Ralf Becker im Interview

"Die Zeiten des großen Geldes beim HSV sind vorbei"

HSV-Sportvorstand Ralf Becker (48) in seinem Lieblingscafé Marsbar in Eppendorf.

HSV-Sportvorstand Ralf Becker (48) in seinem Lieblingscafé Marsbar in Eppendorf.

Foto: HA / Mark Sandten

Sportvorstand Ralf Becker spricht über das Ende des Prassens, sein Treffen mit Kühne und die Chancen, Mangala oder Santos zu halten.

Hamburg.  Ralf Becker hat einen ganz genauen Plan – zumindest für die Weihnachtstage. Der HSV-Vorstand feiert dieses Jahr mit seiner Familie im kleinen Kreis in Hamburg, ehe es kurz nach Heiligabend für ein paar Tage mit Sack und Pack in die Sonne geht. Bevor Becker aber Jacke und Mütze gegen Flip-Flops und Badehose tauscht, spricht der Schwabe im großen Abendblatt-Interview aber zunächst noch ausführlich über seinen genauen HSV-Plan.

Herr Becker, haben Sie alle Weihnachtsgeschenke besorgt?

Ralf Becker: Ich habe noch gar nichts besorgt. Aber ehrlich gesagt kümmert sich glücklicherweise meine Frau bei uns um die Geschenke für die Kinder.

Und Ihre Frau? Gibt es ein Budget für Ihre gegenseitigen Geschenke?

Gibt es nicht. Das klingt vielleicht unromantisch, aber wir schenken uns zu Weihnachten nichts gegenseitig. Es ist einfach so viel weniger Stress, wenn man auf die große Geschenkesuche in der Vorweihnachtszeit verzichten kann.

Auf große Transfergeschenke nach Weihnachten wollen Sie in diesem Jahr auch verzichten, oder?

Ziemlich sicher. Wir wissen schon seit Sommer, dass großes Geldausgeben für uns nicht drin ist. Das war in der Sommertransferperiode so, das wird im Winter nicht anders sein – und das wird sich auch im kommenden Sommer fortsetzen. Übrigens ganz unabhängig von der Frage, in welcher Liga wir dann spielen werden.

Es gibt auch keine Transfers, die man schon im Hinblick auf die kommende Saison vorziehen könnte?

Sie haben mich ja nach unserem Budget gefragt. Und die klare Antwort ist: Wir haben in diesem Winter eigentlich kein Budget für Verstärkungen. Das schließt im Fußball ja aber nicht aus, dass sich plötzlich doch wieder eine Tür öffnet. Das müssten wir uns dann aber sehr genau ansehen.

Haben Sie in Gesprächen mit Beratern, Clubs und Spielern das Gefühl, dass es sich in der Szene herumgesprochen hat, dass der HSV ab sofort mehr auf das Geld achtet?

Ich denke schon, dass verstanden wurde, dass wir nicht mehr alles machen können. Ein Blick in den vergangenen Sommer reicht da ja schon. In der vergangenen Transferperiode haben wir viele neue Spieler geholt, aber nur für einen einzigen Profi Ablöse bezahlt. Ansonsten haben wir Wege gefunden, wie wir mit moderaten Mitteln trotzdem gute Spieler zu uns holen können. Die Spieler wissen um unsere Möglichkeiten – und die Spieler können sich trotzdem sehr gut mit der Herausforderung HSV anfreunden. Und genauso wird es auch in der Zukunft sein.

Wissen neben den Spielern auch die Clubs, dass auf der Zielgeraden der Verhandlungen nun kein Klaus-Michael Kühne mehr aus dem Hut gezaubert werden kann?

Das sollte sich herumgesprochen haben. Natürlich sind wir Herrn Kühne für alles sehr dankbar. Und trotzdem war es unser Ziel, in dieser Saison etwas selbstständiger agieren zu können. Das heißt ja aber nicht, dass man nicht trotzdem ein sehr gutes Verhältnis miteinander pflegen kann.

Haben Sie ihn mittlerweile mal getroffen?

