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Gisdols Kabinenansprache: „Es kann schon mal krachen“

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Kriegt der HSV die Krise? Ein DFB-Psychologe erklärt, wie die Mannschaft das traumatische 0:8 von München aus den Köpfen bekommt.

Hamburg.  Um kurz vor 13 Uhr fuhr Christian Spreckels mit seinem Fahrrad im Volksparkstadion vor. Rund zwei Stunden hatte der Diplom-Psychologe am Montag Zeit, sich vor dem Training um die Mannschaft des HSV zu kümmern. Besser gesagt: um die Köpfe der Spieler. Zwei Tage nach dem 0:8 in München ging es bei den Hamburgern noch immer um die Aufarbeitung der Bayern-Blamage.

Seit vier Monaten arbeitet Spreckels als Teampsychologe beim HSV. Noch nie waren seine Dienste so wichtig wie zu Wochenbeginn. Bereits am Mittwoch (18.30 Uhr/Sky) müssen die Hamburger wieder im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach antreten. Viertelfinale. Eine große Chance für den Club. Doch nach dem neuerlichen Debakel stellt sich die Frage: Kriegt der HSV jetzt die Krise?

„Natürlich besteht die Gefahr, dass so etwas länger hängen bleibt“, sagte Trainer Markus Gisdol noch am Sonnabend. Zwei Tage später sah die HSV-Welt schon wieder ein wenig anders aus. „Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen, das Erlebnis schnell abzuschütteln“, sagte Gisdol am Montag. Und dabei soll auch Teampsychologe Spreckels helfen. „Er begleitet unser Team in allen Momenten“, sagt Gisdol. Auch in München war Spreckels dabei. Der Mentalcoach arbeitet nah an der Mannschaft, hält sich öffentlich allerdings im Hintergrund auf.

Gisdol verzichtete auf eine Videoanalyse

Am Montag nutzten einige Spieler das offene Gesprächsangebot. „Es war wichtig, dass wir deutlich und klar über das Spiel gesprochen haben“, sagte Gisdol. Die Mannschaftsansprache übernimmt der Cheftrainer immer noch selbst. „Es kann dann schon mal krachen, aber das soll dann auch reichen“, sagt Gisdol. Auf eine Videoanalyse hat er verzichtet. „Es gab so viele negative Momente, die den Spielern wehgetan haben. Es macht keinen Sinn, die noch zu verstärken“, sagte Gisdol zur Begründung.

Eine bewusste Entscheidung, die sich mit den Methoden der Sportpsychologie deckt. „Ein Psychologe kann Techniken vermitteln, mit denen die Spieler nach solchen Erlebnissen Umschaltprozesse im Kopf erzeugen“, sagt Werner Mickler. Der 63-Jährige leitet die sportpsychologische Ausbildung für angehende Fußball-Lehrer des DFB in Köln. Mickler erklärt: „Der Spieler muss die negativen Bilder ausschalten und in der Lage sein, auf positive Erfahrungen zurückzugreifen.“

Eine Methode, mit der sich die Hamburger in der Vergangenheit schon mehrfach aus ähnlichen Situationen befreit haben. Umso erstaunlicher, dass der Lerneffekt erneut ausgeblieben ist. Immer wieder fällt der Club in alte Muster zurück. „Es ist ein Phänomen beim HSV, dass nach ein paar gewonnenen Spielen der Glaube entsteht, man hätte etwas erreicht. Das passt nicht zur Hamburger Mentalität, Ruhe auszustrahlen“, sagt DFB-Psychologe Mickler, der das Spiel am Sonnabend am Fernseher verfolgt hat. „ Ich würde mir wünschen, dass sich der HSV auf die Konsolidierung konzentriert.“

Papadopoulos kehrt zurück

Doch offenbar wähnte sich der HSV nach vier Pflichtspielen ohne Niederlage schon weiter als gedacht. Das gab auch Gisdol zu, als er am Montag auf die Frage, ob ihn die Schwankung in dieser Form überrascht habe, mit einem klaren „Ja“ antwortete. „Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, an andere Sphären zu denken.“

Im DFB-Pokal sieht Gisdol eine Chance, die Stimmung schnell wieder zu drehen. „Der Pokal ist die Möglichkeit, außerhalb vom Alltagsstress auf einer anderen Ebene etwas zu erreichen. Da können wir befreit aufspielen.“ In München dagegen wirkte der HSV phasenweise wie gelähmt. Als sich die erneute Klatsche andeutete, wurden die Beine schwer. „Wenn die Gedanken kommen, hoffentlich passiert es nicht, dann passiert es. Dann entsteht ein Gefühl der Angst vor der Angst. Man verkrampft und blockiert“, sagt Psychologe Mickler.

Matz ab nach dem Desaster beim FC Bayern München

Die mentale Blockade als alleinige Ausrede will Mickler aber nicht gelten lassen. „Beim HSV fehlten Führungsspieler wie Papadopoulos, die auf dem Platz das Signal geben: so geht es nicht.“ Jener Kyriakos Papadopoulos, der den HSV in den vergangenen Wochen zu den Siegen gegen Leverkusen und in Leipzig geführt hatte und sich dann gegen Freiburg an der Schulter verletzte, steht Gisdol am Mittwoch wieder zur Verfügung.

Der HSV-Trainer ist überzeugt, dass die Mannschaft gegen Gladbach wieder ihr anderes Gesicht zeigt. „Ich habe große Hoffnungen, dass wir es schaffen, in unserem Stadion das Publikum schnell wieder auf unsere Seite zu bekommen.“ Ein Einzug ins Pokal-Halbfinale dürfte die Fans zumindest wieder ein bisschen versöhnen.