Hamburger SV

Labbadia könnte jetzt ein kleines HSV-Kunststück gelingen

Will in Köln für den besten HSV-Saisonstart seit fünf Jahren sorgen: Bruno Labbadia

Will in Köln für den besten HSV-Saisonstart seit fünf Jahren sorgen: Bruno Labbadia

Foto: TimGroothuis / Witters

Der Coach zeigte sich auch nach dem sagenhaften 3:2-Sieg gegen den VfB überrascht von seinen Profis. Last-Minute ist beim HSV in Mode.

Hamburg. Damit hatte Bruno Labbadia offenbar nicht gerechnet. „Ich muss zugeben, dass ich positiv überrascht war“, scherzte der HSV-Trainer am Sonntagmittag nach dem regenerativen Vormittagstraining. Gemeint war aber keineswegs der glückliche 3:2-Sieg gegen den VfB Stuttgart am Vorabend, sondern vielmehr die pünktliche Ankunft seiner Profis am Morgen danach im Volkspark. „Die ganze Stadt war ja wegen der Cyclassics abgesperrt“, sagte Labbadia, der sich selbst zu spät um die Anfahrtswege gekümmert hatte und seinen Wagen 20 Minuten entfernt vom Stadion an der Ecke Binsbarg/Schnackenburgsallee abstellen musste. „Am Ende waren aber alle pünktlich auf die Minute.“

Pünktlich auf die allerletzte Minute – das galt vor allem für die Partie gegen Stuttgart am Vorabend. 1:2 hatte der bis dahin enttäuschende HSV nach 84 intensiven, aber alles in allem mäßigen Minuten gegen den VfB zurückgelegen. Und obwohl Stuttgart sogar mehr als eine halbe Stunde in Unterzahl spielen musste – Florian Klein hatte sich mit zwei Gelben Karten innerhalb von 82 Sekunden zwischen der 52. und 53. Minute selbst aus dem Spiel genommen – deutete wenig außer Labbadias Bauchgefühl auf eine Wende zum Guten hin. „Ich wusste, dass noch etwas passiert“, sagte der Trainer, der spät, aber eben nicht zu spät recht behalten sollte. Innerhalb weniger Minuten trafen erst der eingewechselte Pierre-Michel Lasogga (84.) und in buchstäblich letzter Minute Innenverteidiger Johan Djourou im Stile eines echten Torjägers (89.). „Was für ein geiler Sieg, oder?“, fragte der ebenfalls eingewechselte Olic, der Lasoggas Tor zum 2:2 vorbereitet hatte.

Labbadia hält Chaos für normal

Fürwahr, ein „geiler Sieg“, der Erinnerungen an die Last-minute-Rettung im Mai gegen den Karlsruher SC aufkommen ließ. So glich der Volkspark am Sonnabend beim Schlusspfiff einem Volksfest, wo zum Höhepunkt des Abends Freibier für alle verkündet wurde. Es wurde gejubelt, getanzt und gefeiert, als ob der HSV erneut Relegationsmeister geworden wäre. „Nach dem Schlusspfiff hat man gemerkt, wie groß der Druck gewesen ist“, sagte Trainer Labbadia am nächsten Mittag. „Keine Frage, der Sieg tut uns in unserer aktuellen Situation richtig gut.“

Einzelkritik: Ilicevic trieb unermüdlich an, Jung wurde immer besser

Jenagate, Rucksackgate, der Schuhstreit, die 0:5-Klatsche am ersten Spieltag in München und ein völlig überflüssige Ärger über einen angeblichen Kabinenzwist, den es tatsächlich nie gegeben haben soll. Die aktuelle Situation, von der Labbadia am Sonntag ganz entspannt sprach, hätte bei einer weiteren Pleite gegen Stuttgart zu implodieren gedroht. „Vielleicht gehört einfach ein bisschen Chaos zu uns“, sagte der Trainer. „Der Negativstrudel nach Rückschlägen ist bei uns immer schnell da. Damit müssen wir leben. Das hat sich der Verein auch irgendwie über viele Jahre erarbeitet.“

Djourou lobt großen Charakter

Neben dem Image des unverbesserlichen Chaosclubs hat sich Labbadias Mannschaft aber spätestens nach dem Last-minute-Sieg am Sonnabend auch den Nimbus einer niemals aufgebenden Einheit erkämpft. Denn der späte Erfolg gegen Stuttgart war keinesfalls ein glücklicher Einzelfall, sondern fast schon der Regelfall. „Diese Mannschaft zeigt immer wieder großen Charakter, wenn sie am Boden scheint“, sagte Djourou nach seinem späten Tor zum 3:2. So hat der HSV unter Labbadia in fünf von elf Spielen einen entscheidenden Treffer in den letzten drei Minuten erzielt: Djourou gegen Stuttgart (89.) und Michael Gregoritsch in Jena (90.+4), als es immerhin für die Verlängerung reichte. Zum Ende der vergangenen Saison gelang Gojko Kacar gleich zweimal ein später Treffer beim 1:1 gegen Freiburg (90.) und beim 2:1 in Mainz (87.). Und natürlich der König aller Last-minute-Tore: Marcelo Díaz’ Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 in Karlsruhe (90.+2).

„In der Halbzeitpause, als wir gegen Stuttgart mit 1:2 zurücklagen, habe ich der Mannschaft noch mal gesagt, dass wir nicht auf ein 2:2 spielen wollen“, sagte Labbadia, „ich habe gesagt, dass wir gewinnen wollen.“

Kaum Impulse nach vorne

Das war insofern bemerkenswert, als dass dem HSV vor der Last-minute-Wende kaum etwas gelingen wollte. Die im Vergleich zum 0:5 von München unveränderte Startelf spielte zunächst auch unverändert uninspiriert. Besonders dem Dreiermittelfeld mit Ekdal (befriedigend), Jung (gerade noch befriedigend) und Holtby (ganz und gar nicht befriedigend) gelang kaum Impulse im Spiel nach vorne, wo das Offensivtriumvirat mit Ilicevic, Schipp­lock und Gregoritsch überwiegend abgemeldet war. „Nach dem Sieg fangen wir nicht zu spinnen an“, relativierte Labbadia. „Wir wissen, dass wir noch einen brutalen Weg vor uns haben.“

Immerhin die Richtung auf diesem Weg scheint erstmals in dieser Saison wieder zu stimmen. Am Sonnabend tritt der HSV nun in Köln an. „Auch da wollen wir punkten“, sagt Labbadia. Zwei Siege in den ersten drei Spielen, das ist dem HSV zuletzt vor fünf und vor sechs Jahren gelungen. Der Trainer vor sechs Jahren: Bruno Labbadia.