Das habe ich. Und es war ein angenehmes und nettes Gespräch. Das ändert aber nichts daran, dass wir gut daran tun, auf dem Transfermarkt generell möglichst unabhängig zu agieren. Die Zeiten des großen Geldes beim HSV sind vorbei. Das muss man so ehrlich kommunizieren. Wir werden keinen fertigen Fußballer holen, der zehn Millionen Euro und mehr kostet. Wir müssen und wollen eher auf Spieler setzen, die bei uns den nächsten Schritt machen wollen. Das kann dann natürlich auch bedeuten, dass sie irgendwann zu einem anderen Club mit größeren finanziellen Möglichkeiten wechseln.

Muss man den Leuten erklären, dass man Spieler wie Orel Mangala zukünftig nur noch ausleihen kann – und sie dann auch wieder ziehen lassen muss, wenn sie so einschlagen wie der Stuttgarter?

Unabhängig von Namen wird es auch zukünftig unser Weg sein, ablösefreie Spieler zu holen, junge Fußballer – und natürlich auch Leihspieler. Und bei Leihspielern ist es dann eben so, dass sie im Zweifelsfall zu ihrem Stammverein zurück müssen. Darüber sollten wir aber nicht großartig jammern. Wir sollten uns viel mehr darüber freuen, wenn ein Leihspieler uns für eine gewisse Zeit sportlich weiterhelfen kann.

Bei Mangala müssen wir trotzdem noch einmal konkret nachfragen: Ist es unmöglich, so einen Spieler in Zukunft auch nach dem Leihjahr fest zu verpflichten?

Orel Mangala ist 20 Jahre alt und hat natürlich einen gewissen Marktwert. Dieser dürfte aktuell relativ hoch sein. Ich würde im Fußball zwar nie etwas ausschließen, aber derzeit muss man davon ausgehen, dass Orel nach der Saison zu Stuttgart zurückkehrt. Das hat der VfB ja auch sehr deutlich kommuniziert, und das respektieren wir. Wir sind froh, dass er jetzt bei uns ist.

Ist Ihr Vorhaben, zukünftig in der Zweiten Liga nicht mehr als eine Million Euro für Jahresgehälter und nach einem möglichen Aufstieg in der Bundesliga nicht mehr als zwei Millionen Euro auszugeben, ein fester Beschluss oder nur ein guter Vorsatz?

Wir haben keinen Vertrag untereinander geschlossen. Uns ging es aber vor allem darum, dass wir deutlich machen, dass wir gewisse Sachen nicht mehr machen können in der Zukunft. Wenn wir jetzt also mit einem Spieler oder seinem Berater verhandeln, dann wissen alle Parteien ziemlich genau, in welchen Sphären wir uns eigentlich bewegen können. Um es einmal sehr deutlich zu sagen: Wir haben wirtschaftlich sehr harte Jahre vor uns. Da brauchen wir eine klare Linie – und manche Dinge gehen dann einfach nicht mehr.

Zum Beispiel den Brasilianer Douglas Santos langfristig halten. Wie sehen Sie diese Personalie?

Douglas hat einen Vertrag bis Juni 2021 bei uns. Da können wir also ganz entspannt sein. Aber ich will jetzt nicht jeden unserer Spieler einzeln durchgehen. Grundsätzlich ist mir trotzdem wichtig, dass wir klar machen, dass der Club in einer schwierigen finanziellen Situation steckt – und dass wir da sehr gut wirtschaften müssen. Das ist keine leichte Aufgabe. Trotzdem sind wir fest davon überzeugt, dass wir auch mit diesem Weg bestehen können und erfolgreich sein können. Wir müssen kreativ sein.

Als kreativer Markt gilt auch Südkorea, wo Sie gerade erst auf Scoutingtour unterwegs waren. Hat es sich denn auch im Fernen Osten schon herumgesprochen, dass der HSV keine Unsummen mehr wie vielleicht noch früher zahlt?

