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Dieter Matz – Geheimnisse eines HSV-Reporters

| Lesedauer: 9 Minuten
Jens-Meyer-Odewald
Spätestens, als er
ihn am Rothenbaum
spielen sah, war es
um ihn geschehen.
Fortan war Uwe
Seeler das große Idol
von Dieter Matz
(hier bei der Präsentation
des Buchs
„Danke Uwe“)

Spätestens, als er ihn am Rothenbaum spielen sah, war es um ihn geschehen. Fortan war Uwe Seeler das große Idol von Dieter Matz (hier bei der Präsentation des Buchs „Danke Uwe“)

Foto: Laible / HA

Der langjährige Abendblatt-Redakteur hat unzählige Geschichten erlebt. Die schönsten hat er nun aufgeschrieben – Matz ab.

Hamburg. Es ist Karfreitag 1981, schon vom Datum her ein besonderer Tag. In Erinnerung blieb er aus einem anderen Grund. Sportsfreund Dieter Matz, als Fußballreporter noch ein ziemlicher Jungspund, fährt mit seinem weißen VW-Käfer gen Hoheluft. Sein Job: Reportage über das Kreisligamatch FC Alsterbrüder gegen SV Friedrichsgabe. Was für ein Vereinsname. Auftraggeber: Redaktion der Lokalzeitung „Heimatspiegel“ in Norderstedt. Als der Journalist überpünktlich eintrifft, gehen die Mannschaften gerade wieder zurück in die Kabine. Abpfiff vorm Anpfiff.

Kein Schiedsrichter weit und breit. Auf Wiedersehen also. Doch Matz kann. Er besitzt die Trainer-B-Lizenz. Und Matz macht’s. Spontan. Vom Platzwart mit Trainingsjacke und Pfeife ausgestattet, bringt er den Kick erstklassig über die Runde – Platzverweis einer der „Brüder“ inklusive. Er möge wiederkommen und in Aktion treten, bitten die Clubs unisono. Die Pfeife darf er mit nach Hause nehmen. Er besitzt sie heute noch. Ein unvergessliches Erlebnis hat er außerdem im Gepäck.

Erlebnisse aus mehr als 35 Jahren

Doch ist dieses nur ein winziger Vorgeschmack, ein Appetithäppchen quasi. In dem jetzt erscheinenden Buch „Matz ab!“ erinnert sich der Autor Dieter Matz an wundersame, köstliche, in jedem Fall prickelnde Erlebnisse seiner mehr als 35 Jahre als Berichterstatter und Begleiter des Fußballs. Im Kleinen wie im Großen, in jeder Beziehung. Der Untertitel ist Programm: „Zum Staunen, Schmunzeln und Stirnrunzeln.“ Denn Matz bleibt seinem journalistischen Credo treu: nah dran, aber immer mit eigenständiger Meinung.

Wenn sich das alles, Hingabe und Begeisterung über alle Zeiten, schreibt Olli Dittrich in einem literarischen, sehr persönlichen Vorwort, „über alle verlorenen Endspiele, Relegationen und Tabellenstände hinweg so hartnäckig hält und mit nur zwei Worten beschreiben ließe, dann so: Dieter Matz.“ Sein Fazit zieht „Dittsche“ so: „Lesen Sie dieses Buch, und der Fußball ist wieder so, wie er einmal war.“ Volltreffer.

Liebenswerte Episoden

In mehr als 70 Spots beleuchtet der Autor das Geschehen rund um den Ball, fast immer außerhalb des Rasens. Folglich handelt es sich nicht um ein Fußballbuch im herkömmlichen Sinne, sondern um ein Kaleidoskop ebenso lesens- wie liebenswerter Episoden. Man muss kein Sportverrückter und erst recht kein HSV-er sein, um sich an diesen Kapiteln zu ergötzen.

Wer liest, gewinnt. Unter dem Strich eröffnet sich ein faszinierender, oft humorvoller Blick hinter die Kulissen des Balls. Egal, ob der Leser verwundert den Kopf schüttelt, von einer Gänsehaut heimgesucht wird oder herzhaft lachen muss: Matz nimmt einen an die Hand und führt kenntnisreich durch den Hamburger, den deutschen und den internationalen Fußball. Bis heute.

Ergreifendes Rendezvous

Warum verdankte ihm Udo Lindenberg ein – im wahrsten Sinn des Wortes – ergreifendes Rendezvous? Welchen Anteil hatte Dieter Matz an der Nominierung des HSV-Profis Sven Kmetsch für Deutschlands Nationalteam? Warum schrieb ihm der ehemalige HSV-Trainer Thomas Doll mit Filzstift auf eine Postkarte: „Dieter, du kannst mich zu jeder Zeit anrufen. Bei Tag und Nacht.“? Und wie kam es eigentlich wirklich dazu, dass Felix Magath aus Bremerhaven Bundesligatrainer wurde?

Matz weiß mehr. Und vor allem verfügt er über ein vortreffliches Gedächtnis. Wie er mit der Veröffentlichung dieser Erinnerungsschätze passgenau vor seinem 70. Geburtstag am kommenden Montag dokumentiert. „Dieter Matz hat alle Geschichten verinnerlicht, seinen Beruf geliebt und gelebt“, lobt Fußballikone Jochen Meinke, Kapitän der HSV-Meistermannschaft von 1960. Verdammt lang her ist das.

Die 192 Buchseiten, garniert mit handverlesenen Zitaten, starken Fotos und einer markanten Bildsprache, sind eine Wundertüte einmaliger Geschichte und Geschichten.

