Bundesliga

Ginczek wollte zum HSV – darum scheiterte der Wechsel

Daniel Ginczek, 24, kehrt mit dem VfB nach Hamburg zurück

Daniel Ginczek, 24, kehrt mit dem VfB nach Hamburg zurück

Foto: Daniel Maurer / dpa

In Hamburg will der VfB-Stürmer am Sonnabend erneut unter Beweis stellen, warum er ein Kandidat für die Nationalmannschaft ist.

Hamburg/Stuttgart. Das Treffen liegt zweieinhalb Jahre zurück. Aber an das Gespräch im Wohnzimmer seines damaligen Zuhauses in Harvestehude kann sich Thorsten Fink ganz genau erinnern. „Ich wollte Daniel Ginczek davon überzeugen, zum HSV zu kommen“, sagt Fink, gerade auf der Autobahn Richtung Wien unterwegs, am Telefon. „Und Daniel wäre auch gerne zum HSV gewechselt.“ Und obwohl das Treffen eine gefühlte Ewigkeit mit fünf HSV-Trainerwechseln und vier Relegationsspielen her ist, kann sich auch Ginczek gut an Finks Wohnzimmer-Werben erinnern: „Es stimmt, dass ich mit Herrn Fink gute und lange Gespräche hatte. Er wollte mich unbedingt zum HSV holen. Und auch ich wollte zum HSV, aber der damalige Manager wollte mich nicht wirklich.“

Vergangenheit. Der damalige HSV-Manager ist heute Manager in der Fußballdiaspora bei Paok Saloniki, Thorsten Fink ist mittlerweile Trainer bei Austria Wien. Und Daniel Ginczek? Der wechselte statt zum HSV vom FC St. Pauli über Nürnberg zum VfB Stuttgart. Und gilt da spätestens seit seinem furiosen Comeback nach einer Kreuzbandverletzung mit neun Scorerpunkten (sieben Tore und zwei Vorlagen) in den letzten neun Spielen der vergangenen Saison als der entscheidende Mann für den Klassenerhalt – und als echter Kandidat für die Nationalmannschaft.

„Natürlich träume ich von einer Nominierung. Welcher Fußballer macht das nicht?“, beantwortet der Stürmer die Frage nach seinen DFB-Ambitionen mit einer Gegenfrage.

Dabei hätte Daniel Ginczek allen Grund, ein dickes Ausrufezeichen zu setzen. Denn vor seiner Rückkehr nach Hamburg am Sonnabend (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) gibt es kaum einen deutschen Stürmer, dem derart gute Perspektiven nachgesagt werden wie ihm. 24 Jahre jung, 1,91 Meter groß, die Schultern so breit wie ein Kleiderschrank, dazu mit einem Schuss gesegnet, der einer Naturgewalt gleicht. „Daniel hat schon damals alles mitgebracht, was einen überdurchschnittlich guten Bundesligastürmer ausmacht“, sagt Fink und zählt noch auf: „Eine super Größe, Schnelligkeit und einen robusten Körper. Zudem ist er auch noch gut am Ball.“

Nun will es der Zufall so, dass in der Woche nach der Partie zwischen dem HSV und Stuttgart Bundestrainer Joachim Löw sein Aufgebot für das nächste Länderspiel gegen Polen bekannt gibt. Und dass Ginczek in dieser Partie – rein theoretisch natürlich – sogar auf beiden Seiten eingesetzt werden könnte, ist selbstverständlich auch: nur Zufall. „Die Sache mit der polnischen Nationalmannschaft ist lange abgehakt“, sagt der gebürtige Nordrhein-Westfale. „Als ich 17 war, hatte sich der polnische Verband bei mir erkundigt, weil meine Großeltern aus Schlesien kamen. Aber die ganze Sache war auch schnell wieder vorbei. Ich habe mich immer mit der deutschen Nationalmannschaft identifiziert.“

Der gebürtige Westfale fühlte sich in der Hansestadt Zuhause

Zukunftsmusik. Im Hier und Jetzt will Ginczek mit dem VfB zunächst mal den krisengeschüttelten HSV ein weiteres Mal ärgern. „Immerhin kann man behaupten, dass es nie langweilig wird in Hamburg ...“, sagt der frühere St. Paulianer, der trotz der Hamburger Pleiten-Pech-und-Pannen-Serie noch immer großen Respekt vor dem HSV hat. „Trotz aller Schlagzeilen ist und bleibt der HSV in Hamburg eine Macht. Auch als St.-Pauli-Profi habe ich gemerkt, dass der HSV jeden Tag das Stadtgespräch ist – in guten wie in schlechten Zeiten.“

Als „schönste Zeit als Profi“ bezeichnet Ginczek noch immer sein Jahr beim FC St. Pauli. „Ich habe mich in Hamburg extrem wohlgefühlt“, sagt der Torjäger, der in der Grindelallee gegenüber der Campus Suite gewohnt hat. „Am meisten vermisse ich aber das TH2 am Mühlenkamp. Dort war ich sehr oft mit Kevin Schindler, wenn wir mal einen freien Nach- oder Vormittag hatten.“ Und natürlich wäre er auch immer mal wieder mit den St.-Pauli-Kollegen auf dem Kiez oder in der Schanze gewesen. „Viele Kontakte nach Hamburg habe ich aber nicht mehr. Ab und an schreibe ich mich noch mit Timo Schultz. Die meisten anderen, mit denen ich gespielt habe, sind ja gar nicht mehr in Hamburg.“

So ist das Leben als Fußballprofi. Für Ginczek war es in diesem Sommer das erste Mal in fünf Jahren, dass er nicht umziehen musste. Und mit Robin Himmelmann, Sören Gonther, Christopher Buchtmann, Lennart Thy und Jan-Philipp Kalla stehen auch gerade noch fünf Kiezkicker aus der gemeinsamen Zeit beim FC St. Pauli unter Vertrag. Trotzdem würde Ginczek gerne mal wieder ein wenig Zeit in der alten Heimat verbringen. „Ich hatte mir immer vorgenommen, dass wir mit der ganzen Familie an einem spielfreien Wochenende in der Länderspielpause mal einen Hamburg-Bummel machen. Bislang hat das leider nicht geklappt.“

Ob Ginczeks nächster Hamburg-Besuch ausgerechnet an einem Länderspielwochenende klappt, scheint fraglich. „Als HSV-Trainer wollte ich nicht, dass der HSV nach Max Kruse noch mal einen potenziellen Nationalspieler von St. Pauli verschläft“, sagt Thorsten Fink. „Doch genau dieser Fall wird wohl bald eintreten.“

Hamburg und das TH2 müssen wohl vorerst weiter warten.

Info: Im Anschluss an das VfB-Spiel am Sonnabend gibt es wieder ein "Matz ab"-Live. Für die Spieltagsanalyse begrüßen die Blogger Dieter Matz und Marcus Scholz diesmal die Ex-HSV-Profis Andreas Merkle und Jürgen Stars.