FC St. Pauli vs. HSV

„Freunde? Für uns zählt nur der Derbysieg“

Welcher der beiden indischen Ganeshas bringt am Sonntag Glück? St. Paulis Justin Hoogma (l.) und Rick van Drongelen vom HSV beim Interviewtermin im Lindner Park-Hotel Hagenbeck.

Welcher der beiden indischen Ganeshas bringt am Sonntag Glück? St. Paulis Justin Hoogma (l.) und Rick van Drongelen vom HSV beim Interviewtermin im Lindner Park-Hotel Hagenbeck.

Foto: Michael Rauhe / HA

Die Niederländer Justin Hoogma (FC St. Pauli) und Rick van Drongelen (HSV) über Lasogga, Alex Meier und wer der Härtere ist.

Hamburg. Rick van Drongelen war zwölf Jahre alt, als er seinen Kumpel Justin Hoogma das erste Mal traf. Der HSV-Verteidiger spielte damals in der Jugend des bekannten Amateurclubs Jeugd Voetbal Opleiding Zeeland und machte ein Probetraining bei Twente Enschede, dem früheren Verein des heutigen St.-Pauli-Profis Hoogma. Weil van Drongelen aber noch bei seinen Eltern wohnen wollte, entschied er sich für einen Wechsel zu Sparta Rotterdam.

Erst in der niederländischen U-19-Nationalmannschaft führten die Wege der beiden Abwehrspieler wieder zusammen. Am Sonntag (13.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) stehen sie sich im Stadtderby zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV gegenüber. Das Vorspiel fand bereits unter der Woche statt, als sich die beiden Freunde in der Nähe ihrer jeweiligen Trainingsplätze im Lindner Park-Hotel Hagenbeck zum Verbalduell mit dem Abendblatt trafen. Hoogma bestellt den Hamburger Pfannenfisch, als er in der Suite Platz nimmt. Van Drongelen wählt Wiener Schnitzel.

Herr Hoogma, Sie waren am Dienstagabend bei Rick van Drongelen zum Fußballgucken eingeladen. Ist er ein guter Gastgeber?

Justin Hoogma: Rick hat mich gut versorgt. Er hat mir Getränke gebracht, Essen für uns zubereitet. Ich muss gestehen, er ist ein guter Gastgeber.

Ist er auch ein guter Koch?

Hoogma: Zumindest besser als ich. Er hat Toasties mit Schinken und Käse gemacht. Das ist bei uns in Holland ein Nationalgericht.

Herr van Drongelen, am Sonntag ist Justin Hoogma der Gastgeber am Millerntor. Was wird er Ihnen Gutes tun?

Rick van Drongelen: Wahrscheinlich nicht viel (lacht). Aber das ist okay. Ich werde ihm auch nichts schenken. Für uns beide zählt nur der Derbysieg.

Hoogma: Am Sonntag gibt es keine Gastfreundschaft. So viel ist schon mal sicher. Het spijt me, Rick. (Tut mir leid).

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Sie haben für die U-Teams der Niederlande schon oft miteinander gespielt. Waren Sie auch schon mal Gegner?

Hoogma: Mit Heracles Almelo habe ich in einer Saison gleich dreimal gegen Rick und Sparta Rotterdam gespielt. Die Ergebnisse werde ich allerdings nicht verraten.

Van Drongelen: Das kann ich gerne übernehmen (lacht). Wir haben im Pokal und in der Liga zweimal zu Hause gewonnen. In Almelo gab es ein Unentschieden. Wir haben dort in letzter Minute noch einen Elfmeter verschossen. Eigentlich wären es also drei Siege gewesen. Meine Hoogma-Bilanz ist positiv. Das macht mir Hoffnung für Sonntag.

Herr Hoogma, hat Ihr Vater Ihnen schon mal vom Derby erzählt?

Hoogma: Bislang nicht.

Das wundert uns. 2002 hat er mit dem HSV 4:0 gegen St. Pauli gewonnen und dabei ein Tor gemacht. Darauf müsste er doch ziemlich stolz sein.

Hoogma: Das hat er mir tatsächlich verschwiegen. Aber Tore waren ja auch etwas Normales für ihn, obwohl er so wie Rick und ich Verteidiger war.

