Krawalle beim Nordderby

Derbyschande und die Folgen: HSV will Täter zahlen lassen

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Stefan Walther und Kai Schiller
Hamburger Chaoten brannten fast während der gesamten Partie Pyrotechnik ab. Es ist nicht das erste Vergehen der Ultras

Hamburger Chaoten brannten fast während der gesamten Partie Pyrotechnik ab. Es ist nicht das erste Vergehen der Ultras

Foto: dpa / picture alliance/Citypress 24

HSV verurteilt das Zündeln im Gästeblock und kündigt Umlegung der Geldstrafe auf die Täter an. Supporters-Chef appelliert an Fans.

Hamburg. Beim Auslaufen am Sonntagvormittag war der HSV auf weitere Zwischenfälle seiner Anhänger vorbereitet. Sechs Kräfte des Sicherheitsdienstes Power waren vor Ort, gebraucht wurden sie allerdings nicht. Die Stimmung unter den gerade mal 15 anwesenden Fans blieb friedlich. Als die Profis am Campus vorbeitrabten, wurden sie mit einem Banner des Fanclubs Stormarner Ritter empfangen. „In schwierigen Zeiten wollten wir zeigen, dass wir hinter dem Verein stehen“, erklärte der Vorsitzende der 2010 gegründeten Fangemeinschaft, Michael Nebel, die solidarische Aktion.

Kommentar: Erbärmliches Auftreten

Gerade mal 15 Stunden zuvor war die Gemütslage noch eine andere. Über die gesamte Spieldauer des 108. Nordderbys (0:1) flogen Feuerwerkskörper und Böller aus dem mit 3500 Hamburgern, von denen die Polizei 800 als „Problemklientel“ einstufte, besetzten Gästeblock des Bremer Weserstadions. Schiedsrichter Felix Zwayer unterbrach das Spiel dreimal, um die Lage zu beruhigen.

Stadionsprecher über drohende Massenpanik instruiert

Nach dem zweiten Zwischenfall kurz vor der Pause lief der Unparteiische aus Berlin zielstrebig auf HSV-Sportchef Jens Todt zu. Zwayers klare Botschaft: Bei erneutem Einsatz von Pyrotechnik müssen beide Mannschaften in die Kabinen, bei einem weiteren Vorfall werde das Spiel abgebrochen.

Während Todt das Gespräch bestätigte („Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch“), spielte Zwayer den Vorgang herunter: „Die ordnungsgemäße Durchführung des Spiels war gewährleistet. Über einen Spielabbruch war nicht nachgedacht worden.“

Doch nicht nur im Gespräch mit Todt, auch gegenüber dem Bremer Stadionsprecher Arnd Zeigler muss Zwayer andere Worte gewählt haben. „Ich habe in der Sprecherkabine schon Instruktionen bekommen, wie auf einen Abbruch reagiert werden muss, um eine mögliche Massenpanik zu verhindern“, kommentierte der Moderator bei Facebook.

Für Zwayer blieb die Lage im zweiten Durchgang „vergleichsweise ruhig“, weshalb er sich gegen einen Spielabbruch, der eine 0:2-Niederlage für den HSV am grünen Tisch bedeutet hätte, entschied.

HSV-Ultras planen weitere Aktionen

Unmittelbar vor dem Abpfiff beging einer der HSV-Anhänger die schwerste Straftat, als eine auf den Platz geschossene Leuchtrakete Mittelfeldspieler Aaron Hunt nur um knapp einen Meter verfehlte. Mit einem weiteren brennenden Wurfgeschoss wurde ein Zuschauer verletzt, er wurde ins Krankenhaus gebracht.

„Nicht nur die Spieldurchführung war gefährdet, sondern auch die Gesundheit von Spielern und Zuschauern“, ließ sich Vorstand Frank Wettstein am Sonntag vom Verein zitieren. Auch Club-Boss Heribert Bruchhagen äußerte scharfe Kritik am Verhalten einiger Gewalttäter. „Das sind keine Fans, sondern Leute, die den Fußball nicht lieben.“

Zwischen dem Verein und seinen vermeintlichen Fans scheint es endgültig zum Zerwürfnis gekommen zu sein. Schon in der Vorwoche bei der 1:2-Niederlage gegen Leverkusen fielen einige Zuschauer mit einem Droh-Plakat („Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt!“) sowie einem versuchten Platzsturm negativ auf.

Für das kommende Heimspiel gegen Mainz (Sonnabend, 15.30 Uhr) sollen Ultras weitere Aktionen geplant haben. „Pyrotechnik hilft niemandem. Ich appelliere an alle, diesen Mist zu unterlassen und sich auf die Unterstützung der Mannschaft zu konzentrieren“, sagt Supporterschef Timo Horn auf Anfrage.

Sportrechtler erklärt die Rechtslage

Erst im Januar war der HSV vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wegen des Einsatzes von Pyrotechnik in drei Spielen (Hannover, Schalke und Frankfurt) mit einer Geldstrafe von 30.000 Euro belegt worden. Diesmal dürfte der HSV für das Fehlverhalten seiner Fans noch härter bestraft werden.

Pyro, Pech und Pannen: das 108. Nordderby in Bildern:

Kollektivstrafen, wie die Teilsperrung der Nordtribüne, soll es zwar nicht mehr geben, juristisch gebunden ist das Sportgericht an die mündliche Zusage von DFB-Präsident Reinhard Grindel allerdings nicht. „Trotzdem halte ich eine Blocksperre für unrealistisch“, sagt der renommierte Sportrechtler Christoph Schickhardt dem Abendblatt.

Wahrscheinlicher sei eine erneute Geldstrafe, deren Höhe der HSV maßgeblich beeinflussen könne. „Der HSV muss die Täter identifizieren, sie in Regress nehmen und bundesweite Stadionverbote aussprechen.“ Die Hamburger kündigten bereits an, eine Geldstrafe auf die Kriminellen umzulegen. „Wir werden alle juristischen Mittel ausschöpfen“, sagt Wettstein.

Pyrotechnik mit Rucksack ins Stadion geschmuggelt

Einer der Zündler wurde bereits von der Polizei identifiziert und festgenommen. Von einer weiteren Person, die einen Rucksack über den Stadionzaun in den Gästeblock schmuggelte, wurden die Personalien aufgenommen. Um einer drastischen Geldstrafe zu entkommen, müsste der HSV jedoch Dutzende weitere Täter identifizieren.

Nach Abendblatt-Informationen wird intern nun auch ein Banner-Verbot, das im Vorjahr nach ähnlichen Vorfällen beim Heimspiel gegen Darmstadt (1:2) ausgesprochen wurde, diskutiert. Eine solche Regel würde sich ebenfalls strafmildernd auswirken. „Unsere Maßnahmen werden rigoros ausfallen“, kündigt Wettstein an.

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