Hoffmann, Kühne & Co.

Zweckbündnisse und geheime Allianzen: Wer ist der HSV-Boss?

| Lesedauer: 6 Minuten
Die fantastischen HSV-Vier (v.l.): Investor
Klaus-Michael Kühne, Sportdirektor Bernhard
Peters, Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann und
Alleinvorstand Frank Wettstein

Die fantastischen HSV-Vier (v.l.): Investor Klaus-Michael Kühne, Sportdirektor Bernhard Peters, Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann und Alleinvorstand Frank Wettstein

Foto: Witters

Nach dem Abendblatt-Interview von Bernhard Peters ist hinter den HSV-Kulissen ein Machtkampf entbrannt.

Hamburg. Als Bernd Hoffmann am frühen Sonnabend an Gate 17 des Hamburger Flughafens erstmals auf das große Abendblatt-Interview von HSV-Sportdirektor Bernhard Peters angesprochen wird, lächelte der Aufsichtsratschef des HSV nur. Er habe noch gar keine Zeitungen gelesen, sagt Hoffmann. An diesem Tage sei doch ohnehin nur das Auswärtsspiel in Frankfurt wichtig. Neben Hoffmann steht Aufsichtsratsvize Max-Arnold Köttgen, unter dem Arm ein ganzes Bündel von Zeitungen, und lächelt ebenfalls. 3:1 tippt Köttgen, „natürlich für den HSV“ – und verschwindet mit Hoffmann in der Maschine LH015 nach Frankfurt.

Einige Stunden später ist klar: Köttgens Tipp ist nicht aufgegangen – genauso wenig wie Hoffmanns frommer Wunsch, dass an jenem Tag nur das Spiel bei Eintracht Frankfurt im Fokus steht. Am Montag titelt die „Bild“-Zeitung „Peters zettelt Machtkampf an“, die „Mopo“ schreibt in großen Buchstaben: „Peters stellt sich ins Abseits“.

Peters verärgerte den Aufsichtsrat

Doch was ist überhaupt passiert? Anstoß des ganzen Wirbels war vor allem ein Vorstoß. So hatte Bernhard Peters dem Abendblatt für die Sonnabendausgabe ein großes Interview gegeben, in dem der HSV-Sportdirektor proaktiv die zukünftige Führungsstruktur thematisierte. „Wir müssen uns in unserer Struktur unabhängig machen von Trainern und Managern. Wir müssen Wiedererkennungsmerkmale als DNA des HSV implementieren.

"Das kannst du nur mit einer übergeordneten Struktur“, sagte Peters, der vor allem zwei Dinge klarstellen wollte. Erstens: Der noch gesuchte Manager solle „in meinen Augen unterhalb des Vorstandes“ angesiedelt sein. Und zweitens: Dieser Vorstand sollte am besten er selbst werden: „Wenn es gewünscht ist, bin ich bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, dass es in dieser Konstellation Sinn ergeben kann.“

Ein waschechter Sturm

Was möglicherweise als Diskussionsanregung für einen frischen Wind gedacht war, entwickelte sich über das Wochenende zum Orkan. Ein waschechter Sturm, den Peters wohl bewusst in Kauf nahm. „Herr Hoffmann ist ein sehr erfahrener Mann im Sport“, sagte Peters im Interview – wohl wissend, dass dem erfahrenen Hoffmann das Vorgehen nicht schmecken würde.

HSV verliert Schicksalsspiel in Frankfurt:

Tatsächlich waren nach Abendblatt-Informationen gleich mehrere Aufsichtsräte über das Interview extrem verstimmt. Offiziell wollte sich kein Kontrolleur äußern. Hinter vorgehaltener Hand machten mehrere Räte ihrem Ärger aber umso deutlicher Luft. Die Hauptvorwürfe: Zum einen sei der Zeitpunkt am Tag des so wichtigen Spiels in Frankfurt ungeschickt gewählt. Zum anderen hätte es Peters einem zukünftigen Sport-Vorstand durch seinen klar formulierten Wunsch, lieber selbst in den Vorstand zu wechseln, den Einstieg unnötig schwer gemacht.

