Zweite Liga

Warum sich der HSV in erstklassiger Frühform befindet

Torschützen unter sich: Pierre-Michel Lasogga (r.) traf zum 3:1, Neuzugang Khaled Narey sogar doppelt

Torschützen unter sich: Pierre-Michel Lasogga (r.) traf zum 3:1, Neuzugang Khaled Narey sogar doppelt

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Nach dem 3:1 gegen den französischen Vizemeister Monaco sind sich HSV-Fans und Spieler einig: Die Zweite Liga kann kommen.

Hamburg. Am Sonntagvormittag wurde der letzte Rest vom Schützenfest beseitigt. Müllsäcke voller leerer Bierbecher wurden aufgesammelt. Im Stadion pusteten Reinigungskräfte den Dreck von den Tribünen, und auf dem Stadionvorplatz bauten Handwerker die Bühne ab, auf der sich am Sonnabend die HSV-Profis (vor der Saisongeneralprobe) den Fans präsentiert hatten und wo Lewis Holtby (nach der Saisongeneralprobe) die Stimmung noch einmal zum Kochen brachte. „Danke HSV-Fans!“, rief der Blondschopf der begeisterten Menge zu, als er Stunden nach dem 3:1-Sieg gegen AS Monaco als Überraschungsgast beim Volksparkfestkonzert der HSV-Troubadouren Elvis und Carsten Pape auftrat. „Ich habe richtig Bock auf die Zweite Liga!“

Wenige Tage vor dem längst ausverkauften Saisonauftakt gegen Holstein Kiel (Freitag, 20.30 Uhr/Sky) könnte die Euphorie im Volkspark kaum größer sein. „Die Stimmung im Umfeld ist enorm positiv“, sagt Trainer Christian Titz, der in wenigen Wochen die 180-Grad-Wende geschafft hat und sich noch gut an alle apokalyptischen Szenarien rund um den ersten Abstieg der Clubgeschichte erinnern kann. „Es ist einfach schön, dass sich die Grundstimmung gewandelt hat.“

Gerade zweieinhalb Monate ist es her, dass ganz Hamburg über den ersten Abstieg der Vereinshistorie trauerte. „Vor einigen Monaten war hier noch eine gefühlte Untergangsstimmung“, erinnert sich Titz, der sich nun umso mehr über die neue Euphorie freut: „Die Leute haben wieder Hoffnung.“

Becker zahlte nur einmal eine Ablöse

Ähnlich kompromisslos wie bei den leeren Bierbechern auf dem Stadionvorplatz setzten die HSV-Verantwortlichen direkt nach dem Supergau im Mai zum Großreinemachen an. Vom Auftaktgegner aus Kiel wurde Sportchef Ralf Becker geholt, der still und heimlich aus dem überteuertsten Kader der Bundesliga den jüngsten (und zumindest einen der vielversprechendsten) Kader der Zweiten Liga machte.

Die Abstiegsflops Walace, Bobby Wood, André Hahn, Christian Mathenia, Sven Schipplock, Nicolai Müller, Luca Waldschmidt, Dennis Diekmeier, Sejad Salihovic und Mergim Mavraj mussten gehen, Filip Kostic und Albin Ekdal dürften noch folgen. Dafür kamen die ablösefreien Jairo Samperio, David Bates, Christoph Moritz und Manuel Wintzheimer. Und lediglich für den zweifachen Monaco-Torschützen Khaled Narey zahlte der HSV 1,7 Millionen Euro Ablöse.

HSV spielte starke Vorbereitung

Dass sich die Aufräumarbeiten gelohnt haben, deuteten nicht nur die Testspiele vor der ersten Zweitligasaison der Clubgeschichte an. Der HSV konnte sechs von sieben Vorbereitungsspielen gewinnen und dabei – bis auf den verkorksten 1:5-Test gegen Aarhus – auch fußballerisch überzeugen. Das Titz-Team besiegte den Europa-League-Teilnehmer Rapid Wien mit 2:1 und bezwang die Champions-League-Teilnehmer ZSKA Moskau (1:0) und eben AS Monaco sogar hochverdient.

„Das war der letzte Test, den wir uns gewünscht haben. Wir hätten sogar ein paar Tore mehr machen können“, sagt Titz, der bemüht ist, die Euphorie über die erstklassige Frühform vor der zweitklassigen Saison nicht zu groß werden zu lassen: „Wir sollten das Spiel auch nicht überbewerten. Aber ich mache mir da keine großen Sorgen. Wir haben keine Mannschaft, die zum Abheben neigt.“

Wirklichen Grund zum Abheben besteht auch nicht. Denn falls es irgendjemand im Laufe des Sommers vergessen haben sollte: Der HSV ist abgestiegen. „Das hat keiner vergessen“, versichert Holtby. „Wir wollen den Karren nun gemeinsam wieder aus dem Dreck ziehen. Und dass wir dabei von den Fans und von der ganzen Stadt so brutal unterstützt werden, tut richtig gut.“

Hunt bereitete alle drei Tore vor

7000 neue Mitglieder konnte der HSV seit dem Abstieg gewinnen, 25.000 Dauerkarten wurden verkauft, und auch zum traditionellen Volksparkfest kamen am Sonnabend trotz Hitze und anschließendem Unwetter knapp 30.000 Fans. „Man spürt ein Jetzt-erst-recht-Gefühl“, sagt Holtby, der noch vor der Sommerpause mit seiner Vertragsverlängerung für die Initialzündung gesorgt hatte. „Nach dem letzten Spiel war mir klar, dass ich hier bleiben und bei diesem Neustart dabei sein will.“

Neben Holtby waren beim ersten Spiel nach dem letzten Bundesligaspiel auch Ex-Kapitän Gotoku Sakai, Neu-Kapitän Aaron Hunt, Rick van Drongelen, Douglas Santos, Matti Steinmann, Vasilije Janjicic und Torhüter Julian Pollersbeck aus der Abstiegssaison von Anfang an gegen Monaco dabei. Die einzigen Neuzugänge, die gegen den französischen Vizemeister von Beginn an auflaufen durften (und allesamt restlos überzeugten), waren Bates, Samperio und Narey (siehe Text rechts).

Ebenfalls neu ist allerdings die Rolle, die Trainer Titz im Hinblick auf den Saisonauftakt für Hunt angedacht hat. Der Offensivallrounder, der kurz nach Holtby verlängert hatte, durfte gegen das monegassische Starensemble als Sturmspitze auflaufen und bedankte sich artig mit drei Torvorlagen. „Unseren letzten Härtetest haben wir bestanden“, freut sich Hunt, der im besten Oliver-Kahn-Sinne ein „immer weitermachen“ beim Start gegen Kiel fordert: „Sonst bringt das alles nichts, wenn wir am Freitag nicht da anknüpfen, wo wir gegen Monaco aufgehört haben.“

Holtby freut sich auf Aufmerksamkeit

Kein Spiel in der Clubgeschichte war so schnell ausverkauft wie der Zweitligaauftakt gegen Holstein Kiel. „Da wird ganz Fußball-Deutschland hingucken“, frohlockt Holtby, der allerdings auch weiß, dass der Zweitligaalltag eher früher als später einsetzen wird. Wahrscheinlich schon am zweiten Spieltag, wenn der HSV im ersten Auswärtsspiel der Saison zum SV Sandhausen muss. Dort, in der baden-württembergischen Provinz, müssen die Hamburger dann zeigen, wie groß die Lust auf die Zweite Liga tatsächlich ist.

Fanliebling Holtby scheint keine Zweifel zu haben: „Kann losgehen.“

HSV: Pollersbeck – Sakai (46. Ito), Bates, van Drongelen, Santos – Steinmann (70. David) – Samperio (70. Lasogga), Janjicic (70. Moritz), Holtby (62. Wintzheimer), Narey (82. Vagnoman) – Hunt (82. Arp). Tore: 1:0 Narey (29.), 2:0 Narey (43.), 2:1 Lopes (47.), 3:1 Lasogga (73.) Zuschauer: 25.502.