Matz ab! Klappe auf, Akt eins

Wir schreiben den 18. Oktober 1958; fast genau sechs Jahrzehnte ist das her. An der Hand seines Onkels Rudi erlebt der zehnjährige Dieter den ersten großen Kick seines Lebens: Bergedorf 85 gegen den HSV. Oberliga Nord. Lange führt der Außenseiter, doch setzen sich die Rothosen um Seeler und Stürmer letztlich durch.

Um den Buttje ist’s geschehen. Der Keim lebenslanger Leidenschaft wurde gepflanzt. Im Jahr darauf ist Dieter im Stadion an der Rothenbaumchaussee dabei. Aufgeregt hoch drei. Wer kann schon ahnen, dass er später sehr engen, professionellen und dennoch menschlichen Kontakt zu den Heroen von damals pflegen wird. Mit allen ist er per Du – und trotz aller Kritik zwischenzeitlich eben nicht perdu. Das ist die Kunst.

Matz ab! Klappe auf, Akt zwei

Matz ist mittenmang. Meist für das Hamburger Abendblatt, jedoch auch bei einem Gastspiel für die „Bild“ begleitete der gebürtige Reinbeker mit heutigem Wohnsitz Norderstedt den Amateurfußball, die Profis des HSV und des FC St. Pauli, die Nationalelf. Bei drei Welt- und vier Europameisterschaften ist er präsent. Eigentliches Zuhause, vom Herzen her, sind die Bolzplätze der unteren Klassen, dort also, wo das richtige, das ehrliche Spiel läuft.

Ob Beckenbauer oder Lattek, ob „Uns Uwe“ oder Hrubesch, ob Rehhagel, Ribbeck oder WM-Goldschütze Brehme: Der Reporter mit dem unverwechselbar norddeutschen Idiom, der rund 20 Jahre in Barmbek wohnte, sprach mit allen. Im Buch kommt nicht jeder gut weg. Wie nicht nur Udo Lindenberg und mancher HSV-Grande lesen kann. Der Autor beschreibt Netzers Explosion, notiert spektakuläre (und teure) Fehleinkäufe, schildert Stammtischbrüder auf Teneriffa

Matz ab! Klappe auf, Akt drei

Er erinnert sich an Jagdszenen in Rotterdam, erzählt, wie er einen Barmbeker in Sofia besuchte, sich mit HSV-Coach Coordes fetzte, mit dem „Master of Grätsche“ das große Schweigen probte und Fritz Walter verbotenerweise die Hand schüttelte. Matz hütete Schweine im Rinnstein, duellierte sich Nase an Nase mit „König Otto“, erhielt von Bierhoff ein weltmeisterliches Trikot, reiste ohne Pass zur WM nach Japan und erlebte auf der Bühne eines Kreuzfahrtschiffs Zoff mit Sepp Maier. Ein Foto zeigt ihn Seite an Seite mit Uli Hoeneß und der Meisterschale. Gewürzt werden die Anekdoten mit Zitaten, die für sich sprechen. „Körperlich haben wir keine Probleme“, sinnierte HSV-Trainer Coordes zum Beispiel, aber „physisch müssen wir was tun.“ Viel mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Im Sommer 2009 wechselte Dieter Matz beruflich die Flügel, jedoch nicht den Arbeitgeber: Im Hamburger Abendblatt ging der Internet-Blog „Matz ab“ an den Start. Es war ein Steilpass erster Klasse, und der Namenspatron traf ins Schwarze. „Der erfolgreichste Fußball-Blog Deutschlands“, hieß es offiziell, verbuchte zeitweise um die 20 Millionen Zugriffe pro Jahr. Es gab einen Fanclub, der übrigens nach wie vor höchst lebendig ist und etwa 100 Mitglieder umfasst, Buttons, Banner, Aufkleber, Autogrammkarten gar. Im Fernsehen war er Dauergast, allein 66-mal im „Doppelpass“.

Matz ab!

Auch aus dieser Ära, die für Dieter Matz Ende 2015 im Alter von 67 Jahren ausklang, hat der Buchautor schöne Geschichten parat. So wussten Mitstreiter seiner „Matz ab“-Riege ob ihrer internationalen Vernetzung vom damaligen Sensationstransfer des Weltstars Ruud van Nistelrooy. Die HSV-Strategen waren perplex. Die Jungs um „Eiche Nogly“, „Jacek Dembinski“ und „Didi“ Matz hielten dicht. Der Deal klappte. Und der Blog war mal wieder ganz vorne. Matz blieb da, wo er sich am meisten wohlfühlt: kerzengerade auf dem Boden.

Das vorläufige Finale

Nach seinem Abschied als aktiver Berichterstatter und Blogger wurde der Sportsmann „Legendenbetreuer“ beim HSV. Mit Inbrunst und Fingerspitzengefühl kümmerte sich Dieter Matz um die Fußballmeister glorreicher, vergangener Tage. Knapp ein Jahr später quittierte er den Job. Der Grund: Weggefährte Dietmar Beiersdorfer wurde als HSV-Chef gefeuert. Sollte dies eines Tages geschehen, hatte Dieter Dietmar zuvor in die Hand versprochen, würde er mitgehen. So geschah es. Und so steht’s auch im Buch.

Nicht jeder verstand diesen Schritt. Doch bei Dieter Matz gilt von jeher: ein Mann, ein Wort. Eine norddeutsche Eiche lässt sich nicht verbiegen.

Matz ab! Und Buch auf.

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