Leitartikel

Wolf-Rauswurf: HSV wird wieder zur Lachnummer

HSV-Chef Hoffmann: "Wir müssen jeden Stein umdrehen!"

Vorstandschef spricht nach dem "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußballgeschichte" über Trainer Wolf, Investor Kühne und die Zukunft der Mannschaft.

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Trainer Hannes Wolf soll entlassen werden nach dem letzten Saisonspiel. "Vielleicht", wie es hieß. Der HSV wird immer grotesker.

Hannes Wolf ist der 17. Trainer, der den HSV in diesem Jahrtausend betreuten darf – oder vielleicht sollte man besser formulieren: muss. Es gäbe also berechtigten Grund zu der Annahme, dass der Club inzwischen gelernt hat, wie der professionelle, hanseatisch-seriöse Austausch einer Führungsfigur funktioniert. Doch die Posse rund um Wolf reiht sich nahtlos ein in die lange Serie von Stillosigkeiten der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel bei Bernd Hollerbach und Bruno Labbadia, die am Telefon von ihrer Hinausbeförderung erfuhren.

Nein, der HSV kann einfach keine Trainerentlassung – obwohl er so viele Versuche hatte.

Hannes Wolf: Die Mannschaft zerfiel

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Die Zeit von Wolf beim HSV war – so bedauerlich das sein mag – längst abgelaufen. Die Mannschaft zerfiel unter seiner Leitung in ihre Einzelteile, der HSV-Coach hat nicht geliefert, weder Punkte noch Hoffnung auf Besserung. Das Vertrauen in seine Arbeit hat so gelitten, dass es fahrlässig wäre, mit ihm in die neue Saison zu gehen. Wie schnell die Bosse mit ihrer Geduld nach einem misslungenen Start in eine Hin- oder Rückrunde am Ende sein können, musste zuletzt Christian Titz schmerzhaft erfahren. Oder Mirko Slomka. Oder Markus Gisdol. Oder, oder ...

Dass Sportchef Ralf Becker dem spürbar angeknockten Trainer nach dem 0:3 gegen Ingolstadt – und vor dem Entscheidungsspiel gegen Paderborn! – mitteilte, dass er womöglich nach der Saison rausgeworfen wird, toppt die vielen unglücklichen Entlassungen in Hamburg jedoch locker und macht den Club wieder mal zur bundesweiten Lachnummer.

Als Lügner dazustehen – das ist kalkuliert

Es gilt als ungeschriebenes Gesetz der Branche, so lange wie möglich Treueschwüre abzugeben, ist die Krise auch noch so schlimm, und dabei notfalls in Kauf zu nehmen, als Lügner dazustehen. Als solcher steht Becker jetzt sowieso schon da, der während der Mitgliederversammlung des HSV im Januar eine Nicht-Rauswurf-Garantie ausgesprochen hatte: „Sie können es jetzt aufschreiben: Hannes Wolf ist in zwölf Monaten noch Trainer des HSV.“ Aber geschenkt. So ist das Geschäft, jeder weiß, was solche Sätze wert sind.

Schlicht amateurhaft allerdings, dem Trainer mit dem „Vielleicht-Rauswurf“ auch noch den letzten Tropfen innere Kraft zu rauben. Wie sollte er den tief verunsicherten Spielern in dieser Lage noch Stärke vermitteln?

Kommunikationsdesaster wirft brisante Fragen auf

Dass sich Becker außerdem dazu hinreißen ließ, sein Vorgehen auch noch öffentlich zu machen – sei es im Hintergrundgespräch oder offiziell, dazu gab es unterschiedliche Darstellungen –, freut nur uns Medien, die natürlich ein Interesse daran haben, möglichst schnell die aktuellen Entwicklungen zu verbreiten. Aus Sicht des HSV jedoch ergab sich einen Tag nach den Einlassungen von Vorstandschef Bernd Hoffmann („Wir werden erst mit Hannes Wolf reden und dann über ihn“) ein Kommunikations­desaster, das auch Fragen aufwirft nach der Beziehung zwischen Hoffmann und Becker. War der Sportchef womöglich verärgert über die harten Worte Hoffmanns zu seinem Kompetenzbereich („Das Sportsystem ist kollabiert“)?

Noch lächerlicher als all dies wäre es jedoch, Wolf tatsächlich wie geplant noch das Duisburg-Spiel am Sonntag betreuen zu lassen und ihn nicht aus der Groteske zu erlösen. Wie sagte einst der Schriftsteller Peter Rosegger: „Sich irren und fehlen kann auch der Gewissenhafteste, ein Wicht wird er erst, wenn er den Irrtum einsieht, ohne den Mut zu haben, ihn zu berichtigen.“

PS: Ob Hannes Wolf nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch im Amt ist, kann an dieser Stelle nicht garantiert werden. Gleiches gilt generell für alle Amtsträger beim HSV.