Nach dem HSV-Abstieg

Dieter Matz: „Die Uhr zum Wiederaufstieg tickt“

Der HSV steigt nach 55 Jahren aus der Bundesliga ab
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Wie Falko Droßmann lassen sich viele vor der neuen HSV-Uhr fotografieren. Dieter Matz verabschiedet seine erste große Liebe.

Hamburg.  Das war es nun mit der Bundesliga. Der letzte Dino hat sein Leben ausgehaucht, die legendäre Uhr in der Nordostecke des Volksparkstadions hat nach 54 Jahren, 261 Tagen, 00 Stunden, 36 Minuten und zehn Sekunden ausgedient. Der HSV ist, das hat sich nicht nur seit Monaten, sondern seit vielen Jahren angekündigt, nicht mehr erstklassig.

Denke ich an den HSV, fühle ich eine totale Leere in mir. Heulen könnte ich, Rotz und Wasser heulen, ganz ehrlich. Das geht wohl vielen so. Freunde und Bekannte von mir sind am Ende, sind fertig, absolut fertig mit Jack un Büx. Diese Ahnungslosen vom Volkspark, jetzt haben sie ihr Werk vollendet. Es macht mich fassungslos, ich bin geschockt, ratlos. Der HSV in Liga zwei, ich habe es immer für unmöglich gehalten. Tatsächlich für unmöglich.

Aber immer wieder gab es fromme Versprechungen und flotte Sprüche, immer wieder haben sie die schlechtesten Spiele nur schöngeredet und die immer prekärere Lage des Clubs verharmlost. Unfähige Nasen waren da am Werk. Doch dabei haben sich bei Weitem nicht nur die, die Verantwortung dafür trugen und an der Spitze des Vereins standen, schuldig gemacht, sondern auch alle großen HSVer, die oft hinter der vorgehaltenen Hand meckerten, die aber nie eingriffen, die alles tatenlos laufen ließen. Es ist ein Jammer, was aus diesem großen Traditionsverein, der treue Anhänger auf der ganzen Welt hat, geworden ist. Wie konnte dieser Niedergang geschehen, ohne dass auch nur einer in dieser schönen Stadt dem Treiben im Volkspark Einhalt gebot?

Seeler, Schnoor und Dörfel waren Matz’ Jugendhelden

Meine Bundesligazeit war am 18. August 1963 schon einmal beendet. Ganz kurz nur, aber ich gebe es zu. Als Zuschauer saß ich, damals 14 Jahre jung, als einer von 32.000 Besuchern erwartungsfroh auf der alten Holzbank der Osttribüne. Der HSV bestritt sein erstes Bundesligaheimspiel, es ging gegen Saarbrücken.

Ein Mann namens Dieter Krafczyk hatte in der 28. und 38. Minute für die 2:0-Führung der Saarländer gesorgt und mir den Nachmittag verdorben – ich war mit den Nerven am Ende. Aufstehen und nach Hause, so durchfuhr es mich. Wie sollte der HSV das noch aufholen? Unmöglich. Es lief doch nichts zusammen. Oh nein, was für ein Bundesligastart! Erst das magere und glückliche 1:1 in Münster, jetzt wohl gleich die erste Heimpleite. Sie drohte. Ich war allein im Volkspark, konnte mit niemandem darüber reden, aber ich wollte in Gedanken nur weg. Bundesliga ade. In der Pause wollte ich nach Hause, so viel stand fest.

Sekunden vor dem Halbzeitpfiff dann keimte aber doch Hoffnung auf. Das Anschlusstor, erzielt von „Charly“ Dörfel. Ein Treffer, der meine Rückfahrtpläne ad acta legte. Ich blieb. Und im zweiten Durchgang „fiedelte“ der HSV dann die Saarbrücker mit 4:2 vom Platz. Noch zweimal Dörfel, dazu einmal Uwe Seeler. Meine Helden.