Südkorea ist tatsächlich ein sehr inter­essanter Markt, wobei unser Kernmarkt weiterhin der deutschsprachige Raum bleiben soll und wird. Aber das heißt ja nicht, dass man sich nicht trotzdem weiterbilden kann. Und im Fall von Südkorea profitieren wir als HSV natürlich auch davon, dass wir dort einen sehr guten Ruf genießen. Heung-min Son hat in der Vergangenheit dafür gesorgt – und durch Hee-chan Hwang ist der HSV auch aktuell in Südkorea im Fokus. Und Son und Hwang sind sicherlich nicht die einzigen guten Fußballer aus Südkorea.

Hwang kam am letzten Tag der Transferfrist – und wird aller Voraussicht nach im kommenden Sommer schon wieder weg sein. Machen Sie sich Sorgen, wie Sie im Falle eines möglichen Aufstiegs eine schlagfertige Bundesligamannschaft zusammenstellen können?

Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir an dieser Stelle jetzt über Pläne sprechen würden, die noch lange nicht zu planen sind. Es ist ja noch nicht einmal die Hälfte der Saison um.

So muss man natürlich offiziell antworten. Aber wenn Sie ganz ehrlich sind, dann müssten Sie ja wahrscheinlich zugeben, dass es fahrlässig wäre, wenn man einen möglichen Aufstieg nicht vorplanen würde?

Natürlich müssen wir in alle Richtungen denken. Aber im vergangenen Jahr musste man ja auch schon einen eventuellen Abstieg vorbereiten. Und trotzdem waren noch einige Planstellen offen, als ich dann im Mai beim HSV angefangen habe. Das ist doch auch völlig normal. Was ich damit sagen will: Wir können alle möglichen Szenarien durchplanen. Man muss im Fußball aber auch immer offen sein für Dinge, die sich ungeplant ergeben können.

Zum Beispiel?

Orel Mangala war im Sommer zunächst nicht auf dem Markt. Die Möglichkeit, ihn zu verpflichten, hat sich nach unserem 0:3 gegen Kiel plötzlich ganz kurzfristig ergeben. Innerhalb von drei Tagen ging das dann zackzack. Manchmal, so ehrlich muss man schon sein, gehört natürlich auch Glück dazu.

Ist Mangala für Sie die Überraschung der Hinrunde?

Ich möchte keinen Spieler herausheben. Eine wichtige Erkenntnis der Hinrunde war für mich, dass wir uns an Erfolge erst gewöhnen mussten. Wir mussten das Siegen erst wieder lernen. Nach all den Jahren des Abstiegskampfes war es eine echte Herausforderung, nun wieder eine Gewinnermentalität zu entwickeln. Und ich habe schon den Eindruck, dass die Mannschaft dabei auf einem sehr guten Weg ist.

Gab es für Sie außerhalb des HSV eine Überraschung der Hinrunde?

Die Liga ist sehr eng, aber mich haben Paderborn und Kiel in der bisherigen Hinrunde sehr beeindruckt. Paderborn als Aufsteiger, der bislang sehr zu überzeugen wusste. Und dass Kiel trotz des großen Umbruchs wieder so eine gute Serie spielt, hätten vor der Saison wahrscheinlich auch nicht so viele Experten erwartet.

Ihr Moment der Hinrunde?

Puh. Schwierig. (überlegt lange) Wenn ich ehrlich bin, dann war der Sieg gegen Magdeburg in Unterzahl schon sehr erleichternd. Es war das erste Spiel unseres neuen Trainers. Und in der Woche des Trainerwechsels war natürlich jede Menge Druck auf dem Kessel. Dieser Druck ist dann ein Stück weit entwichen, als wir in Magdeburg gewonnen haben. Bei all den Hinrundenbilanzfragen darf man eines aber nicht vergessen.

Nämlich?

Die Hinrunde ist ja noch gar nicht vorbei. Wir spielen noch in Duisburg. Und auch das schwere Spiel in Kiel steht ja noch auf dem Programm. Wenn wir diese beiden Spiele erfolgreich bestreiten, dürfen wir gerne erste Bilanzen und Fazits ziehen, frohe Weihnachten feiern – und von mir aus sogar jede Menge Geschenke austauschen. Aber im Januar geht es dann wieder mit Vollgas weiter.

Der HSV-Sieg gegen Paderborn in der Abendblatt-Analyse