Wem drückt Ihr Vater eigentlich die Daumen? Seinem Sohn oder seinem Ex-Club?

Hoogma: Das ist eine gute Frage, die Sie ihm am besten selbst stellen sollten. Er ist am Sonntag auch im Stadion. Mein Papa ist ein richtiger HSVer. Aber noch mehr Fan von seinem Sohn (lacht).

Dabei hat Ihr Vater Sie doch schon einmal verkauft ...

Hoogma: Es war nie ein Problem, dass mein Papa selbst Fußballprofi war. Ich hatte dadurch weder Vor- noch Nachteile. Aber es war in der Tat ein komisches Gefühl, als er mein Sportdirektor war und mich von Almelo nach Hoffenheim verkauft hat. Ich glaube aber, dass Papa mit mir einen ziemlich guten Deal gemacht hat (lacht).

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Unbezahlbar sind dagegen Siege gegen den Erzrivalen. Herr van Drongelen, wann haben Sie das erste Mal vom Hamburger Stadtderby gehört?

Van Drongelen: Als ich zum HSV gekommen bin, habe ich von der Rivalität erfahren. Ein richtig großes Thema wurde es aber erst, als wir abgestiegen sind. Dann haben mich viele auf das Derby angesprochen. So wurde mir klar, dass das Spiel für die ganze Stadt etwas ganz Besonderes ist. Es geht für viele um mehr als nur Fußball. Das spürst du, wenn du mit den Fans sprichst.

Stimmt es, dass Sie selbst mal ein richtiger Ultra-Fan waren?

Hoogma (grätscht rein): Zumindest sieht er so aus (lacht).

Van Drongelen: Nein, das kann man nicht sagen. Aber als ich klein war, war meine ganze Familie Fan von Ajax Amsterdam. Ich war oft im Stadion. Deswegen habe ich mich am Dienstag auch ex­trem über den Sieg gegen Real Madrid gefreut. Wir kennen beide auch ein paar Jungs aus der Mannschaft. Matthijs de Ligt zum Beispiel, mit dem haben wir in den U-Nationalteams oft zusammengespielt. Es war einfach geil zu sehen, dass sie die beste Mannschaft der Welt geschlagen haben.

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Was ist eigentlich das größte Derby in Holland?

Hoogma: Ajax gegen Feyenoord Rotterdam ist das größte Spiel. Es ist zwar kein Stadtderby, aber es ist der niederländische Clásico. In Rotterdam gibt es ein paar Derbys, da müssen Sie Rick fragen.

Van Drongelen: In Rotterdam gibt es drei Topclubs. Feyenoord und Excelsior in der Ersten, Sparta aktuell in der Zweiten Liga. Das richtig harte Derby ist das zwischen Feyenoord und Sparta. Und ich habe es einmal gewonnen. Das war genial. Die Fans haben immer richtig Bock auf dieses Spiel.

Vor dem Hinspielderby waren 2000 HSV- Fans beim Abschlusstraining. Die Ultras haben sogar eine Rede vor dem Team gehalten und betont, dass sie für den Verein sterben würden. Erzeugt das bei Ihnen Motivation oder Druck?

Van Drongelen: Du merkst einfach, dass dieses Spiel im Vergleich zu allen anderen das wichtigste ist. Ich finde das cool, wenn so viele Leute kommen. Mich pusht das.

Was war Ihr größtes Derby bislang, Herr Hoogma?

Hoogma: Twente Enschede gegen He­racles Almelo. Die Städte sind nur 25 Kilometer voneinander entfernt. Für die Fans ist es das größte Spiel. Sogar bei uns haben die Fans eine Rede gehalten. Mit dem Derby in Hamburg ist das Spiel aber nicht vergleichbar.

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Beim Hinspiel waren Sie noch in Hoffenheim. Und jetzt ist Ihr fünftes Spiel für St. Pauli gleich das Derby.

Hoogma: Ich erinnere mich noch, wie ich Rick vor dem Hinspiel bei der Nationalmannschaft getroffen habe und er vom anstehenden Derby erzählt hat. Er war damals schon voller Vorfreude. Als dann klar war, dass ich zu St. Pauli wechsle, hat er mir auch gleich geschrieben und das Derby angekündigt.

Mit welchen Worten?