Zentrale Frage

Die zentrale Frage, die nun vor dem Abstiegsfinale gegen Borussia Mönchengladbach am letzten Spieltag (Sonnabend, 15.30 Uhr) im HSV diskutiert wird, lautet: Wer ist hier eigentlich der Boss? Zumindest auf dem Papier ist das noch immer Allein-Vorstand Frank Wettstein, der nach den Entlassungen und Beurlaubungen von Heribert Bruchhagen (2018), Dietmar Beiersdorfer (2016), Joachim Hilke (2016) und Carl Jarchow (2015) als letzter Vorstandsmohikaner übrig geblieben ist.

Im NDR sagte Wettstein zwar noch vor nicht einmal zwei Wochen, dass er sich Peters nicht als übergeordneten Verantwortlichen vorstellen könne („als direkten Verantwortlichen für den Lizenz­bereich sieht ihn glaube ich keiner“). Allerdings soll Wettstein dem Peters-Vorstoß mittlerweile durchaus positiv gegenüber stehen. Auf Nachfrage des Abendblatts wollte sich der Clubchef am Montag aber nicht äußern.

Geheime Allianzen

Was kaum einer weiß: In den vergangenen Wochen, in denen Neu-Trainer Christian Titz alles daran setzte, das vor Kurzem nicht mehr für möglich gehaltene Wunder doch noch zu schaffen, haben sich geheime Allianzen und überraschend entstandene Zweckbündnisse für die Zeit nach der Saison gebildet. „House of Cards“ im Volkspark.

Hätte der Treffer von HSV-Profi Ito in Frankfurt zählen müssen?

Es wurden bisher 3502 Stimmen abgegeben.

Auf der einen Seite: Sportdirektor Peters, dessen Trainerzögling Christian Titz und Vorstand Wettstein, der zudem als letztverbliebener HSV-Vertrauensmann von Klaus-Michael Kühne gilt. Der Club-Investor machte in internen Mails an die HSV-Verantwortlichen auch nie einen Hehl daraus, dass er große Stücke auf Peters hält. So war es möglicherweise auch kein Zufall, dass nur einen Tag vor Peters’ Abendblatt-Interview Kühne der „Wirtschaftswoche“ sagte, dass Hoffmann zwar als Macher gelte, „aber auch als Alleinunterhalter“. Auf Nachfrage präzisierte der 80 Jahre alte Peters-Fan: „Wie überall im Leben muss man teamfähig sein und nicht nur auf seine eigene Kraft vertrauen – da bin ich ein bisschen skeptisch, ob das gelingt.“

Favorit als Sportvorstand bleibt Schröder

Auf der anderen Seite: „Macher“ Hoffmann mit seinem Aufsichtsratsvize Köttgen. Die beiden, die sich vor Hoffmanns Wahl zum HSV-Präsidenten gar nicht kannten, bilden seit der Mitgliederversammlung ein so nicht erwartetes Kontrolleurs-Tandem. Die beiden Räte telefonieren mehrfach täglich, sprechen alle Detailfragen ab und ziehen Entscheidungen immer im Doppelpack durch. Als beispielsweise Heribert Bruchhagen freigestellt wurde, besuchten Hoffmann und Köttgen den HSV-Chef gemeinsam in dessen Büro und teilten ihm die Beurlaubung mit. Einig sollen sich die beiden Brüder im Geiste auch sein, dass der Mainzer Manager Rouven Schröder nach der Saison ein geeigneter Kandidat als neuer Sportvorstand ist – und, dass Bernhard Peters eben nicht so ein Kandidat ist.

Spannend wird die neue Staffel „House of Cards im Volkspark“ aber vor allem dadurch, dass Hoffmann zwar in der Woche nach dem Saisonfinale ein neues Personaltableau vorlegen will, dass aber noch unklar scheint, auf welcher Seite sich der Rest des Aufsichtsrats positioniert. So hatte Kontrolleur Felix Goedhart noch zu Zeiten von Bruchhagen und Sportchef Jens Todt via Mail vorgeschlagen, auf Wettstein als Interimschef und Peters als Interimssportverantwortlicher weiterzumachen. Bleibt nun die Frage, ob Goedhart und Co. nach dem Aufwind der vergangenen Wochen unter Wettstein, Peters und vor allem Titz grundsätzliches Gefallen an den Interimslösungen gefunden haben.

Die finale Episode der unterhalt­samen HSV-Serie wurde von der DFL zwar für den kommenden Sonnabend terminiert. Allerdings gibt es durchaus noch Hoffnung, dass die Serienmacher zwei weitere Folgen Nachschlag gewähren. Und das Ende bleibt völlig offen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV