HSV

Kühne-Vertrauter Gernandt steht auf dem Prüfstand

Nach Rieckhoffs Kritik bietet Kühne den Verkauf aller HSV-Anteile an. Auch Chefkontrolleur Gernandt kontert, steht aber zur Diskussion.

Hamburg.  Acht Tage ließ sich HSV-Investor Klaus-Michael Kühne Zeit – dann holte er zum medialen Gegenschlag aus. Nachdem HSVPlus-Initiator Otto Rieckhoff Kühne und Aufsichtsratschef Karl Gernandt auf der Mitgliederversammlung vor einer Woche heftig kritisiert hatte, folgte Montagnachmittag, kurioserweise parallel zur Aufsichtsratssitzung des HSV, die Retourkutsche. „Was Herrn Rieckhoff dazu bewogen hat, sich jetzt über mich und insbesondere über Herrn Gernandt derart negativ zu äußern, ist mir vollkommen rätselhaft“, ließ Kühne in einem schriftlichen Statement verbreiten. Und weiter fragte er: „Weshalb hat er die letzte Mitgliederversammlung des HSV dazu genutzt, gegen Herrn Gernandt, gegen mich und gegen andere zu polemisieren?“

Eine Antwort auf diese Frage könnte in dem Brief (liegt dem Abendblatt vor) zu finden sein, den Rieckhoff bereits vor der Mitgliederversammlung allen HSV-Vorständen und -Aufsichtsräten geschickt hatte. Dort kritisierte der frühere Chefkontrolleur, der mit Kühne und Gernandt die Ausgliederung geplant hatte, besonders zwei Dinge: zum einen den angeblich mehrfachen Versuch Kühnes, Einfluss auf das operative Geschäft des HSV zu nehmen, zum anderen den seiner Meinung nach übervorteilten Anteilsverkauf durch Gernandt, CEO bei Kühne + Nagel, an seinen direkten Vorgesetzten Kühne. Konkret schrieb Rieckhoff: „Man hat die erarbeitete Bandbreite bei der Wertermittlung durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft für den HSV so lange uminterpretiert, bis dann am Ende offensichtlich ein Wert für Herrn Kühne konsensfähig war. Das alles hat mich sehr überrascht, weil der Vorsitzende des Aufsichtsrats (Gernandt, die Red.) zusammen mit mir noch wenige Monate zuvor eine sehr viel höhere Zahl erst als Basis für eine sinnvolle Anteilsverhandlung gesehen hatte, insbesondere wegen des damit möglichen Abbaus der immensen Verbindlichkeiten. Jetzt hielt er das Ziel nicht mehr für durchsetzbar bei seinem Arbeitgeber Herrn Kühne.“

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Video: abendblatt.tv

Tatsächlich hatte ein unabhängiges Gutachten der Wirtschaftsprüfer KPMG ergeben, dass die im vergangenen Sommer gegründete HSV AG bis zu 330 Millionen Euro wert sein soll. Nachdem sich Kühne allerdings zunächst weigerte, sein Millionen-Darlehen zu diesem Kurs in Anteile umzuwandeln, zeichnete er im Januar dieses Jahres dann doch AG-Aktien – allerdings zu einem neu berechneten Wert. Für 7,5 Prozent AG-Anteile zahlte Kühne 18,75 Millionen Euro. „Hier von einem guten Deal zu sprechen trifft auf Herrn Kühne zu, nicht jedoch auf den HSV“, schrieb Rieckhoff, dem Kühne nun konterte: „Für mich lag der Wert der HSV Fußball AG angesichts der desolaten Lage in der vergangenen Saison bei allenfalls 200 Millionen Euro, nur widerstrebend habe ich mich bereit erklärt, um den Verein zu entschulden, einen beträchtlichen Teil meines Darlehens in eine Beteiligung umzuwandeln und hierfür einen Wert der HSV Fußball AG von 250 Millionen Euro zu akzeptieren.“

Wie sehr die fundamentale Kritik Rieckhoffs Kühne geschmerzt haben muss, wird besonders zum Ende seines Statements deutlich: „Ich bin gern bereit, meine Aktien an Herrn Rieckhoff oder einen von ihm zu bennenden Dritten zu meinem Einstiegspreis, d. h. auf der Grundlage eines Werts von 250 Millionen Euro wieder zu veräußern, da ich überhaupt kein Interesse habe, aus dieser Sache einen kommerziellen Nutzen zu ziehen“, schreibt Kühne, dessen angebotener Anteilsverkauf nur symbolisch gemeint sein dürfte. Auf Rieckhoffs Kritik der wachsenden Einflussnahme („Der Vorgang vor drei Jahren, bei dem das vermeintliche ,Geschenk‘ van der Vaart einschließlich seiner Frau Sylvie auf Druck von Herrn Kühne gegen die damalige sportliche Leitung verpflichtet wurde und den HSV finanziell in die Knie getrieben hat, sollte doch Mahnung genug sein, nur rationale und zukunftsträchtige Entscheidungen innerhalb des Clubs zu treffen. Wo anders entscheidet ein Minderheitsinvestor über Personalien mit?“) geht Kühne nicht näher ein.

Gernandt schließt Rücktritt aus

Dafür lässt es sich der Wahl-Schweizer nicht nehmen, den ebenfalls stark in die Kritik geratenen Gernandt zu verteidigen. „Herr Gernandt hat sich (...) ein besonderes Verdienst erworben, weil er sich, trotz der vielen anderen Aufgaben, die er für Kühne + Nagel wahrnimmt, als Aufsichtsratsvorsitzenden zur Verfügung gestellt hat.“ Dabei ist es genau diese Konstellation, die Rieckhoff – kurioserweise als HSVPlus-Initiator genau dafür mitverantwortlich – in seinem Brandbrief anprangert: „Allein vom Vorsitzenden wird das konterkariert durch seine völlig unnötigen Äußerungen zum operativen Bereich und sogar auf Kosten von leitenden Mitarbeitern. Die Aussagen über Slomka, Stieber, Kreuzer, Knäbel und zuletzt die Veröffentlichungen in Sachen Tuchel sind Beispiele genug.“ Rieckhoffs Schlussfolgerung ist nicht mehr und nicht weniger als eine indirekte Aufforderung, über eine Ablösung Gernandts nachzudenken: „Ich bin gespannt, ob die Gremien aus all dem personelle Konsequenzen ziehen werden und ob überhaupt Alternativen vorhanden sind.“

Wie das Abendblatt erfuhr, wurde am Montag auf der Aufsichtsratssitzung, bei der es eigentlich um die Zukunft des HSV-Nachwuchses ging, tatsächlich noch einmal kontrovers über die Spitze des Kontrollgremiums diskutiert. So soll einigen Kontrolleuren übel aufgestoßen sein, dass Gernandt sein Fernbleiben auf der Mitgliederversammlung bis heute nicht öffentlich erklärt hat. Zum Abendblatt sagte er nun: „Ich kann die Kritik an meinem Fehlen auf der Mitgliederversammlung beim besten Willen nicht nachvollziehen. Man kann nicht an zwei verschiedenen Orten auf der Welt gleichzeitig sein. Die Mitgliederversammlung ist einer von Hunderten Pflichtterminen im Jahr für mich. Als Manager eines 75.000-Mitarbeiter-Unternehmens kann ich mich nicht zerteilen.“ Außerdem habe er keine offizielle Einladung vom Verein erhalten. Schlusswort Gernandt auf die Frage, ob er nach all der Kritik einen Rücktritt als Chefkontrolleur in Erwägung zieht: „Auf gar keinen Fall.“