Van Drongelen: Ich habe nur geschrieben: Glückwunsch zum Wechsel. Wir sehen uns …

Wenn Sie sich am Sonntag im Strafraum treffen, dann …

Van Drongelen: … geht der Ellbogen raus (lacht). Aber im Ernst: Am Sonntag ruht die Freundschaft während des Spiels. Nach dem Spiel werden wir wieder Freunde sein.

Wer ist der härtere Verteidiger von Ihnen?

Van Drongelen: Ich denke dass ich ein bisschen härter bin. Justin ist dafür fußballerisch weiter.

Hoogma: Ich finde Rick am Ball auch gut. Und ich kann auch verteidigen. So verschieden sind wir eigentlich gar nicht. Vor allem sind wir beide sehr ehrgeizig. Wir passen gut zusammen, wenn wir in der U 21 spielen.

Träumen Sie davon, irgendwann für die A-Nationalmannschaft zusammenzuspielen?

Hoogma: Nein, das wäre zu weit gedacht. Wir haben viele sehr gute Innenverteidiger. De Ligt ist überragend. Van Dijk ist Weltklasse. Die Zukunft unserer Nationalmannschaft sieht wieder besser aus. Ich bin im Moment einfach froh, dass ich jetzt bei Pauli spiele. St. Pauli, Entschuldigung. Das habe ich gleich gelernt, dass man das hier so sagt.

Van Drongelen: Ich sage weiterhin Pauli (lacht).

Sie sind beide auf dem Platz Spieler, die trotz des jungen Alters viel reden. Ist das niederländische Mentalität?

Van Drongelen: Das ist immer abhängig vom Typ. Bei mir war das schon immer so. Das ist meine Persönlichkeit, meine eigene Mentalität. Es gehört für mich dazu, als Verteidiger viel zu reden und zu dirigieren.

Hoogma: Holländer sprechen vielleicht etwas mehr auf dem Platz als die Deutschen. Das ist unsere Art. Aber man kann natürlich nicht pauschal sagen, dass die Holländer immer Führungsspieler sind.

Zwischen Holland und Deutschland gibt es eine Rivalität. Ist das für Sie auch wie ein Derby?

Van Drongelen: Die Rivalität ist natürlich historisch bedingt. Aber ein Derby? Das würde ich nicht sagen. Ich habe mit der U 21 gegen Deutschland gespielt. Man kennt sich gut, trifft Spieler aus der Bundesliga oder Zweiten Liga. Luca Waldschmidt oder Janni Serra von Holstein Kiel zum Beispiel, gegen den ich mit dem HSV und mit Holland gespielt habe. Wir freuen uns immer, wenn wir einander begegnen.

Hoogma: Die deutsch-holländische Rivalität ist in der älteren Generation ein größeres Thema. In unserer Generation spielt das keine große Rolle mehr.

Am Sonntag spielen Sie gegen Pierre-Michel Lasogga, Rick van Drongelen gegen Alexander Meier. Ganz ehrlich: Wer hat die schwerere Aufgabe?

Van Drongelen: Justin (lacht).

Hoogma: Alex hat fünf Tore in sechs Spielen gemacht. Da musst du echt wachsam sein. Das wird schwer für dich, Rick.

Als Ihr Vater 2002 im Volksparkstadion beim 4:0 gegen St. Pauli ein Tor erzielt hat, machte Meier sein erstes Spiel für St. Pauli. Vor 17 Jahren …

Van Drongelen: Dann weiß er ja, wie es ist, im Derby zu verlieren (lacht). Spaß beiseite: Ich habe großen Respekt vor Alex Meier. Angst wäre aber fehl am Platz.

Wird es eine Derbywette zwischen Ihnen geben?

Van Drongelen: Nein. Wie sollte die aussehen?

Der Verlierer des Derbys könnte zum Beispiel für den anderen ein Lied singen.

Hoogma: Das wollen wir beide nicht hören. Wobei wir gerne auf dem Hotelzimmer holländische Schlager singen, wenn wir bei der U 21 sind. Ich muss leider sagen, dass Rick ein bisschen besser singen kann.

Van Drongelen: Ich könnte „Hamburg meine Perle“ für dich singen.

Hoogma: Sorry Rick, ich spiele jetzt für Pauli. Sorry, St. Pauli.