Debatte über Spielweise

Der Fall Lasogga: HSV-Bosse verstehen Titz' Vorgehen nicht

Unter Trainer Titz (r.) hat Torjäger Pierre-Michel Lasogga einen schweren Stand. Das gefällt nicht jedem beim HSV

Unter Trainer Titz (r.) hat Torjäger Pierre-Michel Lasogga einen schweren Stand. Das gefällt nicht jedem beim HSV

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Der HSV liegt zwei Punkte hinter Platz eins, doch die Entwicklung bereitet den Bossen Sorgen. Lasogga ist ein großer Streitpunkt.

Hamburg. Am Tag nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Bochum verirrten sich nur wenige HSV-Fans in den Volkspark. Während die Mannschaft durch den Volkspark joggte, tummelte sich eine Handvoll Rentner am Trainingsgelände, auf dem nur die Torhüter übten. Auch wenn das dritte torlose Heimspiel in Folge wahrlich kein Spiel für Fußballästheten war, sorgte es am Montagvormittag noch immer für reichlich Gesprächsstoff. Bei den Rentnern bestimmte der Unmut die Diskussionen über die Spielweise des HSV.

Trainer Christian Titz hatte unmittelbar nach der Nullnummer noch von einem „Unentschieden der besseren Art“ gesprochen. Eine Aussage, die nicht nur unter den Rentnern, sondern auch bei vielen Fans für Unverständnis sorgte. Einige Anhänger wünschen sich eine kritischere Auseinandersetzung mit der Torflaute im Volkspark. Doch Titz hielt auch mit einem Tag Abstand an seiner Einschätzung fest.

„Beide Mannschaften haben eine viel höhere Risikobereitschaft gezeigt, um ein Tor zu erzielen“, sagte der Kurpfälzer über den Unterschied zu den vorherigen Heimspielen gegen Regensburg (0:5) und den FC St. Pauli (0:0). „Wir hatten 17 Angriffe, bei denen jedes Mal der richtige Laufweg oder der finale Pass gefehlt hat, um zu einer guten Torchance zu kommen. Das war unser Problem und hat uns alle enttäuscht.“

Diese Probleme birgt Titz' System

Unter dem Strich bleibt jedoch der Eindruck, dass die Hamburger sich aus ihren 17 Angriffen, von denen Titz spricht, nicht eine klare Torchance ergeben hat. Wie so häufig in den vergangenen Wochen wurde der HSV vor heimischer Kulisse seiner Favoritenrolle nicht gerecht. Der Bundesliga-Absteiger tut sich schwer, gegen überwiegend tief stehende Gegner für Torgefahr zu sorgen. Und eine Verbesserung war auch gegen Bochum nicht in Sicht.

Die Problematik ist nicht neu. Die Ergebnisse inzwischen auch nicht mehr. Nach dem torlosen Stadtderby hatte HSV-Coach Titz um Zeit gebeten, bis seine Spielidee auch konstant zu erfolgreichen Resultaten führt. „Wir brauchen zehn bis 15 Spiele, um uns zu stabilisieren und dann auch regelmäßig in unserer gewünschten Art zu gewinnen“, sagte Titz Anfang des Monats und bekräftigte zugleich, dass sich sein Team in einer Entwicklungsphase befinde. Nun sind zehn Partien, also fast ein Drittel der Saison, gespielt. Und die Frage nach der Entwicklung der Mannschaft spaltet sowohl die Fans als auch den Club.

Zum einen konnte der HSV einzig beim 3:0 in Sandhausen – gegen einen schwachen Gegner – durchgehend überzeugen. Auf der anderen Seite liegen die Hamburger tabellarisch nur zwei Punkte hinter Spitzenreiter 1. FC Köln – mit direktem Kontakt zu den Aufstiegsplätzen. Auswärts ist der HSV noch ungeschlagen, holte in der Fremde 10 von 12 möglichen Punkten. Doch reicht diese Ausbeute für eine positive Zwischenbilanz?

Titz' Plan mit Lasogga sorgt für Unmut bei den Bossen

Ein Blick in die Statistik untermauert die Probleme des HSV. Die Hamburger sammeln zwar so viele Ballkontakte wie kein anderer Zweitligist – im Schnitt 729,3 pro Spiel – und stellen die beste Passquote (84,71 Prozent), sorgen aber trotz ihrer Dominanz für zu wenig Torgefahr. Die Folge: Acht Ligarivalen schießen häufiger aufs Tor als der HSV (insgesamt 127-mal). Wenig überraschend ist daher, dass der HSV mit zwölf Treffern an Harmlosigkeit nur von fünf Teams unterboten wird. Zum Vergleich: Mit-Absteiger Köln stellt mit 23 Treffern die Torfabrik der Liga. Alleine Top-Scorer Simon Terodde (13 Saisontore) traf häufiger als alle HSV-Profis zusammen.

Der HSV hat mit Pierre-Michel Lasogga auch einen Torjäger mit ähnlichen Abschluss-Qualitäten wie Terodde im Kader. Der große Unterschied: Lasogga kommt häufig nur als Joker zum Einsatz. Selbst nach seinem Drei-Tore-Spektakel gegen Heidenheim (3:2), als der bullige Strafraumstürmer seinen Club zum Sieg schoss, hätte er beim darauffolgenden Auswärtsspiel in Dresden, das letztlich abgesagt wurde, von der Bank kommen sollen.

Diese mutige, geplante Maßnahme von HSV-Coach Titz war so etwas wie der Wendepunkt in der bis dahin positiven Entwicklung der Hamburger. Auf vier Siege in Serie folgten drei tor- und sieglose Spiele. Und im Vorstand wurden die kritischen Töne lauter. Die Unzufriedenheit über die zum Teil ideenlos wirkende Spielweise wächst. Inzwischen trifft auch Lasogga, mit fünf Toren erfolgreichster Torschütze des Clubs, nicht mehr nach seinen Einwechslungen. Bei den Verantwortlichen festigt sich der Eindruck, dass der Trainer seinem Stürmer durch die Rotation den Lauf genommen hat.

Wird Magdeburg zur letzten Hürde für Titz?

Titz dagegen verteidigt seinen Kurs. „Wir sind weiterhin in der Spitzengruppe dabei, es ist nicht viel passiert.“ Die entscheidende Frage für die Zukunft des Trainers wird sein, ob die Club-Bosse diese Einschätzung teilen. Ralf Becker wirkte nach der erneuten Nullnummer gegen Bochum ernüchtert. Hat der Sportvorstand das Vertrauen in seinen Trainer schon verloren? Mit mahnenden Worten („So werden wir unsere Ziele nicht erreichen“) setzte Becker Titz nach dem Spiel weiter unter Druck.

Titz: Die HSV-Spielweise wird sich durchsetzen
Titz: Die HSV-Spielweise wird sich durchsetzen

Der Trainer wiederum glaubt an die Trendwende – wenn er weiterhin Zeit bekomme. „Die Art, wie wir spielen, wird sich dauerhaft durchsetzen“, sagte Titz. „Ich bin davon überzeugt, dass wir genügend Siege holen werden.“ Schon am Freitag in Magdeburg (18.30 Uhr) muss der 47-Jährige seine Chefs nicht nur mit einem Sieg, sondern auch mit einer torgefährlicheren Spielweise überzeugen. Dabei dürfte Titz entgegenkommen, dass er das nächste Schicksalsspiel auswärts bestreiten darf. In der Fremde ergaben sich zuletzt mehr Räume für das Spiel des HSV.

Doch nur auf diese Hoffnung wird sich Titz für die Partie bei einem Aufsteiger nicht verlassen können. Der Trainer muss Ergebnisse liefern. „Wir werden intensiv nach Lösungswegen suchen“, sagt Titz, für den die Torflaute auf Kleinigkeiten, wie den häufig fehlenden letzten Pass, basiert. „Daran feilen wir im Training. Es ist aber nicht so, dass die Umsetzung im Spiel sofort funktioniert.“

Viel Zeit für Verbesserungen auf dem Platz wird Titz aber wohl nicht mehr bekommen. Weder vom Vorstand noch von den Rentnern im Volkspark.