Nach Nordderby

Geht der Hamburger SV geschlossen in die Zweite Liga?

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Henrik Jacobs, Kai Schiller

Beim 2:2 im Nordderby zeigt sich der HSV als Einheit, verharrt aber auf Platz 18. Was wird aus Beiersdorfer?

Hamburg.  Der Applaus der HSV-Fans wollte gar nicht mehr enden. Als Lewis Holtby am Sonntag um 12.40 Uhr die urige Gaststube des Fanclubs Rauten Bengelz und Engels in Barmbek betrat, feierten ihn die 40 Anwesenden mit Ovationen. Fast hätte man meinen können, der Mittelfeldspieler wäre mit seinem Team nach einem triumphalen Derbysieg gegen Werder Bremen in die Europapokalränge vorgestoßen. Tatsächlich war die Stimmung bei Fanclub-Chefin Beate Fahci und den Mitgliedern so munter, als wäre alles gut rund um den HSV. „Wir wollen heute positive Stimmung schnuppern“, sagte Holtby über die Fanclubbesuche der Spieler quer durch die Republik.

Am Tag zuvor fiel der Beifall für die HSV-Profis deutlich geringer aus. Beim 2:2 (2:2) gegen Werder Bremen verpasste es die Mannschaft auch im zwölften Saisonspiel, den sehnlich erwarteten ersten Sieg zu verbuchen. Vor allem aber verpasste es der HSV, durch einen Erfolg gegen den direkten Konkurrenten bis auf einen Punkt an Relegationsrang 16 heranzurücken. Mit nur vier Zählern bleiben die Hamburger Tabellenletzter. Und so war es am Ende im Stadion eine merkwürdige Stimmung. Nach dem Schlusspiff wusste kaum einer der 55.237 Zuschauer, wie er das Ergebnis einorden sollte. Entsprechend ruhig war es auf den Rängen im Volkspark.

Gisdol fordert neue Abwehrspieler im Winter

Kapitän Gotoku Sakai, der sich am Sonntag auf der Nordseeinsel Föhr vom Fanclub HSV Föhr Forever trösten ließ, fand das Ergebnis „einfach richtig schade“. Nicolai Müller, der in Neustadt an der Ostsee den Fanclub „Hafensänger“ besuchte, war „irgendwie enttäuscht“. Und Michael Gregoritsch, zu Gast bei „Jade Raute“ in Wilhelmshaven, empfand ein „Mittelding aus Frust und Freude“. Freude einerseits, weil der Österreicher den HSV in einer guten ersten Halbzeit zweimal in Führung gebracht hatte. Frust andererseits, weil es am Ende trotzdem nicht zum ersten Saisonsieg reichte. Und so lautete das Fazit des „Schicksalsderbys“: weder Fisch noch Fleisch.

Dass die Fans die Hamburger Spieler am Tag danach mit Applaus empfingen, hatte vor allem damit zu tun, dass sich der HSV zum zweiten Mal in Folge als Einheit präsentierte. Wie schon beim 2:2 in Hoffenheim setzte Trainer Markus Gisdol auf bedingungslose Geschlossenheit. Das dreitägige Trainingslager im niedersächsischen Barsinghausen in der Woche vor dem Spiel hatte seine Wirkung nicht verfehlt. „Es wächst ganz langsam etwas heran“, sagte Gisdol am Sonntag. Ähnlich äußerten sich seine Spieler. „Die Mannschaft lebt“, sagte Torhüter Christian Mathenia. Auch Nicolai Müller, der das zwischenzeitliche 2:1 mit einem Weltklasse-Sprint vorbereitet hatte, lobte den neuen Geist in der Mannschaft. „Es war ein ganz, ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung.“

Die HSV-Spieler in der Einzelkritik

Zum ersten Mal in dieser Saison konnte Gisdol zum zweiten Mal in Folge mit derselben Formation starten. Diese Formation offenbarte gegen Bremen allerdings auch, dass sie in dieser Besetzung kaum in der Lage sein wird, die Klasse zu halten. Genauer gesagt: Mit dieser Abwehr wird es sehr schwer, in der Bundesliga ein Spiel zu gewinnen. Die Viererkette um Dennis Diekmeier, Johan Djourou, Gideon Jung und Douglas Santos wackelte gegen Werder in etwa so heftig wie die Bremer Torschützen Fin Bartels und Serge Gnabry mit ihren Hinterteilen, während sie die Hamburger Abwehrspieler umkurvten.

HSV-Coach Gisdol machte am Sonntag noch einmal mit Nachdruck deutlich, dass er im Winter mindestens zwei neue Defensivspieler benötigt. „Wir müssen da etwas tun, das ist unabdingbar“, sagte Gisdol und adressierte diese Aussage mit einem dicken Stempel an das Büro von Dietmar Beiersdorfer. Der Club und (Noch-)Sportchef in Personalunion hatte es im Sommer versäumt, im Defensivzen­trum eine Verstärkung zu finden. Ein fataler Fehler, den der HSV möglicherweise mit dem Abstieg bezahlen muss.

Es ist nur einer von zahlreichen Fehlern, die der Vorstandsvorsitzende begangen hat. Trotz der Aufforderung von Aufsichtsratschef Karl Gernandt im kürzlich erschienenen Abendblatt-Interview, „dringend“ einen neuen Sportchef zu präsentieren, hat Beiersdorfer noch immer keine Lösung gefunden. Nach Gernandts Aussagen („das Manöver des letzten Augenblicks“) rechneten viele damit, dass Beiersdorfer nach einer Niederlage gegen Bremen hätte gehen müssen. Doch offenbar will der HSV mit allen Mitteln versuchen, den großen Knall zu vermeiden.

„Es ist wichtig, dass im Verein jetzt Ruhe einkehrt“, sagte Matthias Ostrzolek nach dem Derby. Die interne Forderung nach zwölf Punkten bis zur Winterpause wies Trainer Gisdol am Sonntag mit Vehemenz zurück. „Eine Punktemarke auszugeben halte ich für die Mannschaft nicht für förderlich.“ Angesichts der ebenfalls kaum punktenden Konkurrenz aus Ingolstadt, Bremen und Darmstadt bleibt der HSV trotz des historisch schlechten Starts in Reichweite des rettenden Platz 15.

Und so bewahren sich auch die Fans den Optimismus. „Nächste Woche schlagen wir Darmstadt. Dann sieht die Welt gleich anders aus“, sagte am Sonntag einer der Barmbeker Rauten Bengelz. Dem HSV wird tatsächlich keine andere Wahl bleiben.

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