HSV 1:2 bei Hertha BSC

Gisdol ist nach dem Eckball-Desaster von Berlin auf Zinne

Das Krisenduell geht verloren. Gisdol reagiert "total verärgert", auch Diekmeier mit Redebedarf. Freude über Arps historisches Tor.

Berlin. Ein Tag für die Geschichtsbücher – und dennoch steht der HSV im siebten der vergangenen acht Spiele der Fußball-Bundesliga komplett ohne Punkte da. Nach der 1:2 (0:1)-Niederlage im Krisengipfel bei Hertha BSC und dem Verharren auf Relegationsplatz 16 gibt es für Hamburg immerhin einen Grund zur Freude, denn Nachwuchsstürmer Fiete Arp krönte eine starke Leistung nach seiner Einwechslung in der 56. Minute mit seinem ersten Bundesligatreffer.

Die HSV-Profis in der Einzelkritik

Dabei bewies der Stürmer seinen Torinstinkt, indem er eine schöne Kombination über Dennis Diekmeier (Flanke nach Pass von Tatsuya Ito) und Kyriakos Papadopoulos (Kopfball-Vorlage) mit einem satten Volleyschuss abschloss. Als der Ball mit Hilfe des linken Innenpfostens den Weg ins Berliner Tor fand, war vor rund 8000 mitgereisten Fans und den Augen der Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Berti Vogts auf der Tribüne ein neuer HSV-Rekord perfekt: Nie war ein Torschütze der Rothosen jünger als der erst 17 Jahre alte Arp. In der Bundesliga katapultierte sich der Torjäger auf Rang sieben.

Zweimal bei Standards geschlafen

Dennoch kam der Treffer des begehrten U-Nationalspielers, der später sogar noch die Chance auf den Ausgleich hatte (86.), zu spät. Schuld waren wiederholte Schlafmützigkeiten der Hamburger Defensive bei Standardsituationen. In der 17. Minute durfte Innenverteidiger Niklas Stark nach einem Eckball durch Marvin Plattenhardt von der rechten Seite unbedrängt zu seinem ersten Saisontreffer einköpfen. Gleich drei HSV-Profis waren am kurzen Pfosten mit hochgesprungen, doch weder der ganz schwache Rick van Drongelen, noch André Hahn und Papadopoulos bedrängten Stark ernsthaft.

Kurz nach Wiederbeginn dann fast eine Kopie des ersten Treffers: Diesmal schlug Mitchell Weiser von rechts einen Eckball in den Fünfmeterraum, wo sich Karim Rekik energisch gegen Albin Ekdal durchsetzte. Der Schwede wurde wenig später wie auch der extrem blasse Bobby Wood ausgetauscht. Es kamen die Youngster Ito und Arp – und mit ihnen neue Hoffnungsschimmer. "Fiete, Aaron Hunt und Ito haben alle nochmal mehr Schwung gebracht", befand denn auch Diekmeier bei Sky.

HSV gewinnt die Eckball-Statistik

Dennoch überwog beim Rechtsverteidiger das Unverständnis über die eigenen Standardschwäche. "Es ist extrem ärgerlich, dass wir heute so extrem blöde Standardtore bekommen. Das müssen wir uns noch einmal angucken, das darf natürlich nicht sein." Dabei hatte zumindest Hertha-Ikone Andreas "Zecke" Neuendorf gewusst, worauf es beim Eckball-Festival (11:9 für den HSV) an diesem Sonnabend ankommen würde. "Ich habe gesagt, ein Standard könnte entscheidend sein", sagte Neuendorf schon in der Halbzeitpause bei Sky.

Gisdol ist "total verärgert"

"Wir haben die erste Halbzeit total verschlafen, wir wollten eigentlich die gute Leistung gegen Bayern bestätigen", sagte Torhüter Christian Mathenia, der bei einem Berliner Konter durch Davie Selke noch das 1:3 verhindert hatte. "Wir müssen jetzt Tacheles reden", forderte Mathenia anschließend.

Den größten Frust trug aber Gisdol zur Schau. "Ich bin nicht nur frustriert, sondern total verärgert", sagte der Coach, der ungeachtet des Hamburger Spielerkreises unmittelbar nach dem Schlusspfiff in den Katakomben verschwand. "Wir machen uns schon wieder ein Spiel kaputt, in dem wir auf Augenhöhe sind. So haben wir keine Chance zu punkten. Es bringt ja nichts, wenn wir Woche für Woche an einem Plan arbeiten und in den entscheidenden Momenten schlafen."

Vor allem das Verhalten bei den folgenschweren Eckbällen stieß Gisdol bitter auf. "Die Standardsituationen waren ganz klar besprochen", erklärte der 48-Jährige, der mitansehen musste, wie die Zuteilung in den entscheidenden Situationen dennoch nicht stimmte: "Wenn wir dann zwei solche Tore herschenken, hast du es auch nicht verdient, etwas mitzunehmen."

Werder kann am HSV vorbeiziehen

Und so gab es nach der fünften Pleite in Folge im Berliner Olympiastadion am Ende neben der Freude über Torschütze Arp immerhin noch ein weiteres, jedoch schwächeres Trostpflaster: Da Schlusslicht 1. FC Köln in Leverkusen noch eine Führung aus der Hand gab (1:2), bleibt zumindest der Abstand auf Platz 18 nach dem 10. Spieltag konstant (5 Punkte). Sollte Werder Bremen allerdings am Sonntag gegen Augsburg gewinnen, würde der HSV erstmals in dieser Saison auf einen direkten Abstiegsplatz abrutschen.