Bundesliga

Experten: Was ein HSV-Abstieg für Hamburg bedeuten würde

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Almut Kipp
HSV-Bude (Teil 7): Stoßjebet für den FC-Sieg in Wolfsburg

HSV-Bude (Teil 7): Stoßjebet für den FC-Sieg in Wolfsburg

Köln schuldet uns was: Darum wäre es nur fair, wenn der FC gegen Wolfsburg gewinnt, um den HSV im Abstiegskampf zu unterstützen.

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100 Millionen Euro Wertschöpfung in der Stadt. Doch Experten sehen einen HSV-Abstieg nicht so dramatisch. Das sind die Gründe.

Hamburg. Sollte der HSV das Wunder Klassenverbleib nicht wahr werden lassen, wäre Hamburg das erste Mal seit 55 Jahren ohne einen Fußball-Bundesligaverein. Das hätte auch Folgen für die Stadt – wirtschaftlich und für das Image.

Aber vor allem das Image des Hamburger SV hat in dieser Saison weiter Schaden genommen, trotz der jüngsten Erfolge und der Charmeoffensive von Mannschaft und Trainer Christian Titz. Der wahrscheinliche Sturz in die 2. Bundesliga nach fünf Jahren Dauerabstiegskampf wird den einstigen Glanz des Bundesliga-Gründungsmitglieds endgültig verblassen lassen.

"HSV macht uns sympathisch, wenn es gut läuft"

Ohne den HSV in der Beletage schwindet aber auch dessen Strahlkraft für die Hansestadt. Darin sind sich Marketing- und Wirtschaftsexperten seit den Relegationsjahren einig – und Hamburgs Bürgermeister sowieso: „Der HSV ist ein ganz beliebter Verein auch über die Grenzen Hamburgs hinaus. Es macht uns sympathisch, wenn es gut läuft“, sagte Peter Tschentscher (SPD), selbst häufig Gast im Volksparkstadion, bereits im April im NDR-Fernsehen. Die „große Tragödie“, von der er damals sprach, kann nun am Sonnabend im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach Realität werden.

Ein Abstieg wird neben dem Imageschaden auch wirtschaftliche Folgen haben. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) beziffert den Einkommens- und Beschäftigungseffekt durch den HSV als Erstligist auf rund 100 Millionen Euro oder rund 700 bis 800 Arbeitsplätze. Bei einem Abstieg würden Jobs direkt im Verein und indirekt in Kneipen, Restaurants und Imbissbuden zum Teil in Gefahr geraten.

Zuschauerschwund, fehlende TV-Gelder, Rückgang beim Merchandising

Der HWWI-Ökonom Henning Vöpel erwartet einen Verlust von 30 Millionen Euro Wertschöpfung für Stadt und Verein im ersten Zweitliga-Jahr, im zweiten von 50 Millionen Euro. Zuschauerschwund, fehlende TV-Gelder, rückläufige Verkaufszahlen bei Merchandising-Produkten und abspringende Sponsoren könnten dem Club in Summe schwer zusetzen. Nicht zu reden von Edel-Mäzen Klaus-Michael Kühne, der nur wieder Geld geben wollte, „wenn die Rechnung stimmt“.

Ein sofortiger Wiederaufstieg des HSV wird kein Selbstgänger. Der Club muss aber Erfolge haben, damit sich die Hamburger - nicht nur die Hardcore-Fans - wieder mit ihm identifizieren. Der jüngste Aufschwung unter Trainer Titz reicht da nicht.

„Allen kleinen Hoffnungen zum Trotz entwickelte sich, anders als in den vergangenen Jahren, aufgrund des großen Abstands zum rettenden Ufer kaum ein Aufbäumen oder Wir-Gefühl in der Stadt“, meinte der Geschäftsführer der Hamburger Agentur Jung von Matt/Sports, Raphael Brinkert. „Noch viel schlimmer: Viele Hamburger wünschen dem HSV hinter vorgehaltener Hand längst einen Abstieg, um einen kompletten Neuanfang zu starten“.

Vorbild Dortmund und Klopp?

Umfrage: Hätte der HSV den Abstieg verdient?
Umfrage: Hätte der HSV den Abstieg verdient?

Der steht nun bevor, unabhängig von der Liga-Zugehörigkeit. „Großes Vorbild für den HSV könnte der BVB unter der Ägide von Jürgen Klopp sein, als der Verein mit vielen jungen talentierten Spielern einen kompletten Neuanfang auf dem Platz wagte und dafür nicht nur sportlich, sondern auch vom Umfeld, von den Medien und von den Fans gefeiert wurde“, verweist der Werbe- und Kommunikationsexperte auf Borussia Dortmund.

Von Champions-League-Träumereien ist der HSV vorerst weit entfernt. „Vom Image lebt der HSV derzeit ausschließlich von der Tradition und der schier unendlichen Liebe seiner Fans“, sagt Brinkert. Doch anders als beim VfB Stuttgart, der sich nach einjähriger Zweitliga-Runde in dieser Saison wieder im Oberhaus etablierte, müssen die HSV-Fans erst noch gehalten werden.

„Die extreme Solidarität der Stuttgarter Fans, die in Liga 2 für volle Stadien sorgten, ist in Hamburg vielleicht nicht so gegeben“, warnte HWWI-Ökonom Vöpel. Anders als am Millerntor, wo Zweitligist FC St. Pauli ein Lebensgefühl symbolisiert, straften HSV-Fans ihre Spieler mit Liebesentzug ab. Paradox: Gerade auswärts könnte der HSV als Absteiger aber volle Stadien bringen, sagt Vöpel. So nach dem Motto: den muss man mal gesehen haben.

Hamburger Hotels: HSV hat winzigen Anteil

Eine andere Sicht hat die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Hamburg, Ulrike von Albedyll, auf das drohende sportliche Desaster: „Ich glaube nicht, dass der Abstieg des HSV das Image unserer schönen und sehenswerten Stadt beschädigen kann, auch wenn es sehr bedauerlich für den HSV ist.“ Längst haben sich die Tourismus-Vermarkter auf die Elbphilharmonie fokussiert, die mit stets ausverkauften Konzerten auf der internationalen Marketing-Bühne zum Aushängeschild reüssierte.

Und die kolportierten 5000 Hotel-Übernachtungen pro HSV-Heimspiel, die aus Dehoga-Sicht realistisch scheinen, haben an den erwarteten 14 Millionen Übernachtungen 2018 lediglich einen Anteil von 0,35 Promille. Ebenso ist der Verlust von bis zu 100 Millionen Euro bei Gesamtumsätzen der Tourismusbranche von rund 6,0 Milliarden Euro eher gering.

Sollte der HSV tatsächlich absteigen und Holstein Kiel in der Relegation den Aufstieg in die Bundesliga verpassen, gebe es mit dem FC St. Pauli allerdings drei Nordclubs in der 2. Bundesliga. „Das sind sechs Spiele in Norddeutschland mit Derby-Charakter“, sagt Vöpel. „Und das hat Vermarktungspotenzial.“

( lno )

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