Rucksackaffäre beim HSV

Knäbel: „Ich bin das perfekte Bauernopfer“

Peter Knäbel

Peter Knäbel

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Während der HSV eine unabhängige Kanzlei beauftragt hat, Ermittlungen in der Rucksack-Affäre aufzunehmen, droht Streit im Aufsichtsrat.

Hamburg. Um den Schlaf, das konnte Peter Knäbel am Dienstagmorgen guten Gewissens versichern, habe ihn „Rucksackgate“ noch nicht gebracht. „Man wird es kaum glauben, aber ich habe tatsächlich ganz gut geschlafen“, sagte der Sportchef, der im Gespräch mit dem Abendblatt allerdings nicht verhehlen wollte, dass ihm die vergangenen Tage ordentlich zugesetzt hätten: „Leider darf ich zur Sache keine näheren Angaben machen, weil es sich mittlerweile um ein laufendes Strafverfahren handelt. Aber das alles geht mir schon sehr nahe.“

Das alles, damit meinte Knäbel die Geschichte, die so seltsam daher kommt, dass man sie selbst dem HSV nicht zugetraut hat. Ganz viel Aktenzeichen XY und Sherlock Holmes, ganz wenig Sportschau und Sportstudio. So soll die „Bild“-Zeitung den HSV am frühen Sonntagmorgen davon in Kenntnis gesetzt haben, dass sich eine Altenpflegerin bei der Redaktion gemeldet hatte, die angeblich Dutzende interne Dokumente wie Gehälter und Prämienvereinbarungen des HSV im Jenischpark gefunden habe. Zwar entschied sich die Chefredaktion der „Bild“-Zeitung nach langen Gesprächen mit der HSV-Führung am Sonntag gegen eine Veröffentlichung der hochsensiblen Dokumente, sorgte aber mit der bundesweiten Titelgeschichte dennoch für ein mediales Beben. „Wie kam die HSV-Gehaltsliste in diesen Park?“, fragte die „Bild“ und zeigte ein Foto des Jenischparks.

Auch zwei Tage später haben weder Knäbel noch der HSV auf diese so simpel klingende Frage eine plausibel klingende Antwort parat. Nur eines ist dem Manager wichtig: „Ich bin beklaut worden. Dieser aus meiner Sicht nicht unwichtige Fakt kommt mir in der Berichterstattung ein wenig zu kurz.“

Tatsächlich gehen auch die HSV-Verantwortlichen von einem Raubdelikt aus. Und weil es sich bei dem geklauten Rucksack trotz des brisanten Inhalts aus Polizeisicht lediglich um einen Bagatellschaden handelt, hat der Club mittlerweile eine unabhängige Kanzlei für eine sorgfältige Überprüfung engagiert. Sämtliche Zeugen sollen noch einmal befragt, die Abläufe nachgezeichnet und auch die Motivation der Finderin, die sich statt an die Polizei an die „Bild“-Zeitung gewandt hatte, hinterfragt werden. „Ich möchte, dass diese Sache so lückenlos wie nur möglich aufgeklärt wird“, sagt Knäbel.

Doch was passiert, wenn sich „diese Sache“ eben nicht lückenlos aufklären lässt? „Eigentlich bin ich doch das perfekte Bauernopfer“, sagt Knäbel. „Wenn ich mich jetzt entschließen würde, meine Sachen hinzuschmeißen, dann fragt in ein paar Tagen keiner mehr nach. Aber das wird nicht passieren.“ Aus seiner Sicht gibt es nur drei mögliche Szenarien: „Möglichkeit eins: Ich werde freigestellt. Möglichkeit zwei: Der Dieb meldet sich und sagt ,Ich war es.’ Beide Möglichkeiten halte ich allerdings für sehr unwahrscheinlich.“ Und Möglichkeit drei? „Die Ermittlungen sorgen zumindest für eine zufriedenstellende Indizienkette.“

Ob diese den HSV-Verantwortlichen reichen würde, bleibt abzuwarten. „Ich stehe hinter dem, was wir in unserer Erklärung am Montagabend gesagt haben“, sagte HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer am Dienstag. In einem gemeinsamen Statement hatten er und Aufsichtsratschef Karl Gernandt am Vorabend erklärt: „Peter Knäbel genießt das Vertrauen der HSV Fußball AG und wird seine Funktion als Direktor Profifußball weiter ausüben.“

Schadenersatz nicht mehr ausgeschlossen

Doch genau dieser einfache Satz sorgte am Tag danach noch einmal für ordentlich Ärger. Denn offenbar hatte Gernandt das Statement trotz intensiven Mailverkehrs zuvor nicht mit seinen Aufsichtsratskollegen abgesprochen. Und anders als der Chefkontrolleur sollen mehrere Aufsichtsräte sehr wohl arbeitsrechtliche Konsequenzen fordern. Und auch innerhalb des Vorstands ist eine offizielle Abmahnung noch immer nicht vom Tisch.

Ein weiteres Problem: Nachdem Knäbel zuletzt konsequent durchsetzte, dass mit Nicolai Müller, Matthias Ostrzolek, Zoltan Stieber und Petr Jiracek im sogenannten „Schuhstreit“ vier Profis bis zu 30.000 Euro wegen falscher Schuhe vom Gehalt abgezogen wurden, scheinen Schadenersatzklagen wegen der geklauten Vertragsdetails nun nicht mehr ausgeschlossen. Die Vorgeschichte: Dem Quartett soll von Ex-Sportchef Oliver Kreuzer mündlich zugesichert worden sein, Schuhe von anderen Herstellern als von Ausrüster Adidas tragen zu dürfen. Laut einem weiteren „Bild“-Artikels wollte sich Knäbel an diese Abmachung aber nicht mehr halten. Die Retourkutsche: Nun wollen gleich mehrere Berater das „Rucksackgate“ prüfen.

„Ich werde wohl auch in den kommenden Tagen an meinem Stahlhelm festhalten müssen“, sagt Knäbel, der drei Tage vor dem Start in die 53. Bundesligasaison eigentlich nur einen Wunsch hat: „Wir spielen am kommenden Freitag gegen den FC Bayern München. Darüber würde ich gerne reden.“