Wieder kein Sieg

HSV nennt es "Phänomen": Kostet Kuriosum den Aufstieg?

Pierre-Michel Lasogga weist darauf hin, dass sich der HSV schon zu Bundesligazeiten gegen die vermeintlich "Kleinen" schwertat.

Pierre-Michel Lasogga weist darauf hin, dass sich der HSV schon zu Bundesligazeiten gegen die vermeintlich "Kleinen" schwertat.

Foto: imago/Eibner

Hamburger schwächeln im Aufstiegsendspurt. Sportchef Becker will jetzt vor allem Ruhe bewahren und die Spieler aufmuntern.

Hamburg. Die Qualen waren ihm ins Gesicht geschrieben. Orel Mangala stöhnte vor Schmerzen, als er von HSV-Physiotherapeut Mario Reicherz beim Gang in die Kabine gestützt werden musste. Wegen einer Prellung wurde der linke Fuß des Belgiers gekühlt und dick bandagiert. Sein Einsatz im DFB-Pokalhalbfinale am Dienstag gegen Leipzig ist mehr als fraglich. Zur gleichen Zeit kam Aues Jan Hochscheidt mit einem Bier in der Hand aus der Gästekabine. Ein gefühltes Siegerbier?

Die Szenen hätten viel unterschiedlicher kaum sein können – und sie lieferten reichlich Symbolcharakter. Nach dem 1:1 gegen Erzgebirge Aue jubelte wieder einmal nur der Gegner im Volkspark, während der Aufstiegskampf beim HSV immer mehr zum Aufstiegskrampf wird. Zum wiederholten Male haben es die Hamburger verpasst, mit einem Heimsieg gegen einen vermeintlichen Underdog die Weichen für die Rückkehr in die Bundesliga zu stellen.

Auf die bitteren Last-Minute-Niederlagen zu Hause gegen Darmstadt (2:3) und Magdeburg (1:2) folgte nun die nächste herbe Ernüchterung gegen Aue. Und das trotz der starken Leistung eine Woche zuvor beim Spitzenreiter aus Köln (1:1). „Es ist ein Phänomen beim HSV“, sagte Torjäger Pierre-Michel Lasogga, der nach seiner auskurierten Adduktorenverhärtung erst in der Schlussphase zum Einsatz kam. „Es hat sich schon in der Ersten Liga durchgezogen, dass wir gute Spiele gegen die Top-Mannschaften gemacht haben. Wenn dann kleinere Vereine kamen, und man von uns erwartet hatte, dass wir gewinnen, haben wir es nicht hingekriegt."

Aufstiegspflicht! Becker sieht HSV-Druck

Doch woran liegt diese offensichtliche Heimschwäche gegen die vermeintlich kleinen Gegner? Eine richtige Erklärung hat Lasogga nicht: "Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir in der einen oder anderen Situation das Tempo verschleppen oder die falsche Entscheidung treffen."

Tatsächlich fehlte es dem HSV gegen Aue an Kreativität und Inspiration im Offensivspiel. Vor allem die Aufbauspieler Mangala und Janjicic spielten überwiegend quer, anstatt den Pass in die Tiefe zu suchen. Dadurch fehlte es an Tempo und Aue konnte sich nach eigenem Ballverlust in aller Ruhe wieder neu sortieren. Kein einziges Mal gelang den Hamburgern ein im modernen Fußball so wichtiger Umschaltmoment.

Es sind taktische Schwächen, die vor allem in der Rückrunde erkennbar sind. "Man sieht dem ein oder anderen jungen Spieler an, dass wir den Druck haben, aufsteigen zu müssen", lautete die Erklärung von Sportvorstand Ralf Becker, der erstmals davon sprach, dass der Club wegen der wirtschaftlich prekären Lage wirklich aufsteigen muss.

Wolf: "Ich ducke mich nicht weg"

Bleibt die Frage, wie der HSV den Aufstiegsdruck und das von Lasogga angesprochene "Phänomen" bewältigen will? Sportchef Becker setzt vorerst auf ein "Weiter so": "Wir müssen ruhig bleiben, denn wir haben immer noch alles in der eigenen Hand. Die größte Wahrscheinlichkeit, am Ende erfolgreich zu sein, ist, wenn wir geschlossen zusammenhalten." Deshalb wolle er die Spieler nun aufmuntern und "nicht die Keule auspacken".

Gerade mal drei Punkte holten die Hanseaten in fünf Spielen seit dem Derbysieg beim FC St. Pauli (4:0). Der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist auf zwei Punkte geschmolzen. Erschwerend kommt hinzu, dass der HSV das deutlich schlechtere Tordifferenz im Vergleich zur Konkurrenz aus.

Schon die gesamte Rückrunde präsentiert sich der Club nicht aufstiegswürdig, holte nur 16 Punkte aus 13 Partien. In diesem Zeitraum machte der neue Dritte Paderborn stolze zehn Zähler gut auf den HSV. "Ich ducke mich nicht vor diesem Trend weg", sagte Trainer Hannes Wolf. "Es hilft aber nicht, sich zu beklagen, sondern wir müssen nach vorne schauen."

Schöpft HSV Mut aus direkten Duellen?

Beim Blick auf die letzten vier Saisonspiele fällt eine Prognose allerdings schwer. Zum einen hat der HSV noch zwei Heimspiele gegen die Abstiegskandidaten Ingolstadt und Duisburg. Es sind Partien, in denen sich die Hamburger wohl wieder schwertun werden. Auf der anderen Seite ist die vielleicht größte Hoffnung das Auswärtsprogramm bei den direkten Konkurrenten Union Berlin und Paderborn. Gegner, gegen die der HSV wieder sein besseres Gesicht zeigen dürfte.

"Wir müssen einfach mal wieder ein Spiel gewinnen", fordert Stürmer Lasogga. Egal, ob es gegen einen Underdog oder einen Kontrahenten um den Aufstieg geht.