Wie oft war ich Horst Schnoor, wenn wir auf der Straße bolzten und kein Torwart da war? Dann ging ich zwischen die Pfosten. Spielte ich vorne, hechtete ich so wie Uwe in die Flanken, ich versuchte mich an Fallrückziehern und Volleyschüssen. Und weil mich Hamburgs Verbandstrainer Günter Grothkopp auf dem Weg in die Auswahl ermahnte, mehr für meinen linken Fuß zu tun, versuchte ich so oft es geht, mit links zu flanken. Wie der „Flankengott“ persönlich, wie Charly. Durch ihn allein habe ich mein linkes Bein bekommen.

Die Spieler waren wie Halbgötter

Herrliche Zeiten waren das, absolut herrliche Bundesligazeiten. Auch wenn der HSV mitunter schwer zu kämpfen hatte, um die Klasse zu halten.

Dachte ich in jenen Tagen an den HSV, und ich dachte fast rund um die Uhr an den HSV, hatte ich sofort ein bestimmtes und sich großartig anfühlendes Kribbeln im Bauch. Dann gab es nur Fußball für mich, nichts anderes. Es war damals schon so: Nur der HSV. Ich bewunderte jeden Spieler, der es ins Trikot mit der Raute geschafft hatte. Es waren alles Halbgötter für mich. Ernsthaft. Und ich verzieh meinen Idolen alles, auch noch so schlechte Spiele, sogar die höchsten Niederlagen. Weil ich immer daran glaubte, dass sie es beim nächsten Mal besser machen würden. Allein Uwe Seeler, der alle mitriss, der jeden lautstark antrieb, garantierte es mir. Ganz klar, das war Liebe. Der HSV war meine erste große Liebe.

Es gab Titel zu feiern, Pokalsiege zu bejubeln. Ernst Happel wurde hofiert. Es gab unvergessene Spiele, so wie das 1:0 von Felix Magath in Athen gegen Juve, das 5:1 gegen Real Madrid, dieses traumhafte 4:4 gegen Juventus Turin. Und nun das. Der Abstieg. Nicht zu begreifen.

Hauptsache das Geld ist auf dem Konto

Noch weiß ich nicht, wie es mit dem HSV weitergehen wird. In Köln steht schon fast die neue Zweitliga-Mannschaft, in Hamburg gibt es noch Macht- und Grabenkämpfe, Gerüchte und immer noch viel zu schlechte Spieler. Ich fürchte jetzt schon, mit diesem schlechtesten HSV-Team aller Bundesligazeiten zum Beispiel Spiele in Aue, Ingolstadt, Regensburg, Heidenheim oder in Sandhausen bestreiten zu müssen. Ich fürchte: Das wird auch da nichts. Das kann nichts werden. Es müsste jetzt, da der Verein in Schutt und Asche liegt, einen absoluten und totalen Neuanfang geben. Aber kann es den geben? Wird es den geben? Ich glaube nein. Ich denke vielmehr daran, dass weiter so unfähig und amateurhaft gewurschtelt wird wie in den vergangenen Jahren. Motto: Jeder denkt an sich – und an den HSV zuletzt. Hauptsache, das dicke Gehalt ist am Monatsende auf dem eigenen Konto.

Fußball mit Leidenschaft, mit Emotionen, Herz und Enthusiasmus, ehr­licher Fußball, mit Kampf und Spielwitz gepaart, das war einmal, das ist vorbei.

Tatsache: Noch packe ich es nicht, dass der HSV nur noch zweitklassig ist. Sie haben alle versagt, so krass versagt, und ich bin unfähig, klare Gedanken in den Kopf zu bekommen, wenn es um die Zukunft meines Clubs geht. Es ist alles unfassbar. Zum Heulen.

Ab sofort läuft an der Geschäftsstelle des Abendblatts die Uhr zum Wiederaufstieg. Eine schöne Aktion, da schwingt Hoffnung auf Besserung mit. Aber mein Verstand sagt: Hoffentlich tickt sie nicht sehr, sehr lange.