben. Machen Sie das immer so?

Nicht immer, aber wenn es sich anbietet, dann mache ich das sehr gerne. Das fängt schon mit den Gegebenheiten an: Bei mir zuhause macht keiner ein Handyfoto und sorgt dann in ganz Hamburg für Aufregung, weil ich mit Sonny Kittel einen Kaffee trinke. Auch die HSV-Delegation, die zu mir nach Hause kam und mich von einem Wechsel zum HSV überzeugte, hat keiner mitbekommen.

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Sind Freundschaften zu Spielern tabu?

Solange der Spieler noch aktiv ist, finde ich das schwierig. Natürlich kommt es vor, dass man zu dem einen oder anderen ein ganz besonderes Verhältnis entwickelt. Aber eine Freundschaft kann daraus eigentlich erst nach der aktiven Karriere werden.

Welcher frühere Spieler von Ihnen wurde zu einem Freund?

Zum Jan Schlaudraff habe ich noch eine sehr enge Bindung. Wir treffen uns auch privat – und mit unseren Frauen. Das fing damals in Aachen an, als er ein Angebot vom FC Bayern hatte. Wir saßen dann stundenlang in meiner Küche zusammen und haben die Pros und Kontras eines sofortigen Wechsels zu den Bayern abgewogen. Ich habe ihn am Ende überzeugt, dass er ein Jahr in Aachen bleibt, um noch Erfahrungen in der Bundesliga zu bekommen. Und nach einem Jahr ging er dann auch zu den Bayern.

Vor Ihrer Karriere im Profifußball waren Sie Polizist. Hat Ihnen diese Ausbildung auch als Trainer später geholfen?

Eigentlich mag ich es gar nicht so gerne, darüber zu sprechen. Mir wird da immer zu viel hineininterpretiert.

Wie meinen Sie das?

Ach, dann heißt es wieder: Der war früher Polizist, stand für Recht und Ordnung. Und jetzt steht er da an der Seitenlinie, wie so ein Polizist, und kann auch nicht lachen. So eine Pauschalisierung ärgert mich ein wenig, da ich wirklich größten Respekt vor Polizisten habe und mich diese Klischees immer nerven. Ich war wirklich mit Leib und Seele Polizist.

Sie waren sogar Polizist im mittleren Dienst mit dem letzten Dienstgrad Polizeimeister.

Stimmt. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich nach der zweieinhalbjährigen Ausbildung vor allem deswegen noch ein halbes Jahr bei der Polizei drangehängt habe, weil ich dadurch nicht mehr zur Bundeswehr musste. Bei drei Jahren konnte man sich das früher sparen. Und ich stand zu dem Zeitpunkt schon in Mönchengladbach unter Vertrag. Trotzdem habe ich die Zeit bei der Polizei sehr genossen. Ich mag es nur nicht, wenn man den Job des ach so strengen Polizisten mit dem Job des ach so strengen Trainers vergleicht. Der für mich einzig zulässige Vergleich: Auch die Polizei muss als Mannschaft agieren.

An was denken Sie dabei?

Man muss sich aufeinander verlassen können. Ich erinnere mich an eine Anti-Atomkraft-Demo in Brokdorf. Da war ich zwar nur Funker und stand nicht in der ersten Reihe. Aber das gönnt man ehrlicherweise auch niemandem. Da braucht man rechts und links gute Kollegen, die einem immer wieder sagen, dass man sich nicht provozieren lassen darf.

Sie waren beim letzten Bundesligaspiel des HSV als Gladbach-Trainer im Stadion, als kurz vor Schluss die Reiterstaffel auf den Rasen musste, um Ausschreitungen zu vermeiden. Haben Sie mit Ihren „Ex-Kollegen“ mitgefühlt?

Ich finde es einfach wahnsinnig schade, dass man bei einem Fußballspiel berittene Polizisten braucht. Dabei kann ich mich an diese Minuten noch sehr genau erinnern. Selbst als Gladbach-Trainer war ich zunächst extrem beeindruckt, wie gefühlt 52.000 Hamburger das Lied „Mein Hamburg lieb ich sehr“ aus voller Brust singen und sich so sehr, sehr würdig verabschieden. Dass dann ein paar Zuschauer ihren eigenen Abschied brauchten, tat weh.

Hatten Sie schon Kontakt zu den Ultras?

Jonas Boldt und ich hatten am Donnerstagabend ein Einstandsgrillen mit der Geschäftsstelle, allen Mitarbeitern und eben auch ein paar Fans. Auch Ultras waren dabei. Ich finde es richtig und wichtig, dass man sich auch mal austauscht.

Beim ersten Testspiel in Meiendorf war der Kontakt sehr direkt.

Und ich habe mich extrem gefreut über die Begrüßung. Das habe ich so noch nicht erlebt bei anderen Stationen. Da dachte ich mir dann: Hey, die haben einen Bezug zu dir.

Beim HSV ist es immer ein schmaler Grat zwischen Euphorie und Enttäuschung.

Auch das habe ich gemerkt. In der ersten Halbzeit habe ich schon gespürt, wie viel Häme noch da ist. Es gab immer wieder Zwischenrufe, die ich auch kritisch sehe. Bei aller Enttäuschung über die Leistungen: Meine Spieler sind auch nur Menschen.

Haben Sie eine konkrete Situation?

Als unser Co-Trainer Tobi Schweinsteiger einen Ball zum Einwurf hingeworfen hat, murrte gleich einer hinter mir: „Der Schweinsteiger hat ja mehr Ballkontakte als der Spieler.“ Da merken die Spieler natürlich sofort: Der Kredit ist bei null. Und das ist wahrscheinlich eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir müssen diesen Stimmungswandel hinkriegen. Dabei sind wir den Fans gegenüber natürlich in der Bringschuld.

HSV siegt 8:0 gegen Meiendorf:

Waren Sie als Teenager selbst Fan von einer Mannschaft?

Ich war von meinem Vater ein wenig in Richtung Schalke geprägt. Er war und ist glühender Schalke-Fan. Ich war aber nie so richtig festgelegt auf einen Verein. Bei mir gab es immer Phasen. Und ganz ehrlich: Ich hatte auch immer eine große Hamburg-Sympathie.

Wie das?

Kevin Keegan! Zu seiner Zeit war der HSV für mich interessant. Bei ihm hat mir imponiert, wie er keinen Ball verloren gegeben hat, wieder draufgegangen ist, die Zuschauer mitgerissen hat mit seinem Spiel. Das war dann für mich eine Vorbildfunktion. Das war eine prägende Zeit, ich war 15, 16 Jahre alt. Auf dem Schulhof war ich dann der Kevin Keegan. Da hat meine Affinität zum HSV angefangen.

Und nun sind Sie der Cheftrainer.

Und als Cheftrainer interessiert mich der gesamte Verein, dann interessiert mich auch der Platzwart oder die Buchhalterin. Ich versuche, in den Verein einzutauchen - ohne mich vereinnahmen zu lassen. Als Cheftrainer bist du mit die wichtigste Person im Verein und musst zumindest versuchen, alle auf dem Weg mitzunehmen. Dass alle wissen: Hey, wir haben da einen, der weiß, worum es geht, der kennt die Gemengelage, der kennt aber auch unsere Emotionen und Bedürfnisse.