Hannes Wolf

Der HSV und die unglaubliche Geschichte eines Rauswurfs

HSV im Chaos: Hier bei der Begrüßung nach dem Rauswurf von Christian Titz lief es noch händeschüttelnd gut zwischen Sportchef Ralf Becker und Trainer Hannes Wolf.

HSV im Chaos: Hier bei der Begrüßung nach dem Rauswurf von Christian Titz lief es noch händeschüttelnd gut zwischen Sportchef Ralf Becker und Trainer Hannes Wolf.

Foto: Getty Images

Tohuwabohu um die Trainer-Entlassung und die neuen Kandidaten. Am Ende vergaß der HSV fast, es Hannes Wolf zu sagen.

Hamburg. Als HSV-Fan ist man hart gesotten. Irgendwie hat man ja alle Formen eines Rauswurfs bei diesem Club schon einmal erlebt: Manager-Entlassungen, suspendierte Spieler, vom Hof gejagte Clubchefs und sogar ein Maskottchen namens Hummel musste vor Jahren mal gehen. Aber in erster Linie natürlich: Trainerentlassungen satt. Doch das, was sich da am Mittwochnachmittag im Volkspark abspielte, hat selbst die treusten der Treuen überrascht. In den unfreiwilligen Hauptrollen: Trainer Hannes Wolf, der aber schon ab nächster Woche kein Trainer mehr ist. Und Sportchef Ralf Becker, der das seinem Noch-Trainer bereits vor zwölf Tagen gesagt haben soll – oder auch nicht.

Doch alles schön der Reihe nach: Kurioserweise ging der analoge Wolf gerade auf den Trainingsplatz, als der digitale Wolf ihm die Show stehlen sollte. Um Punkt 15.15 Uhr titelte „Bild.de“: „Wolf weg! Er weiß es seit elf Tagen“. Im Text wird Sportchef Becker zitiert: „Ich habe Hannes nach dem 0:3 gegen Ingolstadt gesagt, dass es für ihn hier im Sommer nicht weitergehen wird, dass wir etwas anderes machen wollen.“

Wolf weg! – "Vielleicht"

Eine Aussage, mit Sprengstoffpotenzial – und offenbar auch mit Verbesserungspotenzial. So dauerte es nur ein paar Minuten, ehe eine aktualisierte Form online ging – diesmal mit dem kleinen, aber feinen Wörtchen „vielleicht“: „Ich habe Hannes nach dem 0:3 gegen Ingolstadt gesagt, dass es für ihn hier im Sommer vielleicht nicht weitergehen wird, dass wir etwas anderes machen wollen.“

Was folgte, war der ganz normale HSV-Irrsinn. Im Gespräch mit dem Abendblatt relativierte Becker am Telefon, dass er das Gesagte so gar nicht gesagt haben wollte: „Da bin ich missverstanden worden.“ Die „Bild“-Zeitung wiederum blieb bei ihrer Version. Und die Presseabteilung des HSV ließ ausrichten: „Die Aussagen von Bernd Hoffmann am Vortag zum Trainer haben Bestand.“

Was also war richtig? Was falsch?

HSV-Kreislauf der Trainerentlassungen

Am Vortag hatte Hoffmann jedenfalls noch gesagt, dass man den Kreislauf der ständigen Trainerentlassungen endlich durchbrechen müsse. Unstrittig ist aber, dass unmittelbar nach der Heimpleite gegen Ingolstadt am 4. Mai Becker, Clubchef Hoffmann, Neu-Sportdirektor Michael Mutzel und eben Wolf in einer Krisensitzung zusammensaßen, die Becker am Tag danach allerdings nicht als Krisensitzung tituliert haben wollte. „Dieser sogenannte Krisengipfel war ein ganz normales Gespräch“, sagte er am Sonntag danach. Und: „Es gab keine Trainerdiskussion. Wir sind total überzeugt von unserem Trainer.“

Nun denn. Ganz so überzeugt war man wohl nicht. Und Spätestens an dieser Stelle fangen die unterschiedlichen Versionen an. Denn Becker beharrte auch am Nachmittag noch darauf, dass er in dem Acht-Augen-Gespräch vor knapp zwei Wochen Wolf nur angekündigt hätte, dass dieser nun bessere Ergebnisse – besonders im Endspiel eine Woche später gegen Paderborn – liefern müsse und man sich dann nach der Saison noch einmal zusammen setzen müsse. Die Aussagen in der „Bild“ indes klingen anders: „Wir mussten am Ende überlegen, was das Beste für den HSV ist.“

"Das System kollabiert"

HSV-Chef Hoffmann: "Wir müssen jeden Stein umdrehen!"
HSV-Chef Hoffmann: "Wir müssen jeden Stein umdrehen!"

Darüber hatte sich am Dienstag auch schon Clubchef Bernd Hoffmann so seine Gedanken gemacht. „Wir müssen jeden einzelnen Stein umdrehen“, hatte der Vorstandsvorsitzende in einer spontan anberaumten – und offenbar nicht mit Becker abgesprochenen – Presserunde gesagt. Und: „Das Sportsystem ist bei uns irgendwann im Winter kollabiert.“

Dem Vernehmen nach soll sich Becker extrem über die Kritik an seinem Verantwortungsbereich geärgert haben – und deshalb am Mittwochnachmittag die kommunikative Flucht nach vorne angetreten sein. Der Rest der Geschichte war dann schnell allen bekannt – außer Hannes Wolf. Denn der HSV-Trainer, der vielleicht entlassen wird, vielleicht aber auch nicht, in Wahrheit aber ganz bestimmt doch, hatte das ganze Tohuwabohu um seinen Rauswurf am Nachmittag zunächst gar nicht mitbekommen. Erst nach dem Training um 16.45 Uhr klärte ein Mitarbeiter der Presseabteilung Wolf noch auf dem Rasen auf.

Kandidaten Hecking, Breitenreiter, Stöger

Bleibt zum Ende nur noch die nicht ganz unwichtige Frage, wer denn der nächste Ex-HSV-Trainer werden soll. Als medial gehandelte Kandidaten gelten weiter Alexander Zorniger, Peter Stöger, André Breitenreiter, Bruno Labbadia und vor allem Dieter Hecking. Der Noch-Gladbacher sagte dem Abendblatt knapp zwei Stunden vor dem ganzen Trainer-Wirrwarr, dass er zunächst einmal die Saison beenden wolle. „Ab der nächsten Woche werde ich mich dann ganz in Ruhe um meine Zukunft kümmern“, so der Coach.

Und auch Bruno Labbadia hatte etwas zum HSV zu sagen, ohne dabei wirklich etwas zu sagen. „Ich wohne zwar in der Stadt, habe im letzten Jahr aber relativ wenig Berührung gehabt, was den HSV betrifft“, ließ sich der Noch-Wolfsburger – noch so ein Noch-Trainer – im „Kicker“ zitieren. Zu den Spekulationen, dass der HSV sich über seine Verpflichtung Gedanken mache, sagte er nur, dass der Trainerjob in Hamburg derzeit kein Thema sei: „Da mache ich mir überhaupt keinen Kopf.“ Sein gut gemeintes Fazit ganz zum Schluss: „Ich wünsche dem Verein alles Gute. Das ist eine Mammutaufgabe, die vor dem Club steht.“ Er hoffe, so Labbadia, dass die HSV-Verantwortlichen „die richtigen Schritte machen“.

Die Hoffnung, so sagt der Volksmund, stirbt zuletzt. Selbst beim HSV.